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12.9.2007

Virtueller Jihad

Die Bedrohung durch den islamistischen Terror in Deutschland und Europa

Die fehlgeschlagenen Attacken der Kofferbomber 2006 und die vereitelten Pläne der Terrorzelle aus Ulm und Saarbrücken 2007 sind deutliche Warnungen: Der Jihad der Extremisten hat Deutschland erreicht.

5. September 2007: Spezialkräfte mit einem Terrorverdächtigen (links) in Karlsruhe. Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 haben die Sicherheitsbehörden in Deutschland wohl schwere Bombenattentate auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland verhindert. (© AP)


Sie fuhren gern Auto - nicht etwa um mit wilden und schnellen Fahrten die Observationsteams abzuschütteln; sie wollten bei der elektronischen Verfolgungsjagd die Nase vorn haben. Und dafür waren die häufigen Autofahrten und ein paar technische Tricks, so glaubten sie, das einfachste Mittel.

Die mutmaßlichen Terroristen, die im September 2007 im Sauerland beim Mischen einer Bombe verhaftet wurden, waren fest davon überzeugt, dass die Fahnder, die sie seit Monaten im Visier hatten, ihre wahren Absichten nicht kannten; dass ihre Pläne für Terroranschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen, Flughäfen und Diskotheken verborgen geblieben waren. Hochkonspirativ, mit geheimdienstlichen Methoden, hatten sie kommuniziert und das Internet für ihre Zwecke genutzt. Bei den Autofahrten durch die Straßen von Ulm wählten sie sich per Laptop in ungesicherte Drahtlosnetzwerke von Anwohnern ein. Wenn die W-LAN-Verbindung zustande kam, hielten sie kurz an, öffneten ihr Email-Konto und wendeten eine clevere Methode an, derer sich schon der Chefplaner der Terroranschläge vom 11. September 2001, Khalid Sheikh Mohammed, häufig bedient hatte.

Er richtete sich eine Email-Adresse bei einem großen Email-Dienst wie hotmail oder gmx ein. Dann schrieb er einen Entwurf für eine Nachricht, schickte sie aber nicht ab. Stattdessen gab er seine Email-Adresse und das Passwort in einem, ebenfalls mit Passwort geschützten, Chatroom an einen "Bruder" weiter. Der konnte sich damit auf dem Email-Server den Entwurf ansehen. Die Nachricht selbst wurde dabei niemals versendet und konnte deshalb auch nicht von den Computerexperten der Geheimdienste abgefangen werden.


Nach dem Vorbild Khalid Sheikh Mohammeds eröffneten auch die Terrorverdächtigen in Deutschland häufig neue Email-Konten; so war es beinahe unmöglich für die Ermittler, die Kommunikation der Terroristen zu überwachen. Dass die Anschlagspläne dennoch vereitelt wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Verdächtigen im Gespräch in ihren verwanzten Wohnungen und Autos unvorsichtig waren.

Neue Generation von Gotteskriegern



Die neue Generation der Gotteskrieger ist mit modernsten Technologien aufgewachsen und hat die Multimedialität des Terrors perfektioniert. Das Internet wimmelt geradezu von ihren Produkten. Die Ideologie Al-Qaida und die ihr verbundenen Terrorgruppen präsentieren sich dort als hypermodernes Projekt zur Lösung der sozialen und politischen Probleme weltweit. Es ist eine Mischung aus dem ideologischen Fangnetz einer islamistischen Internationalen und einer Selbsthilfegruppe für orientierungslose Jugendliche, die ihrem Leben zwischen der sinnentleerten Spaßgesellschaft, der dumpfen Globalisierungsangst und der sozialen Ungerechtigkeit eine neue Richtung geben wollen.

Quer durch Europa lassen sich junge Leute für diese Ideen begeistern, so war es bei den Terroranschlägen von London im Juli 2007 und Madrid im März 2004. An diesen Ereignissen, genau wie an den Vorfällen in Deutschland im September 2007, wird deutlich, wie diese Terrorbedrohung aussieht. Immer sind es lose Kennverhältnisse, die die Verdächtigen zusammenbringen. Sie kennen sich, vielleicht sogar aus gemeinsamen Aufenthalten in Trainingslagern (vgl. Chivers, C.J. und Rohde, David), und sie helfen sich gegenseitig, ohne groß Fragen zu stellen. Zusammengehalten wird dieses Netz von einer gemeinsamen Ideologie - und die nennen wir Al-Qaida, die eben keine Organisation mehr ist, sondern eine Weltanschauung, die Gewalt als Selbstverteidigung und Widerstand rechtfertigt.

Nach Auskunft des Vorstehers der marokkanischen Gemeinde von Madrid, Herrn el-Khamouni, sei nach den Vorschriften des Koran der Jihad im Irak und Israel absolut gerechtfertigt, denn da würden Muslime ja unterdrückt und angegriffen, also müssten sie sich selbst verteidigen. Anschläge auf Zivilisten sind erlaubt. Schließlich töte die andere Seite ja auch Zivilisten, z. B. wenn israelische Panzer Häuser im Flüchtlingslager von Jenin platt walzen und dabei Frauen und Kinder sterben. Spenden für den heiligen Krieg sind sogar Pflicht, schließlich ist das Spenden eine der Säulen des Islam. Und in diese Gebiete zu ziehen und mitzukämpfen – Jihad-Tourismus – ist absolut in Ordnung, denn es gilt ja, den Unterdrückten innerhalb der Gemeinschaft zu helfen.

Nicht in Ordnung aber sind Anschläge in westlichen Ländern. Warum nicht? Schließlich, so Herr el-Khamouni, werde man hier ja nicht angegriffen und unterdrückt, also habe man auch kein Recht zur Selbstverteidigung. Aber es gibt da zwei Probleme: Wenn Terror anderswo in Ordnung ist, dann wäre es doch nur ein winziger Schritt zu sagen: Vielleicht kann ich den Unterdrückten nur helfen und ein Ziel anderswo nur erreichen, wenn ich einen Anschlag hier verübe. Rechtfertigt dann nicht der Zweck die Mittel? Genau das ist in Madrid geschehen. Und das Schlimme dabei: Das Kalkül der Terroristen ist aufgegangen. Die pro-amerikanische Regierung Aznar wurde abgewählt und Nachfolger Zapatero zog die spanischen Truppen aus dem Irak ab – für die Terroristen ein Sieg auf der ganzen Linie.

Absehbare Bedrohung



Seitdem halten Islamisten quer über den Kontinent auch Anschläge in Europa für gerechtfertigt. Es war und ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland Bomben explodieren. Die fehlgeschlagenen Attacken der Kofferbomber 2006 und die vereitelten Pläne der Terrorzelle aus Ulm und Saarbrücken 2007 sind deutliche Warnungen. So wie das Video, das im Juni 2007 im Internet auftauchte. Eine Aussendungsfeier von Absolventen der Terrorlager in Pakistan. Eine der Abteilungen sollte – das geht aus dem Band hervor – den Auftrag haben, nach Deutschland einzusickern, um dort Anschläge zu verüben. Die Sicherheitsbehörden waren alarmiert, weil immer mehr junge Muslime, unter ihnen viele Konvertiten, aus Deutschland in die Trainingslager reisen. Im ersten Halbjahr 2007 wurden in der Region 13 Terrorverdächtige mit deutschem Pass oder anderem Deutschlandbezug festgenommen, ein Teil von ihnen war auf dem Rückweg nach Europa.

Die Propaganda richtet sich immer stärker gegen die Bundesrepublik und das deutsche Engagement in Afghanistan. Die Medienkampagne von Taliban und Al-Qaida wird sogar in deutscher Sprache per Internet verbreitet. Wie eine Nachrichtensendung wandte sie sich an junge Männer in Deutschland selbst, um sie aufzustacheln. Zunächst zielten die Attacken noch auf deutsche Interessen in Afghanistan – zuletzt mit dem Selbstmordanschlag gegen Bundeswehrsoldaten in Kunduz, den Entführungen deutscher Staatsbürger und dem feigen Attentat auf die deutschen Polizeibeamten in Kabul.

Internet: Werkzeug und Propaganda-Medium



Das Internet ist zum wichtigsten Werkzeug der Al-Qaida für ihren heiligen Krieg geworden, denn es ist den Terroristen gelungen, die Funktion der Trainingslager in die virtuelle Welt zu übertragen. Durch das Internet wird bereits das Idealbild vorweggenommen, dass die selbsternannten Gotteskrieger in der Wirklichkeit mit Gewalt durchsetzen wollen: Eine virtuelle Ummah, eine weltumspannende islamische Idealgemeinschaft, an der jeder teilhaben kann, solange er Allah als seinen Gott anerkennt und gleichzeitig ein wenig Ahnung hat von Chatrooms, Modems und Message-Boards. Die Flut der Terrorpropaganda schwillt weiter an, dafür hat insbesondere der Irakkrieg gesorgt. In den vergangenen acht Jahren ist die Zahl der Internetseiten islamistischer Extremisten nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles von 12 auf 4.500 gestiegen.

Die Terroristen im Irak und in Afghanistan dokumentieren täglich dutzende ihrer Anschläge und stellen die Bilder ins World Wide Web: Ein Militärfahrzeug mit US-Soldaten fährt eine Straße entlang. Es folgt eine Explosion und das Fahrzeug wird zerrissen. Ein Panzer rollt auf eine Gasbombe. Explosion.. Ein US-Soldat steht am Straßenrand. Explosion.. Eine Rakete ist neben ihm eingeschlagen. Manchmal filmen die Terroristen hinterher noch die zerfetzten Körper und die herumliegenden Gliedmaße. Manchmal zeigen sie uns, wie einer von ihnen mit einem sprengstoffgefüllten Auto in einen Checkpoint rast.. Manchmal drehen sie Überfälle auf Häuser, Massenerschießungen von irakischen Polizisten, Enthauptungen ausländischer Geiseln. Und alle paar Wochen schneiden sie das grausame Material zu einem "Best of" zusammen, die Highlights des selbsternannten Widerstands im Irak.

Die Filme sollen jungen Muslimen weltweit wieder die doppelte Botschaft vermitteln: Wir tun was – in diesem Fall gegen die angebliche Unterdrückung von Muslimen im Irak. Und: Es ist cool mitzumachen, weil man der Supermacht Amerika endlich mal zeigen kann, wo es langgeht. Die Videos werden auf den sogenannten Dschihad- Webseiten oder in Chatrooms geparkt, so dass sie sich jeder Interessierte herunterladen kann. Mit im Angebot sind auch immer die passenden Lehrvideos für den heiligen Krieg: Man nehme zwei dünne, flexible Sprengstoffmatten, belege eine davon mit hunderten kleiner Metallkugeln. Dann wird die zweite Matte darauf gelegt und das Ganze an den Kanten rundherum säuberlich zugenäht. Man schiebe diese Sprengstoffplatte in eine Weste aus weißem Leinen. Dann wird noch der Zünder montiert. Auf dem Video sind sogar ein paar Probesprengungen mit der selbstgebastelten Weste für Selbstmordattentäter zu sehen. Ähnliche Anleitungen gibt es für den Bau von Rucksackbomben, Sprengfallen aller Art und auch für die Herstellung von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Natürlich lassen sich die Baupläne als Schriftdatei herunterladen, z.B. für TATP, den Sprengstoff, den die Attentäter von London benutzten. Das Internet ist zu einer Art "Universität des Jihad" geworden.

Osama bin Laden, der sich in seiner Videobotschaft zum 9/11-Jahrestag im September 2007 im Internet als Globalisierungskritiker inszeniert, dürfte an dieser Entwicklung seine helle Freude haben. Das Internet mit seinem fehlenden Respekt vor Grenzen und ethnischen Unterschieden ist zu einem Sammelplatz für eine "Regenbogenkoalition von Jihadisten" geworden. Das klingt harmlos, aber in Wirklichkeit formiert sich da ja eine neue Generation von Mördern und Terroristen, die die Dynamik der Bewegung im Internet vorantreibt, aber gleichzeitig auch von ihr getrieben wird – weil die Jihad- begeisterte Masse nach neuen Heldentaten zum Herunterladen giert. Die Terrorverdächtigen aus Deutschland, die zum Islam konvertierten, sich per Internet radikalisierten und ihre Anschläge planten, sind nur das jüngste Beispiel dafür.

Literatur



Dieser Artikel basiert zum großen Teil auf bisherigen Veröffentlichungen des Autors. Vgl. Theveßen, Elmar: Terroralarm. Deutschland und die islamistische Bedrohung. Rowohlt 2005.

Vgl. Theveßen, Elmar: Schläfer mitten unter uns. Das Netzwerk des Terrors in Deutschland. Droemer 2004.

Vgl. Chivers, C.J. und David Rohde: Al Qaeda´s grocery lists and manuals of killing. In: New York Times vom 17.03.2002.
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Elmar Theveßen

Zur Person

Elmar Theveßen

Elmar Theveßen, geb. 1967, studierte Politische Wissenschaft, Geschichte und Germanistik in Bonn. Der Terrorismus-Experte ist seit dem 1. Juni 2007 stellvertretender Chefredakteur und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles beim ZDF.


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