Nashīd

, bezeichnet zum einen ein Vokalstück innerhalb des reli­giösen Gesangs, dessen Hören und Singen zu einer eigenen Frömmigkeitsform werden kann. Oft rein vokal ausgeführt, wird N. ggf. auch durch Trommel oder Klatschen begleitet. Als N. werden zum anderen die patriotischen Hymnen bezeichnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts in arab. nationalistischen Bewegungen entstanden. Sie verwenden Elemente aus der Militärmusik wie geraden Takt, ­rasches Tempo, typische Motive wie punktierte Viertel- und Achtelnote, Fanfaren; häufig oszillieren die Stücke zwischen orientalischen Modi und europäischer Dur/Moll-­Tonalität. In der Begleitung dominieren Blechbläser und Trommeln. Hymen dieser Art werden heute von islamistischen Gruppen verwendet; die Texte handeln dann von Aufrufen zum Kampf, religiöser Selbstvergewisserung, Gotteslob und Gebeten. Besonders letztere Texte bedienen sich auch musikalischen Materials aus der ersten Gruppe, d. h. ohne Instrumente und z. T. in stark rezitativem Stil. Schließlich ist N. auch der Terminus für eine Gruppe von religiösen Liedern, die stilistisch dem globalen Pop zuzuordnen sind und massenmedial verbreitet werden. Sie dauern drei bis fünf Minuten, weisen die für Popsongs typischen harmonischen Schemata auf, sind überwiegend wortzentriert, aber mit musikalischer Untermalung. Zuweilen treten hier Versionen desselben Songs je nach Zielpublikum auf, z. B. nur mit Percussion oder ganz ohne Instrumente. Die Texte sind neu geschrieben oder Vertonungen klassischer Poesie, z. B. in Originalsprachen wie Arabisch oder Türkisch; insgesamt aber sind alle Sprachen vertreten. Sie beinhalten Prophetenlob, Gebetsformeln (oft mit arabischen Passagen) oder Anleitungen zum vorbildhaften Leben.

Autor/Autorinnen:
Dr. Ines Weinrich, Universität Bochum, Arabistik und Islamkunde

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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