Yeziden

(nach dem Umayyadenkalifen Yazīd b. Muʽāwiya, oder nach Ized, «Engelswesen, Gott»), Anhänger einer aus einer muslim. mystischen Bruderschaft, die mit dem umayyadischen Kalifen Yazīd b. Muʽāwiya sympathisierte, entstandenen synkretist. Religion mit starken lokalen Einflüssen in kurdischen Siedlungsgebieten im Nordirak, Syrien und dem Südosten d. Türkei, Kaukasus mit Elementen alter kurdischer bzw. indo-­iran. Religionen. Wegen der Verehrung der Y. für den Pfauenengel, Oberhaupt von sieben heiligen Wesen, denen Gott die Leitung der Welt übertragen habe, werden sie von Christen und Muslimen oft fälschlich als «Teufelsanbeter» bezeichnet. Die Y. selbst betrachten sich als auserwähltes Volk und verneinen die Existenz eines Teufels. Y. glauben an einen Gott, der die Schöpfung der Welt an sieben Erzengel übertragen habe, einer davon der Pfauenengel. Sie glauben an die Seelenwanderung, wobei gute Seelen in menschliche, schlechte in tierische Körper eingehen. Ihr wichtigster Wallfahrtsort ist das Grabmal von Scheich ʿAdī (gest. 1160) im Nord-­Irak. Scheich ʿAdī war selbst ein Muslim, der einen mystischen Orden im Kurdengebiet namens ʽAdawiyya begründete. Erst unter Scheich Ḥasan (gest. 1254), einem seiner Nachfolger, entfernte sich der Glaube der Y. erheblich vom «offiziellen» Islam. Die religiösen Lehren werden mündlich in Form von Hymnen und Gedichten von geistlichen Sängern weitergegeben. Y. bilden eine exklusive Gemeinschaft mit strenger Geheimhaltung nach außen und einem Kastenwesen im Innern. Es gibt keine gemeinsamen Gebete. Zu den feststehenden Festen gehören das Neujahrsfest im Frühling und das Vierzigtagefasten im Sommer und im Winter. Als wichtigstes Fest wird die siebentägige Versammlung im Herbst angesehen. Alle Y. sind Kurden, die nur untereinander heiraten. Ihre Zahl wird auf weltweit 200 000 – 300 000 geschätzt, die meisten von ihnen leben im Nordirak, weitere ca. 5000 unter der kurdischen Minderheit in Syrien. Aufgrund von staatlich durch­geführten Zwangsumsiedlungen mussten die irak. Y. ihre früheren Siedlungsgebiete in großer Zahl verlassen. Aus dem Südosten der Türkei, wo es früher große yezid. Gemeinden gab, sind die meisten Y. zwangsweise oder freiwillig emigriert. Während der zweiten Hälfte d. 20. Jh. wanderten viele Y., darunter auch ein großer Teil der Intelligenzija, nach Deutschland aus. Seit 2014 werden die Y. im Nordirak und in Syrien vom sog. Islamischen Staat bedroht: Sie werden ermordet und versklavt. In Deutschland leben 20 000 bis 60 000 Y. v. a. in Nordrhein-­Westfalen und Niedersachsen. In Oldenburg haben sie ein Zentrum etabliert, um sich besser organisieren und ihren Glauben intensiver erforschen zu können. Heutige Yeziden verneinen jegliche Verbindung ihres Glaubens mit dem Islam.

Literatur:
Kleinert, C.: «Eine Minderheit in der Türkei. Die Yezidi», Zeitschrift für Türkeistudien 2 (1993), 223 – 234. – Schmucker, W.: «Sekten und Sondergruppen», in Ende, W./Steinbach, U.: Der Islam in der Gegenwart, 52 005, 725 – 727. – Tagay, S./S. Ortac: Die Eziden und das Ezidentum – Geschichte und Gegenwart einer vom Untergang bedrohten Religion, 2016. – Kreyenbroek, P. G.: Art. ­«Yazīdī», Encyclopaedia of Islam, THREE. – Allison, Ch.: Art. «Yazidis i. General», Encyclopaedia of Islam, THREE.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Anja Pistor-­Hatam, Universität Kiel, Islamwissenschaft

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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