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12.6.2014

Die Erinnerung in den Alltag holen – das Projekt STOLPERSTEINE

Stolpersteine – das sind Gedenksteine, die an die Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Sie werden vor deren letzten frei gewählten Wohnorten in das Gehwegpflaster eingelassen. Auf jedem Stein ist eine individuell gefertigte Messingtafel verankert, die Auskunft gibt über Namen, Alter und Schicksal des Opfers. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig rief dieses Projekt vor 20 Jahren ins Leben. Heute liegen seine Stolpersteine in ganz Europa und erinnern die Menschen daran, sich zu erinnern.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort "Stolpersteine", Gedenktafeln aus Messing, in den Boden einläßt. (© AP)


Ich freue mich immer wieder darüber, dass ich dieses Projekt wirklich realisiert habe; denn anfangs, als die Idee geboren war – 1993 – waren die STOLPERSTEINE für mich als Künstler ein konzeptuelles Kunstwerk – für die Sammlung, für die Ablage. Angesichts der realen Zahlen der Opfer der Nazidiktatur und der Shoa hatte ich nicht daran gedacht, diese Idee wirklich auszuführen. Ein evangelischer Pfarrer in Köln, Kurt Pick, sagte dann zu mir: „Na ja, Gunter, du wirst niemals die Millionen Steine verlegen; aber man kann ja erstmal klein anfangen!“

Bis heute sind es mehr als 45.000 Steine in Europa geworden; vom norwegischen Mosjøen im Norden bis nach Rom im Süden; von L’Aiguillon sur Mer im Westen bis nach Orel – südlich von Moskau – im Osten; in Deutschland liegen Stolpersteine in mehr als 920 Dörfern und Städten. Das ist noch immer nur ein Bruchteil, und das Projekt wird immer symbolisch bleiben; aber ich möchte so viele Orte in Europa wie möglich erreichen, und damit auch so viele Menschen wie möglich.

Und das Interesse an den STOLPERSTEINEN ist so groß, dass für 2014 schon fast alle Verlegetermine feststehen und schon für 2 Jahre im Voraus weitere Termine geplant sind. Viele Initiativen in Deutschland und Europa unterstützen unsere Arbeit. Allein in Berlin sind es 32 Gruppen. Zu unseren Förderern zählen Geschichtsvereine, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Deutsch-Israelische Gesellschaft oder auch die „Naturfreunde“ in Süddeutschland. Häufig sind es auch Schulklassen, die selbst historische Forschungsarbeit leisten und bei den Kommunen Anträge stellen, damit Gedenksteine verlegt werden. Das heißt, meine Idee der STOLPERSTEINE wird von großen Teilen der Bevölkerung nicht nur akzeptiert und begrüßt, sondern aktiv unterstützt. Auch das Team von STOLPERSTEINE ist stetig gewachsen. Inzwischen arbeiten wir zu sechst daran, dass das Projekt weiterläuft. Ich bin für das Verlegen der Steine unterwegs – im letzten Jahr an 238 Tagen!

Ein entscheidender Grund zur Freude für mich ist das Interesse vieler Jugendlicher, der Schüler und Studenten unterschiedlicher Klassen und Fachrichtungen. Vor allem wollen sie wissen, wie so etwas im „Land der Dichter und Denker“ überhaupt passieren konnte. Da ich von Lehrern gewarnt wurde, dass das Thema der Nazizeit die Schüler langweilen und von einigen sogar abgelehnt würde, hatte ich zunächst nicht mit diesem Interesse gerechnet. Ich erlebte das Gegenteil. Denn wenn man ein Buch aufschlägt und von 6 Millionen Menschen liest, die von den Nazis in Europa zusammengetrieben und ermordet wurden, bleibt diese Zahl eine abstrakte Größe. Auch mir selbst ergeht es noch immer so, obwohl ich täglich mit diesen Schicksalen konfrontiert werde und mehrere Konzentrationslager gesehen habe. Wie muss diese unvorstellbare Menge an vernichteten Menschen erst auf die Schüler und Studenten wirken?! Aber wenn sie plötzlich das Einzelschicksal einer Familie vor Augen haben, die womöglich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft lebte? Wenn sie in den Akten lesen, wie die Menschen gedemütigt, entrechtet, willkürlich verhaftet und misshandelt, ihres Besitzes beraubt, enteignet, schließlich zusammengetrieben, deportiert und ermordet wurden?! Oder, beschönigend umschrieben, emigrieren, tatsächlich aber fliehen mussten, um sich dann nur noch in ein Land retten zu können, in dem sie unerwünscht waren und mitunter verarmten? Dann beginnen sich die jungen Menschen mehr und mehr für diese Ereignisse zu interessieren und sogar zu engagieren. Ich musste auch schon Stolpersteine in drei Reihen übereinander verlegen – für drei Generationen! Und die Jugendlichen rechnen dann: Der war ja so alt, wie ich jetzt bin, als der ermordet wurde. Oder: So alt sind ja jetzt meine Großeltern.

Als die ersten Steine verlegt waren, habe ich Passanten beobachtet, die einen Stolperstein entdeckten und lesen wollten – sie mussten eine Verbeugung machen – eine Verbeugung vor dem Opfer. Eben deshalb soll dieses Projekt weitergehen.

Zur Initiative:



Mehr Infos zum Projekt, zu Verlegeterminen und Patenschaften unter: www.stolpersteine.eu

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Gunter Demnig

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