Ṭahṭāwī Rifāʿa aṭ-

(1801 – 1873), ägypt. Autor, der zur Symbol­figur der arab. «Erneuerung» (nahḍa) im 19. Jh. wurde. Der in Oberägypten geborene T. begab sich 1817 zum Studium an die Universität al-­Azhar nach Kairo, wo ihn sein dortiger Lehrer Ḥasan alʿAṭṭār (1766 – 1834) mit der europäischen Kultur bekanntmachte. 1824 erhielt T. in der ägypt. Armee den Posten eines Imams, und als Muḥammad ʿAlī (reg. 1805 – 1848) im Jahre 1826 44 Studenten zu Ausbildungszwecken nach Frankreich schickte, begleitete T. als einer von vier Imamen die Gruppe. In Paris lernte er Französ. und beschäftigte sich ausgiebig mit europäischer Geschichte, Geographie, Philosophie, Literatur und den westlichen Lebensverhältnissen. Nach seiner Rückkehr verfasste T. auf Bitten Muḥammad ʿAlīs, zu dessen Ansprechpartner unter den Gelehrten er geworden war, einen Bericht über seine Mission. Dieses Reisetagebuch fand rasche Verbreitung und blieb bis in die 1850 er Jahre hinein das einzige neuere arabischsprachige Werk, das über ein europäisches Land informierte. In der Folgezeit arbeitete T. als Übersetzer an einigen der von Muḥammad ʿAlī ins Leben gerufenen Reformschulen. Ab 1837 versuchte er als Direktor des neugegründeten ägypt. Sprachenzentrums, europäische Unterrichtsmethoden mit traditionellen Formen der Erziehung zu vereinen. Diese Institution wurde jedoch nach dem Tode Muḥammad ʿAlīs geschlossen. T. verbrachte daraufhin die Jahre von 1850 bis 1854 in Khartoum. Erst unter Ismāʿīl (reg. 1863 – 1879) wurde die Schule wiedereröffnet (1863). Man bestimmte T. zu ihrem Direktor und vertraute ihm darüber hinaus die Herausgabe der offiziellen Zeitung des Erziehungsministeriums an. Beide Funktionen hatte er bis zu seinem Lebensende inne. Rezeptionsgeschichtlich fällt die Fokussierung auf T.s Werk über die ägypt. Studienmission nach Paris auf. Die Bedeutung dieses Buches für die Entstehung des Modernismus in der islam. Welt ist sicherlich überschätzt worden, zumal T. keinen radikalen Bruch mit den bestehenden Traditionen herbeizuführen gedachte, sondern lediglich eine Antwort auf die Frage finden wollte, wie es möglich sein könnte, an den modernen Errungenschaften des Westens zu partizipieren und gleichzeitig Muslim zu bleiben.

Literatur:
Hourani, A.: Arabic Thought in the Liberal Age, 1983. – Delanoue, G.: ­Moralistes et politiques musulmans dans l’Égypte du XIXe siècle (1798 – 1882), 2 Bde., 1982. – Tahtawi: Ein Muslim entdeckt Europa, übers. von K. Stowasser, 1988.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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