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28.1.2016

Grundlegende methodische Probleme

Das BIP verschiedener Länder kann leicht verglichen werden, solange die Daten auf der gleichen Bemessungsgrundlage erhoben werden. Problematisch wird es erst dann, wenn wie im Falle der DDR-Statisitk andere Konzepte angewendet werden.

Diese Änderungen an international üblichen Definitionen der zu erfassenden Gegebenheiten erweisen sich für das Erstellen von Langzeitreihen als ein Problem, da eine Neuberechnung auf einheitlicher methodischer Grundlage aufgrund des damit verbundenen großen Aufwandes nur in Einzelfällen möglich ist. Darüber hinaus lagen der DDR-Statistik teils Konzepte zugrunde, die entweder aus der Sowjetunion übernommen worden waren oder auf der Theorie von Karl Marx beruhen sollten. Am deutlichsten wird das in der Wirtschaftsberichterstattung, zum Teil hatte es aber auch seine Entsprechung in anderen Bereichen.

Der für die Wirtschaftsstatistik grundsätzlichen Kategorie "Wachstum" wurde in der deutschen Produktionsstatistik – nach angelsächsischem Vorbild vereinzelt bereits vor dem Zweiten Weltkrieg und danach in der Bundesrepublik fest etabliert – die Konzeption zugrunde gelegt, auf jeder Ebene die zusätzlich erbrachte Wertschöpfung (Arbeitsentgelte zuzüglich der Reinerträge der Betriebe) zu erfassen. In der DDR trat an diese Stelle das sowjetisch inspirierte Bruttoprinzip, in dem auch die Vorleistungen enthalten waren. Damit ging der Wert von Rohstoffen, Halbfertigwaren, Energie und anderem Zubehör, die im Produktionsprozess verbraucht wurden, so oft in die Rechnung mit ein, wie sie bei Verarbeitung und Weitergabe den gesamten Produktionsprozess durchliefen. Einbezogen wurde definitionsgemäß auch die unvollendete Produktion. Das Bruttoprinzip eröffnete den Betrieben eine Fülle von Möglichkeiten, ihr Produktionswachstum und damit ihre Produktivität scheinbar – also ohne real erbrachte Leistungen – in die Höhe zu treiben. Dazu wurde in der Regel vor allem der Vorleistungsanteil ausgedehnt. Es ist zudem darauf hinzuweisen, dass der im Westen gebräuchliche Unterschied zwischen Brutto und Netto des Sozialprodukts, wonach die Abschreibungen mit erfasst oder ausgeklammert werden, für die DDR wesentlich weiter zu fassen ist. Dort umfasste das Nettoprodukt – vergleichbar mit dem westlichen – die Wertschöpfung; das Bruttoprodukt erfasste aber zusätzlich nicht nur die Abschreibungen, wie nach dem westlichen Konzept, sondern auch die unter Umständen mehrfach gezählten Vorleistungen.

Ein schwerwiegendes Problem stellen im Zusammenhang mit Wertkennziffern die zugrunde liegenden Preise dar. Wegen der weitgehenden Abschaffung von Märkten konnten die Preise in der Regel keine Marktverhältnisse widerspiegeln. Sie waren staatlich festgelegt und sollten sich in Anlehnung an die Marx‘sche Theorie in erster Linie an den Kosten (zuzüglich eines Gewinnzuschlages) orientieren. Für ein Produkt einmal festgelegte Preise blieben in der Regel über dessen Lebensdauer bestehen. Nur wenn das Produkt qualitativ verändert wurde, konnte auch der Preis entsprechend angepasst werden. Erzeugnisqualität und Neuheitsgrad konnten bestenfalls administrativ und schon deshalb nicht durchgängig und nach einheitlichen Prinzipien berücksichtigt werden. Durch die staatlich administrierte Preisanpassung zu verschiedenen Zeitpunkten basierten die Preise im Laufe der Zeit auf verschiedenen Grundlagen und das Preissystem wies eine wachsende Inkonsistenz auf.[1] Dabei ist der ebenso politisch festgesetzte Preis der Währung, der Wechselkurs, für die Vergleichbarkeit der Wertkennziffern von besonderer Bedeutung. Einen realistischen Wechselkurs zu bestimmen, bildet die Krux für die Erarbeitung aller Langzeitreihen, in die die DDR eingebunden werden soll.

Zusammengefasst ergeben sich bei der Arbeit mit den DDR-Statistiken die folgenden grundlegenden Probleme: die veränderten und wechselnden Erfassungsdefinitionen und Bezugssysteme, das angewendete Bruttoprinzip, die inkonsistenten Preise als Bewertungsmaßstab und nur beschränkt integrierte qualitative Entwicklungen.
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Fußnoten

1.
Auf die in verschiedenen Sphären geltenden unterschiedlichen Preise für die gleichen Produkte und die daraus folgenden Probleme kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden.

André Steiner

André Steiner

Prof. Dr., Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam - DDR-Statistik


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