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28.1.2016

Durchbruch zum modernen Agrarwachstum

Einher mit der industriellen Revolution entwickelte sich der Agrarsektor von einer subsistenz- zu einer marktorientierten Landwirtschaft. Nach dem 2. Weltkrieg kam es zu weiteren Effizienzsteigerungen durch den Einsatz von Kunstdünger, etc.

In Deutschland vollzog sich der Übergang zum modernen Wachstum in der Landwirtschaft parallel zur industriellen Revolution. Erstmals gelang es, die engen Grenzen des landwirtschaftlichen Wachstums zu überwinden, denen vorindustrielle Ökonomien unterworfen waren. Produktivitätssteigerungen wurden zur wichtigsten Triebkraft der agrarischen Entwicklung. Die Ausdehnung der Nutzfläche und des Arbeitseinsatzes verloren ihre bis dahin überragende Bedeutung für die Erhöhung der Agrarerzeugung. Über die letzten 160 Jahre ist die reale landwirtschaftliche Wertschöpfung im langfristigen Durchschnitt um jährlich 1,6 Prozent gewachsen.[1]

Der Übergang zum modernen Agrarwachstum setzte bereits im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts in immer mehr Regionen ein, um sich dann im Kaiserreich flächendeckend zu vollziehen. Bereits im Zuge der Industrialisierung begann das agrarische Produktivitätswachstum sich dauerhaft zu vervielfachen. Nur so ist zu erklären, dass es gelang, eine beständig wachsende Bevölkerung bei sinkendem Anteil der agrarisch Beschäftigten immer besser zu ernähren. Während der deutschen Industrialisierung ermöglichten die Leistungs-steigerungen der Landwirtschaft eine alle vormodernen Erfahrungen übertreffende demografische Expansion und eine forcierte Urbanisierung (vgl. den Beitrag von Georg Fertig und Franz Rothenbacher).

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war es dabei nicht die Übertragung industrieller Technologien auf die landwirtschaftliche Erzeugung, sondern der Übergang von einer stark subsistenz- zu einer marktorientierten Landwirtschaft, der das Agrarwachstum trug. Mit expandierender städtischer Industriebevölkerung und den nach 1870 zunehmenden Realeinkommen kam es zu einer über Jahrzehnte beständig steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln. Insbesondere die Preise für wertschöpfungsintensive tierische Erzeugnisse wie Molkereiprodukte und Fleisch entwickelten sich nachfragebedingt über Jahrzehnte nur in eine Richtung, nämlich nach oben.[2] Die über immer besser funktionierende Märkte vermittelten Nachfrageeffekte machten für die Masse der Agrarproduzenten erstmals den mit erheblichen Risiken und Kosten verbundenen Übergang zu neuen, produktiveren und intensiveren Betriebssystemen lohnend.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts stellte der Mangel an Stickstoff die entscheidende Beschränkung für Ertragssteigerungen dar. Eine Agrarrevolution beinhaltete unter diesen Umständen mehr als alles andere die Überwindung der Stickstoffbarriere. Erreicht wurde dies durch in langwierigen Suchprozessen von der landwirtschaftlichen Praxis selbst entwickelte Betriebssysteme, die sich vereinfachend unter den Stichworten Fruchtwechselwirtschaft und intensivierte Stallhaltung zusammenfassen lassen. Erhebliche agrarische Produktivitätszuwächse resultierten dabei vornehmlich aus dem Übergang zu neuen, arbeitsintensiven, Brache reduzierenden, vielfältigen Fruchtfolgen mit vermehrtem Futteranbau. Erstmals gelang es, gleichzeitig die pflanzliche und tierische Erzeugung zu steigern. Beide Komponenten wurden innerhalb des Betriebes in einem Kreislauf so miteinander verbunden, dass sich die Nährstoffversorgung des Bodens – insbesondere mit Stickstoff – nachhaltig verbesserte. Vermehrter Futteranbau und Stallhaltung erhöhten den betrieblichen Viehbesatz. So vervielfachte sich die im Betrieb verfügbare Menge an organischem Dünger. Gleichzeitig führten die neuen Futterpflanzen, an erster Stelle ist hier Klee zu nennen, dem Boden Stickstoff zu. Vermehrte Gründüngung durch den Anbau von Zwischenfrüchten trug ebenfalls zu Bodenverbesserungen bei. Gleiches galt für Meliorationen. Neue tierische und pflanzliche Zuchtlinien erhöhten ebenfalls die Erträge. Zur Erklärung des beschleunigten Agrarwachstums bis zum Ersten Weltkrieg spielte Kunstdünger dagegen noch eine eher untergeordnete Rolle.

Während der Industrialisierung war es somit der marktinduzierte Übergang zu hochintensiven Formen der ökologischen bzw. integrierten Landwirtschaft, der das sich entfaltende moderne Agrarwachstum trug. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg lag ausschließlich der massiv erhöhte Einsatz wissenschaftsbasierter, industriell gefertigter Inputs wie Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und Maschinen aller Art dem Agrarwachstum zugrunde.
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Fußnoten

1.
Eigene Berechnung nach Daten aus dem Kapitel zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.
2.
Zwischen 1830 und 1870 stiegen die Agrarpreise nachfragebedingt beständig an und motivierten zu hohen landwirtschaftlichen Investitionen. Neben anhaltenden Nachfragesteigerungen sorgte nach 1879 ein zunehmender Agrarprotektionismus dafür, dass es zu einer Stabilisierung der Getreidepreise kam und sich insbesondere die wichtigen Preise für tierische Erzeugnisse weiter sehr dynamisch entwickelten.

Michael Kopsidis

Michael Kopsidis

Prof. Dr., Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), Halle - Landwirtschaft


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