ʿĀshūrāʾ

(arab., von hebr. âsôr), der 10. des ersten Monats im islam. Kalender, Muḥarram. Als Fastentag wurde ʿĀ. den Muslimen ursprünglich in Anlehnung an den jüd. Yom Kippur empfohlen. Seit der Einführung des Fastenmonats Ramadan im zweiten Jahr nach der Hijra ist das Fasten am ʿĀ.-Tag freiwillig. Den Schiiten gilt der gesamte Muḥarram, besonders aber dessen 10. Tag, als Trauerzeit. In Trauerfeiern gedenken sie des Märtyrertodes von Ḥusain im Jahre 680 bei Kerbela. Die von Pilgern in Kerbela abgehaltenen Trauerfeiern fanden bereits wenige Jahre nach Ḥusains Tod statt. In den folgenden Jahrhunderten wurden sie v. a. in den Häusern der schiit. Imame und ihrer Anhänger zelebriert. Seit dem 10. Jh. entstanden besondere Gebäude (arab., pers. takīya, Ḥusainīya) für die Trauerfeiern. Im 16. Jh. entwickelte sich in Iran das dramat. Genre des Passionsspiels (taʿzīya), das während des 19. Jh. einen Höhepunkt erlebte. Von Iran aus gelangte der Brauch der ʿĀ.-Feierlichkeiten auf den Indischen Subkontinent und in andere, unter dem Einfluss der iran. Kultur stehende Regionen der Welt. Der Ablauf der Trauerfeierlichkeiten ist genau festgelegt. Zu ihren Bestandteilen gehören a) die Versammlungen der Gläubigen im Hof einer Moschee, einer Ḥusainīya oder an einem anderen Ort während der ersten zehn Tage des Muḥarram; auf diesen Zusammenkünften wird von Predigern die Leidensgeschichte des Prophetenenkels in Form von Elegien rezitiert; b) die Prozessionszüge mit Brustschlägern, Ketten- und Säbelgeißlern, die ihren Höhepunkt am ʿĀ.-Tag in der symbol. Beerdigung Ḥusains finden; c) das Passionsspiel, d. h. die dramat. Nachstellung der Ereignisse von Kerbela. Im Anschluss an die Prozessionen verköstigen wohlhabende Gemeindemitglieder die Bedürftigen in ihren Häusern. Diese Geste gilt als verdienstvoller Akt der Frömmigkeit. Im Vorfeld und während der iran. Revolution 1979 bedienten sich Demonstranten der ʿĀ.-Symbolik, und die Muḥarram-­Feierlichkeiten gerieten zu Demonstrationen gegen das Schah-­Regime.

Literatur:
Ayoub, M.: Art. «ʿĀshūrāʾ», Encyclopaedia Iranica, Bd. 2, 1987, 874 – 876. – Halm, H.: Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, 1994. – Kippenberg, H. G.: «Jeder Tag ʿAshura, jedes Grab Kerbala. Zur Ritualisierung der Straßenkämpfe in Iran», in Religion und Politik in Iran. Mardom-­Nameh. Jahrbuch zur Geschichte und Gesellschaft des Mittleren Orients, 1981, 217 – 256.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Anja Pistor-­Hatam, Universität Kiel, Islamwissenschaft

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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