Quṭb Sayyid

(1906 – 1966), Kritiker, Schriftsteller, Dichter, einer der führenden muslim. Intellektuellen, auf dessen Schriften sich nicht nur die gemäßigten, sondern v. a. auch die militanten Gruppen des Reformislam stützen. Der in Oberägypten geborene Q. absolvierte in Kairo eine Lehrerausbildung, um sich anschließend für vier Jahre (1930 – 1934) an der westlich orientierten Universität Dār alʿulūm einzuschreiben. Von 1933 bis 1951 verdiente Q. seinen Lebensunterhalt als Angestellter im Erziehungsministerium. In dieser Zeit entstanden auch seine belletrist., poet. und literaturkrit. Werke. 1948 schickte ihn die Behörde in die USA, damit er dort westliche Unterrichtsmethoden kennenlerne. Letztlich bewirkte der dreijährige Aufenthalt in den Vereinigten Staaten einen Umschwung im Denken Q. s. Zwar hatte er auch schon früher mit reformist. Ideen sympathisiert, doch entschloss er sich nun dazu, sich religiös zu engagieren. Um 1951 trat er der Muslimbruderschaft bei und gab für einige Jahre ihre Zeitschrift al-­Ikhwān al-­muslimūn («Die Muslimbrüder») heraus. Innerhalb kurzer Zeit stieg er zum führenden Ideologen der Gruppierung auf. Nach 1952 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Muslimbrüdern und den Machthabern angesichts der Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Stellung des Islams in Ägypten und der Art der Beziehungen zu Großbritannien. Als Nasser (1918 – 1970) im Oktober 1954 nur knapp einem Attentat entkam, machte er die Muslimbruderschaft für den Anschlag verantwortlich. Die Organisation wurde verboten, und es kam zu Massenverhaftungen und Repressalien. Auch Q. wurde verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Hier radikalisierte sich sein Islamverständnis. Sein 1964 erschienenes Hauptwerk Maʿālim fī ṭ-­ṭarīq («Meilensteine») kreist um den Begriff der jāhilīya. Gemeint ist die «vorislam. Zeit der absoluten Unwissenheit und Ignoranz», in der unzivilisierte Tyranneien die Menschen knebelten und knechteten. In der zweiten Hälfte des 20. Jh. befänden sich sowohl die nichtislam. Welt wie auch die meisten muslim. Länder im Zustand der jāhilīya. Die Regierungen dieser unlauteren islam. Gesellschaften gelte es zu stürzen, um eine neue, nunmehr wahrhaft islam. Ordnung zu errichten. Diesen Sturz könne man nur mittels eines Jihad (Heiligen Krieges) erreichen. Zwar ist nicht klar, ob Q. hiermit in erster Linie aggressiv-­militante Mittel meinte, doch hat ihn eine Reihe militanter Aktivisten in den 1970 er Jahren da­hingehend interpretiert und ihren gewaltsamen Aktionismus gegen die ägypt. Regierung unter Sādāt (reg. 1970 – 1981) unter Berufung auf seine Schriften zu legitimieren versucht. Im Mai 1964 wurde Q. freigelassen, aber bereits im August 1965 wieder festgenommen und wenig später zum Tode verurteilt. Am 29.8.​1966 erfolgte seine Hinrichtung.

Literatur:
Moussalli, A.: Radical Islamic Fundamentalism. The Ideological and Poli­tical Discourse of Sayyid Qutb, 1992. – Damir-­Geilsdorf, S.: Herrschaft und ­Gesellschaft. Der islamistische Wegbereiter Sayyid Quṭb und seine Rezeption, 2003.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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