ʿAbduh Muḥammad

(1849 – 1905), Journalist, Religions- und Rechts­gelehrter sowie Großmufti (Mufti) von Ägypten, Ideengeber und Symbolfigur des Reformislam. ʿA. entstammte einer unterägypt. Bauernfamilie. Nach dem Besuch einer Koran- sowie einer weiterführenden Religionsschule kam er 1866 nach Kairo an die Azhar. Hier durchlebte er eine «mystische Phase», bevor ihn 1872 der Kontakt mit Jamāl ad-­Dīn alAfghānī die traditionellen Lehrinhalte in einem neuen, reformist. Licht sehen ließ. Al-­Afghānī war es auch, der ihn an die europäische Literatur in arab. Übersetzung heranführte. Angeregt durch seinen Lehrer und die Lektüre westlicher Bücher schärfte sich ʿA.s Blick für die aktuellen polit. und gesellschaftlichen Probleme Ägyptens. 1876 entschloss er sich, Journalist zu werden, allerdings nicht ohne seine Studien an der Azhar mit dem Titel eines ʿālim (arab. → «Gelehrte») abgeschlossen zu haben. Neben seiner journalist. Tätigkeit erteilte er Privatunterricht und arbeitete als Lehrer an der neugegründeten Hochschule dār alʿulūm (arab. «Haus der Wissenschaften»). Kurz nach dem Regierungsantritt Taufīqs (reg. 1879 – 1892) wurde ʿA. entlassen und in sein Heimatdorf geschickt. Doch schon 1880 konnte er nach Kairo zurückkehren, wo man ihn zum Herausgeber der offiziellen Regierungszeitung al-­Waqāʾiʿ al-­Miṣrīya («Die ägypt. Vorkommnisse») ernannte. Unter seiner Federführung entwickelte sich dieses Journal zu einem Sprachrohr reformist. Ideen, das die Befreiung der Muslime von europäischer Hegemonie und die gleichzeitige Erneuerung des Islams aus eigener Kraft propagierte. Da ʿA. während des nationalist. Aufstandes gegen die Regierung unter Führung von ʿUrābī Pasha 1882 für die Oppositionellen Partei ergriff, musste er Ende desselben Jahres Ägypten verlassen. Über Beirut kam er 1884 nach Paris. Hier traf er wieder auf al-­Afghānī und gab mit ihm zusammen die reformist. Zeitschrift alʿUrwa al-­wuthqā («Das stärkste Band») heraus. Nach Zwischenaufenthalten in Tunis und Beirut gelangte er 1889 schließlich wieder nach Kairo. Rasch fand er eine Anstellung als Kadi. Eine große Ehre und Auszeichnung für ʿA. war seine Ernennung zum ägypt. Großmufti im Jahre 1899. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tode 1905 inne. Während dieser Zeit schrieb er eine Reihe von theolog., jurist. und philolog. Werken und begann, einen umfangreichen Korankommentar zu verfassen, der von seinem Schüler Rashīd Riḍā in dessen Zeitschrift al-­Manār («Der Leuchtturm») veröffentlicht wurde. Gerade diese späten Werke stießen bei vielen Gelehrten auf vehemente Ablehnung und riefen einen Sturm der Entrüstung hervor. ʿA.s Gedanken werden bis heute von vielen reformist. Intellektuellen rezipiert. Viele teilen seine Forderungen nach einer Reform der muslim. Religion durch die Rückkehr zum ursprünglichen Islam, nach Anerkennung der Rechte der Bevölkerung gegenüber ihren (oftmals autoritären) Regierungen und nach einer Befreiung der ­islam. Länder von dem erdrückenden europäischen Einfluss. West­liches Gedankengut und grundlegende muslim. Vorstellungen müssen – so ʿA. – verinnerlicht und zu einer Synthese verarbeitet werden. Letzten Endes war er ein Gelehrter, der seine Argumente theolog. untermauerte und sich dabei auf Ibn Taimīya (gest. 1328), Ibn Qayyim al-­Jawzīya (gest. 1350) und al-­Ghazzālī (gest. 1111) berief. ʿA.s Meinung nach sollte die Reinigung des verderbten Islams durch eine graduelle Reform im Sinne einer Transformation der inneren moral.-religiösen Einstellung und der Neugestaltung des Erziehungswesens und nicht durch eine gewaltsame polit. Umwälzung vollzogen werden. (Reformislam, Fundamentalismus, Revolution)

Literatur:
Adams, C. C.: Islam and Modernism in Egypt. A Study of the Modern ­Reform Movement Inaugurated by Muhammad Abduh, 1933. – Enayat, H.: Modern Islamic Political Thought, 1982. – Kedourie, E.: Afghani and Abduh. An Essay on Religious Unbelief and Political Activism in Modern Islam, 1966. – Büssow, J.: «Re-­imagining Islam in the period of the first modern globalization: Muhammad ʿAbduh and his Theology of unity», A global Middle East (2015), 273 – 320.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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