Ankaraner Schule

. Mehrere Nachwuchswissenschaftler der Uni­ver­sität Ankara schlossen sich Mitte der 1990 er Jahre zur Ankaraner Schule (Ankara Okulu) zusammen, um ihre Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Koranexegese gemeinsam voranzutreiben und zu veröffentlichen. Sie folgten damit einigen Professoren an der theologischen Fakultät in Ankara, die 1949 nach dem Vorbild der Theologie und Religionswissenschaft an westlichen Universi­täten gegründet worden war, darunter Mehmet Said Hatipoğlu und Hüseyin Atay. Die Fakultät in Ankara blieb bis in die 1980 er Jahre hinein die einzige universitäre Ausbildungsstätte für Theologen in der Türkischen Republik und bildete somit einen Prototyp der modernen Hochschultheologie, wie sie heute an zahlreichen türkischen Universitäten besteht. Zentrale Figuren der A. S. waren um das Jahr 1998 Ömer Özsoy und Mehmet Paçacı. Paçacı hat in Schottland studiert und sich dort mit christlicher Theologie und Philosophiegeschichte befasst. Heute ist er Türkischer Botschafter im Vatikan, nach Stationen als Religionsattaché an der türkischen Botschaft in Washington und Leiter der Auslandsabteilung der türkischen Religionsbehörde (Diyanet İşleri Başkanlığı). Özsoy verbrachte bereits im Anschluss an seine Promotion zwei Jahre in ­Heidelberg (1991 – 1993), kam 2004 als Humboldtstipendiat nach Göttingen und bekleidet seit 2006 bis heute den zunächst von der türkischen Religionsbehörde finanzierten Stiftungslehrstuhl für islamische Theologie an der Goethe-­Universität Frankfurt/Main. Gemeinsam gaben Özsoy und Paçacı die Zeitschrift İslamiyāt heraus, die von 1998 bis 2007 vierteljährlich erschien und in der Türkei auch über Fachkreise hinaus Beachtung fand. Daneben erscheint seit 1995 die Reihe Ankara Okulu Yayınları, die inzwischen über 200 Bände umfasst. Nach der A. S. gilt wie für die Bibelexegese auch für die Koranauslegung, dass der Exeget sich seiner Subjektivität und seiner historischen Bedingtheit bewusst sein muss. Paçacı etwa veröffentlichte 1996 einen Aufsatz mit dem Titel Kurʾan ve ben ne kadar tarihseliz? (Der Koran und ich – wie geschichtlich sind wir?), in dem er die Frage der Zeitgebundenheit des Exegeten im Lichte der Hermeneutik Gadamers erörtert. In der Frage der Historizität der koranischen Offenbarung wiederum lehnt die A. S. sich eng an die Gedanken Fazlur Rahmans an. Dieser entwickelte eine Methodik der zeitgenössischen Koranexegese, die «double-­movement-» oder «Zwei-­Bewegungs-­Theorie», nach der die Gebote des Korans nicht wortwörtlich, sondern in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen seien. Aus den konkreten Handlungsgeboten des koranischen Wortlauts seien die im damaligen historischen Kontext an die zeitgenössischen Adressaten gerichteten ethischen Prinzipien dieser Gebote zu extrahieren. Die offenbarten Gebote müssten im nächsten Schritt wiederum in diesen Prinzipien entsprechende, zeitgemäße Handlungsmaximen übertragen werden. So behalte der Koran seine überzeitliche Aktualität und entfalte über die wortwörtliche Bedeutung hinaus immer wieder neu seine Botschaft. Zwar gibt es weiterhin modernistisch oder reformistisch orientierte Koranexegeten an türkischen Universitäten wie etwa den sehr produktiven Mustafa Öztürk. Die A. S. jedoch hat sich in den Jahren 2007/2008 aufgrund innerer Differenzen, unterschiedlicher Karrierewege und anderer Ursachen wieder aufgelöst.

Literatur:
: Alter Text – Neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute. Ausgewählte Texte, übersetzt und kommentiert von Felix Körner SJ, 2015.

Autor/Autorinnen:
Dr. Kathrin Eith, Universität Halle (Saale), Orientalistik (KE)

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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