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8.5.2018

Kommentar von Kurt Edler

zu "20 Thesen zu guter Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung"
Aus der Sicht der Demokratiepädagogik kommentiert Kurt Edler die 20 Thesen zur guten Praxis in der Extremismusprävention, die auf der Grundlage von Praxiserfahrungen, Forschungsergebnissen und verschiedenen Expertenrunden von Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e. V.) formuliert wurden. Sie sollen als Impuls für die Diskussion darüber dienen, was gute Praxis in der Extremismusprävention ausmacht. Die Thesen wurden erstmals 2017 bei einer Tagung der bpb in Mannheim vorgestellt.

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Die Thesen von Milena Uhlmann und Dr. Harald Weilnböck entsprechen weitgehend meiner Vorstellung von guter Praxis. Sie sind in Bezug auf schulpädagogische Standards und auf gängige methodisch-didaktische Vorstellungen überwiegend "state of the art".

Meine Bewertung gründet sich auf meinen beruflichen Erfahrungen im Bereich der Prävention. Ich habe von 2004-2015 den Hamburger Schulsenator und benachbarte Behördenbereiche in Sachen Extremismusprävention unterstützt und das Netzwerk Prävention und Deradikalisierung am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg (LI-Hamburg) mitaufgebaut. Das beinhaltete die Beurteilung von Veranstaltungen der Lehrerbildung nach den Maßgaben des LI- Hamburg sowie den jahrelangen Austausch mit Akteuren bundesweit. Außerdem habe ich eigene Veranstaltungen in den Bereichen Schule sowie Jugend- und Erwachsenenbildung durchgeführt, manchmal auch Einzelfallbegleitung gemacht.

Im besonderen Maße stimme ich den folgenden Thesen zu: Auch ich halte die Qualitätskriterien Subjektbezug, Subjektautonomie, mental-emotionale Dimension, Direktkontakt, Lebensweltbezug, Narrativität und Persönlichkeitsstärkung für bedeutsam.

Ganz energisch möchte ich zudem die These 12 unterstützen: Meine Erfahrung bei der Beobachtung von Veranstaltungen mit pädagogischen Zielgruppen ist, dass im Plenum sehr rasch Misstrauen aufkommt, wenn ein Referent den Anschein erweckt, aufgrund einer eigenen ideologischen Schlagseite Phänomene auszublenden oder zu verharmlosen.

These 13 unterschlägt jedoch eine Dimension: Hier möchte ich ergänzen, dass Präventionsarbeit häufig auch selbst mit einer handfesten politischen Intention verbunden ist und mit ihren Inhalten bestimmte Weltbilder zu vermitteln versucht, zumal die meisten Menschen, die in der Prävention tätig sind, aus bestimmten soziokulturellen Milieus kommen.

Kurt Edler

"Unser politisches Werturteil darf keine Blockade für unser Einfühlungsvermögen sein."

In seinem ausführlichen Beitrag beschreibt Kurt Edler, wie Lehrkräfte reagieren können, wenn sie im pädagogischen Raum mit Äußerungen aus der radikal-salafistischen Szene konfrontiert werden.

Rationale Argumentation nicht vernachlässigen



Dagegen halte ich die Relativierung politischer Bildung und rationaler Argumentation, wie in den folgenden Thesen, nicht für sinnvoll, sondern finde sie sehr problematisch: Die Gegenüberstellung von einerseits emotional-sozialem und andererseits kognitivem Lernen basiert auf einem dualistischen Lernbegriff, den wir hinter uns lassen sollten. Denn in einem Radikalisierungsprozess werden Weltbilder, Strategien und Haltungen assoziativ oder logisch miteinander verschweißt; jede Radikalisierung schließt eine Welterklärung mit ein.

Eine rein psychologisierende Annäherung kann für das erhebliche Gewicht, das eine Ideologie hat, ignorant machen. Sie entmündigt auch das gefährdete Subjekt, das jedoch seine Verantwortung für die Unterstützung einer menschenfeindlichen Position übernehmen sollte. Es hat Anspruch auf unseren Respekt vor seiner politischen Meinung, so verquast diese auch erscheinen mag.

Es gibt eine sozialpädagogische Tradition des Vorbehalts gegen die Unwirksamkeit einer rationalen politischen Bildung, die sich auf Erfahrungen mit schlechter politischer Bildung gründet. Gute politische Bildung ist jedoch weder emotionslos noch unempathisch. Die rationale Betrachtung von Gefühlen, die kognitive Durchdringung von Hass, Wut, Abscheu, Verachtung ist nichts Schlechtes oder Überflüssiges! Sie lässt sich selbstverständlich auch mit narrativ-erzählenden Ansätzen vereinbaren. Jeder Unterricht, der dem Beutelsbacher Konsens genügt, wird doch dem Anspruch der These 14 gerecht werden, den Gegenstand der Betrachtung auf die Biographie der Lernenden zu beziehen; was sollte sonst das Kriterium der Schülerorientierung bedeuten?

Was fehlt: ehrliche Kritik



Ein Aspekt, der in den Thesen fehlt, ist das Qualitätsmonitoring in unserem gesamten Feld.

Was uns außerdem fehlt, ist ein ehrliches Wort im geschlossenen Raum. Denn wo auf einem offenen Bildungsmarkt verschiedene Anbieter um begrenzte Ressourcen konkurrieren, sind der freimütigen gegenseitigen Kritik an der Qualität der Arbeit enge Grenzen gesetzt. Und das gelingt oft ja nicht einmal einem verbeamteten Lehrerkollegium.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Kurt Edler für bpb.de

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Kurt Edler

Kurt Edler

Kurt Edler war bis Juni 2017 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. Er leitete von 2004 bis 2015 das Referat Gesellschaft am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und hat das dortige Netzwerk Prävention und Deradikalisierung mitaufgebaut.


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