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28.1.2016

Zahlungsbilanz

Die Zahlungsbilanz ist von großer Bedeutung, um die Entwicklung einer Volkswirtschaft beschreiben und verstehen zu können. Die Berechnung erfolgt nach IWF-Kriterien.

Die Zahlungsbilanz fasst (nahezu) alle wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland systematisch zusammen. Seit dem Zweiten Weltkrieg folgt die amtliche Statistik in Deutschland weitgehend den Richtlinien des Balance of Payments Manual des Internationalen Währungsfonds (IWF) und erstellt die Zahlungsbilanz als System doppelter Buchungen, wobei realen Transaktionen (wie etwa Warenströmen) finanzielle Transaktionen gegenüberstehen.

Um die Zahlungsbilanz interpretieren zu können, müssen zunächst einige grundlegende Zusammenhänge und Konventionen geklärt werden. Zunächst ergibt sich aus der doppelten Buchführung, dass der Saldo der Zahlungsbilanz aus beiden Seiten der Buchführung immer ausgeglichen ist, ihre Teilbilanzen dagegen Salden aufweisen können, die nicht Null sind. Im Folgenden wird die Entwicklung der Zahlungsbilanz anhand ihrer wichtigsten Teilbilanzen vorgestellt. Auf der einen Seite steht die Leistungsbilanz, die grundsätzlich alle Ausgaben und Einnahmen einer Volkswirtschaft aus außenwirtschaftlichen Beziehungen erfasst. Auf der anderen Seite steht die Kapitalbilanz im weiteren Sinn, die alle finanziellen Transaktionen abbildet. Diese beiden Teilbilanzen werden wiederum aufgegliedert. Die Leistungsbilanz soll hier in Handels-, Dienstleistungs- und Übertragungsbilanz gegliedert werden, die Kapitalbilanz im weiteren Sinn in die Kapitalverkehrsbilanz (bzw. Kapitalbilanz im engeren Sinn), die Devisenbilanz (bzw. Reservebilanz) und schließlich einen Restposten der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen, der für den Ausgleich der Zahlungsbilanz sorgt.

Es ist Konvention, den Export von Gütern und Dienstleistungen in den Bilanzen mit einem positiven Vorzeichen ("+") zu versehen, den Export von Kapital jedoch mit einem negativen Vorzeichen, weil er als Erwerb von Forderungen gegenüber dem Ausland betrachtet wird. Ähnlich wird ein Zuwachs an Devisen mit einem negativen Vorzeichen gekennzeichnet. In der Regel wird einem Strom von Gütern und Dienstleistungen über die Grenzen eine Zahlung in Form von Devisenübertragungen (Austausch von inländischen und ausländischen Wertpapieren, zum Beispiel Wechseln, Banknoten oder Bargeld) in entgegengesetzter Richtung gegenüberstehen. Bei einem Überschuss in der Leistungsbilanz werden zum Beispiel mehr Forderungen als Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland angesammelt. Meist werden diese entweder als Kredit gewährt, was in der Kapitalbilanz als Kapitalexport verbucht würde, oder es erfolgt eine Zahlung in Form von Devisen (oder Edelmetallen), was als Zuwachs der Devisenreserven verbucht würde. Damit ergibt sich ein weiterer Zusammenhang: Tendenziell wird einem Saldo der Leistungsbilanz ein vergleichbarer Saldo aus Kapital- und Devisenbilanz gegenüberstehen. Und noch eine letzte Konvention: Zahlungen, denen keine direkte Gegenleistung in Form von Waren oder Dienstleistungen gegenübersteht, werden zunächst in der Kapitalbilanz verbucht und in der sogenannten Übertragungsbilanz gegengebucht. Ebenso verfährt man mit "Schenkungen" von Gütern und Dienstleistungen, aus denen keine Forderungen bzw. Verbindlichkeiten entstehen. Sie werden zunächst in der Handels- oder Dienstleistungsbilanz verbucht und in der Übertragungsbilanz gegengebucht. Reparationszahlungen, die nach dem Ersten Weltkrieg eine besondere Rolle spielten, sind getrennt von dieser Übertragungsbilanz aufgeführt. Auf weitere Details und eine tiefere Aufgliederung der Kapitalbilanz, die in modernen Zahlungsbilanzen üblich ist, wird hier verzichtet, zumal dies für Deutschland ohnehin nur für wenige Jahre der Zwischenkriegszeit und wieder ab 1949 möglich wäre.

Die Zahlungsbilanz ist von fundamentaler Bedeutung, um die Entwicklung einer Volkswirtschaft beschreiben und verstehen zu können. Zum einen gilt die Leistungsbilanz als Indikator der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, da sie misst, in welchem Umfang aus dem Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Übertragungen mit dem Ausland ein Überschuss erwirtschaftet wurde. Zugleich zeigt die Zahlungsbilanz aber auch, welche Abhängigkeiten zwischen einer Volkswirtschaft und dem Ausland bestehen, etwa als Handelspartner, als Schuldner oder Gläubiger, und jenseits marktwirtschaftlicher Beziehungen als Ausbeuter oder Entwicklungshelfer. Aus der Entwicklung der deutschen Zahlungsbilanz lässt sich somit ein großer Teil der wirtschaftlichen wie auch politischen Geschichte Deutschlands ablesen.
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Nikolaus Wolf

Nikolaus Wolf

Prof. Dr., Institut für Wirtschaftsgeschichte, Humboldt Universität zu Berlin - Binnenhandel und Außenhandel / Zahlungsbilanz


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