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Bioethik

Das Gros bioethischer Fragen fällt in den Bereich der Humanmedizin und handelt von Themen wie künstlicher Befruchtung, Sterbehilfe und lebensverlängernden Maßnahmen, Geschlechtsumwandlung oder Vaterschaftstest. Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen bildet eines der wenigen Felder, auf denen heute die Scharia durch neue Normen und in länderübergreifender Weise weiterentwickelt wird. Die Protagonisten muslimischer Bioethikdebatten sind neben Medizinern vor allem islamische Gelehrte. Das liegt zum Teil am konservativ-­religiösen Zeitgeist der letzten Jahrzehnte, zum anderen daran, dass die staatliche Gesetzgebung in vielen Ländern lückenhaft ist, nur zögerlich auf neue Entwicklungen reagiert und insgesamt über wenig Vertrauen in der Öffentlichkeit verfügt. Einen besonders wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung leisten transnationale islamische Gremien wie die ­Islamische Fiqh Akademie (majmaʿ al-­fiqh al-­islāmī) der Musli­mischen Weltliga in Mekka und die gleichnamige Akademie der Or­ganisation der Islamischen Konferenz mit Sitz in Dschidda (Saudi-­Arabien). Im schiitischen Kontext geben herausragende Einzelgelehrte den Ton in bioethischen Debatten an. Abgesehen von wenigen regionalen Besonderheiten wie der hohen Zahl durch Verwandtenehen begünstigter Erbkrankheiten im Nahen Osten und den stets zu berücksichtigenden sozialen Faktoren wie Armut, die z. B. Organhandel fördern kann, gleichen sich die technischen und medizinischen Probleme der Bio- und Medizinethik im Wesentlichen weltweit. Das spezifisch islamische Element in der islamischen Bioethik besteht in dem Versuch, die Bewertung und Regelung moderner medizinischer Möglichkeiten aus Wortlaut und Werten islamischer Texte und Traditionen zu entwickeln. Nur in wenigen Fällen gelingt aber eine direkte Herleitung aus Koran, Hadith und der jahrhundertealten islamischen Rechtsliteratur. Ein Beispiel ist die Prophetenüberlieferung, nach der Muḥammad gesagt habe: «Das Zerbrechen der Knochen bei einem Toten ist ­genauso wie bei einem Lebenden.» Dieser Hadith wurde in Zu­sammenhang mit Organtransplantation diskutiert, allerdings unterschiedlich gewertet, und die im Text angelegte Position der unbedingten Unversehrtheit des Leichnams hat sich nicht durchgesetzt. Selbst bei direktem Textbezug kommt es also auf die Interpretation an. Wesentlich häufiger argumentiert man mit den «Zielen» der Scharia (maqāṣid), erörtert die Folgen und Konsequenzen fraglicher Techniken und wägt Nutzen und Schaden gegeneinander ab. Dabei sind die ideologische Position und Gesellschaftssicht eines Autors oder Gremiums wichtiger für das Ergebnis als der Bestand konkreter Textstellen. Ein Beispiel ist die wiederholt aufgekommene Diskussion um Hymenrekonstruktion, d. h. die künstliche Wiederherstellung oder Vortäuschung eines intakten Jungfernhäutchens, zu der es keine direkt relevanten Aussagen in der islamischen Überlieferung gibt. Je nach Weltsicht soll diese Praxis bis auf wenige Ausnahmen verboten werden, um die Ausbreitung von vor- und außerehelichem Sex zu verhindern; oder sie soll weitgehend freigegeben werden, um die Institution der Ehe gegen die Folgen unvermeidlicher Fehltritte zu schützen, oder auch um der gesellschaftlichen Fixierung auf weibliche Unschuld etwas entgegenzusetzen. Eine gesellschaftspolitische Note haben auch Diskussionen zur Pränataldiagnostik und Gentherapie. So geht es z. B. bei Gentests darum, die neuen Möglichkeiten behutsam in das Gefüge bekannter Normen zu Familie und Verwandtschaft einzubeziehen. Grundlegende Veränderungen, etwa hin zu vorwiegend genetischen Konzeptionen von Abstammung, lassen sich im sunnitischen Islam kaum verzeichnen.

Literatur:
Shabana, A.: «Bioethics in Islamic Thought», Religion Compass 8, no. 11 (2014). – Atighetchi, D.: Islamic Bioethics. Problems and Perspectives, 2007. – Eich, T. (Übers.): Moderne Medizin und Islamische Ethik: Biowissenschaften in der muslimischen Rechtstradition, 2008. – Brockopp, J. E. und Eich, T.: Muslim Medical Ethics: From Theory to Practice, 2008.

Autor/Autorinnen:
Dr. Björn Bentlage, Universität Halle (Saale), Islamwissenschaft (BB)

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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