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28.1.2016

Vergleichende Produktivität in der Industrie

Kein Land ist so produktiv wie die USA. Das Bild ändert sich im Vergleich zu Deutschland allerdings, misst man Produktivität pro Arbeitstunden und nicht mehr pro Arbeiter.

Tabelle 2: Produktivität im produzierenden Gewerbe Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In Tabelle 2 und Abbildung 2 werden Reihen der Arbeitsproduktivität in der Industrie aufgezeigt. Das deutsche Produktivitätsniveau wird als Index mit dem Wert 100 dargestellt. Die Daten aller Länder zeigen die jährlichen Niveaus relativ zum deutschen gesehen. Da hier lediglich die in der Industrie aktiven Personen betrachtet werden, gibt der Indikator ein zutreffendes Bild der vergleichbaren Produktionseffizienz in den Ländern bezogen auf die Anzahl der involvierten Arbeiter. Für manche Länder war es aufgrund fehlender Daten nicht möglich, die vollständige Reihe der Produktivitätsentwicklung zu konstruieren. Trotzdem wird versucht, so viele vergleichbare Niveaus wie möglich zu präsentieren.

Vor 1950 lässt sich eine Produktivitätslücke zwischen den Vereinigten Staaten und anderen großen europäischen Industrienationen im Verhältnis 2 zu 1 beobachten. Diese Lücke kann bis Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt werden und wurde durch die verschiedenen Ressourcen und Faktorausstattungen beiderseits des Atlantiks erklärt. In den USA waren Land und andere Inputmaterialien relativ großzügig und preisgünstig vorhanden, während sich Arbeit als relativ knapp und teuer erwies, was zu einem arbeitssparenden Produktionssystem führte. In der Zwischenkriegszeit gelang es dem Vereinigten Königreich und Deutschland nicht, diese Lücke zu schließen. Erst nach 1950 kam es zu einem Aufholtrend in den europäischen Ländern.

Abbildung 2: Produktivität im produzierenden Gewerbe Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Wenn man Deutschland betrachtet, fällt auf, dass die deutsche Produktion bereits am Ende des 19. Jahrhunderts der des Vereinigten Königreichs ebenbürtig war. Die deutsche Produktionseffizienz wuchs vor dem Zweiten Weltkrieg schnell. In manchen Industrien wie der Metallproduktion, der Baumwollspinnerei und in der chemischen Industrie war es Deutschland sogar möglich, die Unterschiede zu den USA wettzumachen.[1] Besonders in der Eisen- und Stahlproduktion war Deutschland sehr fortschrittlich, aber auch in der Produktion von Koks und Dünger. In der Herstellung von Lebensmitteln und Getränken, Papier und Transportmitteln (Kraftwagen, Eisenbahnwagen usw.) waren die Niveaus relativ niedrig. Dieses Produktivitätsprofil veränderte sich während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht. Deutschlands Industrie war effizient in der Herstellung von Zwischengütern, aber nicht von Konsumgütern. Dies änderte sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1980er Jahren betrug die deutsche Produktivität 70 Prozent des Niveaus des Vorreiters USA. Deutschland hatte die relativ höchsten Produktivitätsniveaus bei Kleidung, Ölraffinerie, Gummiprodukten, Maschinen und Transportausstattungen, die alle in der Nähe des amerikanischen Produktivitätsniveaus anzusiedeln waren.[2]

Auch heute, im Computerzeitalter, sind die USA immer noch führend in der Produktivität. Misst man jedoch Produktivität in Wertschöpfung pro Arbeitsstunde und nicht mehr pro Arbeiter, ändert sich das Bild. Die Lücke zwischen Deutschland und den USA schrumpft auf nur 14 Prozentpunkte (statt 48 Prozentpunkte), was bedeutet, dass die Lücke fast geschlossen ist. Der Grund liegt darin, dass deutsche Arbeiter viel weniger Stunden arbeiten als amerikanische. Während der Arbeitszeit ist deren stündliche Produktivität fast gleich, europäische Arbeiter haben jedoch mehr Freizeit. Diese Tatsache erklärt ebenfalls einen großen Teil des Unterschiedes beim Bruttosozialprodukt pro Kopf zwischen Deutschland und den USA. (siehe Tab 2, Abb 2)
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Fußnoten

1.
Joost Veenstra: Missed Opportunities? Germany and the Transatlantic Labor-Productivity Gap. 1900–1940, Groningen 2014, S. 35.
2.
Bart van Ark: International Comparisons of Output and Productivity. Manufacturing Productivity Performance of Ten Countries from 1950 to 1990, Groningen 1993, S. 177.

Jörg Baten, Herman J. de Jong

Jörg Baten

Prof. Dr., Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Eberhard Karls Universität Tübingen - Internationale Vergleiche


Herman J. de Jong

Prof. Dr., Faculty of Economics and Business, University of Groningen - Internationale Vergleiche


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