Afghānī Jamāl ad-­Dīn al-

(1838/39 – 1897), Schriftsteller, Redner und polit. Aktivist, der trotz der wenigen Werke, die er verfasste, ein vielbewunderter Vorreiter des Reformislam und des Pan­islamismus des 20. Jh. war. Der wohl in Iran geborene und mit ­großer Wahrscheinlichkeit schiit. erzogene A. erhielt seine erste Ausbildung an Schulen in Asadabad, Qazvin und Teheran. Anschließend begab er sich zu Studienzwecken zu den schiit. Schreinen im osman. Irak. Über Indien führte sein Weg dann in den 1860 er Jahren nach Mekka, nach Persien und nach Afghanistan, von wo er jedoch 1868 aufgrund seiner polit. Aktivitäten ausgewiesen wurde. Ein Jahr später gelangte A. über Kairo nach Istanbul. Innerhalb kurzer Zeit fand er Zugang zu hohen Hofzirkeln und Reformerkreisen. Doch auch hier zwang man ihn, das Land zu verlassen, da er an der neugegründeten Universität Vorlesungen gehalten hatte, in denen er die Offenbarungslehren der rationalen Philosophie gleichstellte. Von 1871 bis 1879 hielt sich A. in Kairo auf. Er beteiligte sich aktiv an der Gründung von reformist. Zeitschriften und Geheimgesellschaften. Wichtig für die Entwicklung des Reformismus war seine Begegnung mit Muḥammad ʿAbduh, ʿAbd Allāh an-­Nadīm (1843 – 1896), Saʿd Zaghlūl (1858 – 1927) und Yaʿqūb Ṣanūʿ (1839 – 1912), den damals führenden ägypt. Intellektuellen. Schließlich wurde er wegen seines antibrit. polit. Engagements zur unerwünschten Person und musste Kairo den Rücken kehren. 1879 zog er nach Hyderabad in Indien. Als 1881/82 in Ägypten die ʿUrābī-­Revolte ausbrach, residierte A. gerade in Paris, wo er zusammen mit Muḥammad ʿAbduh die panislam. Zeitschrift alʿUrwa al-­wuthqā («Das stärkste Band») herausgab. Über Großbritannien und Persien verschlug es ihn in der Folgezeit nach Russland. Vergeblich versuchte er die russische Führung zum Krieg gegen die Briten zu überreden. 1890/91 kehrte er in den Iran zurück, um dort öffentlich gegen die wirtschaftlichen Zugeständnisse des Schahs an die Europäer zu agieren. Wieder wies man ihn aus, diesmal in den Irak. Doch auch dort sollte A. nicht lange bleiben: Nach einem Zwischenstopp in Großbritannien fand er sich auf Geheiß des osmanischen Sultans Abdülhamid (reg. 1876 – 1909) wieder in Istanbul ein. Als A.s Schüler Mīrzā Reza im Mai 1896 den persischen Herrscher Nāṣir ad-­Dīn Shāh (reg. 1848 – 1896) ermordete, bezichtigten viele Zeitgenossen A. der geistigen Urheberschaft dieses Attentates. Nur kurze Zeit darauf starb er (1897). A.s Wirken war beeinflusst von panislam. und antikolonialist. Vorstellungen: Nur ein Zusammenschluss aller muslim. Länder könne den übermächtigen europäischen Einfluss in der islam. Welt zurückdrängen und die dort vorherrschende Dekadenz, Lethargie und Resignation besei­tigen, wobei A. sich durchaus für einen gewalttätigen Umsturz der bestehenden islam. Regime aussprach. (Fundamentalismus, Revolution)

Literatur:
Keddie, N. R.: Sayyid Jamal al-­Din «al-­Afghani», 1972. – Ders.: An Islamic Response to Imperialism. Political and Religious Writings of Sayyid Jamal al-­Din «al-­Afghani», 1983. – Kedourie, E.: Afghani and ʿAbduh. An Essay on Religious Unbelief and Political Activism in Modern Islam, 1966.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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