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Die "Alternative für Deutschland": Rechte Radikalisierungstendenzen im politischen Werdegang einer neuen Partei

Die "Alternative für Deutschland" wurde 2013 als Euro-kritische Partei gegründet. In den wenigen Jahren ihrer Parteigeschichte hat sie einen fulminanten Wandel durchlaufen hin zu einer Sammelbewegung für völkische und islamfeindliche Ideen, sagt Sozialwissenschaftler Alexander Häusler.

Der Afd-Vorsitzende Bernd Lucke (l) und seine Co-Vorsitzende Frauke Petry am 04.07.2015 beim Parteitag der AfD in Essen (Nordrhein-Westfalen). (© picture-alliance/dpa)


Die im Februar 2013 gegründete "Alternative für Deutschland" (AfD) ist eine Partei, die sich im Laufe ihres noch kurzen Bestehens deutlich verändert und radikalisiert hat. In der Parteienforschung wird die AfD häufig im Spektrum der rechtspopulistischen Parteienfamilie verortet[1]. Ein zentrales Merkmal des Rechtspopulismus ist seine "Anti-Establishment-Orientierung"[2]. Der von allen (rechts)populistischen Parteien konstruierte Gegensatz zwischen "Volk" und "Elite" kann als deren zentrales Kennzeichen gedeutet werden[3]. Im Rechtspopulismus wird "das Volk" als homogenisierender Begriff für die unterschiedlichen Partikularinteressen angestammter Bevölkerungsteile in Kontrast zu Einwanderern und zur "politischen Klasse" gesetzt, welche angeblich zwecks eigener Bereicherung die "nationalen Interessen" an eine vermeintlich "volksfeindliche" Europäische Union verkauft habe[4]. Mit der Behauptung eines einheitlichen Volksinteresses legitimiert der Rechtspopulismus die reale Politik der Ausgrenzung.

Im Laufe ihres kurzen politischen Werdegangs hat die AfD bis zum Ende des Jahres 2016 bei Wahlen den Einzug in zehn Landesparlamente geschafft und sich zu einer ernstzunehmenden politischen Konkurrenz der etablierten politischen Parteien entwickelt. Zugleich hat die AfD innerparteilich einen deutlichen Rechtsruck vollzogen, der an ihren innen- und außenpolitischen Positionierungen sowie in ihren Kontakten zu radikal rechten Parteien und Organisationen zum Ausdruck kommt[5].

Fünf Phasen – Die politische Entwicklung der AfD



Die AfD im Jahr 2016 ist nicht mehr dieselbe Partei wie zu ihrer Gründungszeit. Um diese Veränderungen erkennen und verstehen zu können, ist eine Beschreibung ihrer parteipolitischen Entwicklung erforderlich. Die bisherige Entwicklung der AfD kann in fünf unterschiedliche Phasen eingeteilt werden.

Eine günstige Ausgangslage zur AfD-Gründung stellte die Euro-Krise dar, die für die erste Entwicklungsphase der Partei zentrale Bedeutung hatte. Ihr öffentlichkeitswirksames Alleinstellungsmerkmal erschuf sich die AfD durch ihre Namensgebung in Anspielung auf das Credo von Bundeskanzlerin Merkel, die Rettung der europäischen Gemeinschaftswährung sei alternativlos (nach dem Motto "Scheitert der Euro, scheitert Europa"). Der vorher als Professor für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg tätige Bernd Lucke, der die Euro-Rettungspolitik ablehnte, verschaffte der Partei in ihrer Anfangszeit eine hohe mediale Präsenz und den Anschein von wirtschaftlichem Sachverstand. Neben ehemaligen Parteigängern u.a. der CDU, CSU und FDP sahen zugleich ehemalige Mitwirkende aus Rechtsaußenparteien wie dem Bund freier Bürger (BFB), der Partei Die Freiheit (DF), den Republikanern (REP) und der Schill-Partei in der AfD ein neues Betätigungsfeld. Besonders mit dem Ende der 1990er Jahre aufgelösten BFB – Deutschlands erster rechtspopulistischer Anti-Euro-Partei – teilte die AfD in ihrer Gründungszeit wesentliche Merkmale[6].

Im September 2013 rief der Parteiführer der erfolglosen muslimfeindlichen DF, René Stadtkewitz, seine Mitglieder dazu auf, fortan die AfD zu unterstützen[7]. Enge Verbindungen zur politischen Strömung der sogenannten Neuen Rechten[8] hatte die AfD über die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF), welche die AfD von Beginn an publizistisch unterstützte sowie über das neurechte Institut für Staatspolitik[9]. Mit der im März 2014 als Verein gegründeten "Patriotischen Plattform" formierte sich erstmals der Rechtsaußen-Flügel der AfD zu einer innerparteilichen gemeinsamen Kraft. Allerdings versuchte Lucke gemeinsam mit dem ehemaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, seiner Partei einen angeblich antiideologischen und (wirtschafts-)sachkenntlichen Ausdruck zu verleihen. Dies ging einher mit wiederholten öffentlichen Distanzierungen von Rechtsaußenparteien wie der NPD, den Pro-Parteien[10] und den REPs, wodurch Lucke die AfD im öffentlichen Bild vom Rechtsextremismus fernzuhalten versuchte. Zudem forderte er politische Distanz zu rechtspopulistischen Parteien in Europa wie der UKIP, der FPÖ oder dem Front National.

Während in dieser ersten AfD-Entwicklungsphase der Führungsanspruch von Parteigründer Bernd Lucke noch unangefochten war, leiteten die AfD-Wahlerfolge im Jahr 2014 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg die ersten innerparteilichen Umorientierungen und den Beginn der zweiten Entwicklungsphase der Partei ein. Erstmalig wurden im Wahlprogramm zur sächsischen Landtagswahl zum Beispiel Forderungen nach Volksabstimmungen gegen den Bau von Minaretten aufgenommen – Forderungen, die vormals ausschließlich von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien erhoben worden waren. Im Wahlkampf versuchte die AfD zudem zum ersten Mal, sich als Partei darzustellen, die DDR-Strukturen und ihrem Erbe Positives abgewinnt – so etwa in Brandenburg, wo der AfD-Landesvorsitzende in einem offenen Brief an die Wähler der Partei "Die Linke" die "Kinderbetreuung und Ärztehäuser" aus DDR-Zeiten lobt[11]. Im Zusammenhang mit den Erfolgen bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erfuhr der nationalkonservativ-neurechte Flügel der AfD einen deutlichen Machtzugewinn. Gleichzeitig stieg die innerparteiliche Unzufriedenheit mit dem Alleinvertretungsanspruch von Bundessprecher Lucke.

Die polarisierten innerparteilichen Konflikte prägten die dritte Entwicklungsphase der AfD. Diese Phase war geprägt von eskalierenden Auseinandersetzungen innerhalb der Partei im Umgang mit früheren Mitgliedern aus rechten Splitterparteien sowie zur Haltung zum Islam und zu den Pegida-Aufmärschen. Während Lucke und das damalige AfD-Bundesvorstandsmitglied Henkel sich für einen neoliberalen und pro-atlantischen Kurs der Partei und gegen eine Hinwendung zum rassistischen Straßenprotest sowie gegen die Fokussierung auf das Thema Islam aussprachen, stießen sie mit damit innerparteilich zunehmend auf Widerspruch. Dieser Widerspruch organisierte sich in der AfD: Die von Thüringens Landesvorsitzendem Björn Höcke und von Sachsen-Anhalts Landesvorsitzendem André Poggenburg initiierte Erfurter Resolution bündelte den Anti-Lucke-Kurs der innerparteilichen rechten Widersacher, die sich unter der Bezeichnung "Der Flügel" zusammenschlossen. In der Resolution wurde gefordert, dass die AfD sich "als Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte (Gender Mainstreaming, Multikulturalismus, Erziehungsbeliebigkeit usf.)" sowie "als Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands" verstehen solle[12].

Der Essener Bundesparteitag der AfD im Juli 2015 steht symbolhaft für die vierte Entwicklungsphase der AfD: Auf diesem Parteitag unterlag Bernd Lucke der sächsischen AfD-Landesvorsitzenden Frauke Petry im innerparteilichen Kampf um die Führungsrolle deutlich mit 38 Prozent gegenüber 60 Prozent an Mitgliederzustimmung. In seiner Einleitungsrede zum Parteitag verkündete der NRW-Vorsitzende der AfD, Markus Pretzell, in Abgrenzung zu Lucke, die AfD sei nicht nur eine Anti-Euro-Partei, sondern zugleich auch zu einer "Pegida-Partei" geworden[13]. Petry erlangte ihren Sieg über Lucke, weil sie vom rechten Parteiflügel unterstützt wurde. Die vierte Entwicklungsphase kann als die bislang bedeutungsvollste Veränderungsphase in der Geschichte der AfD gelten. Das entscheidende Merkmal dieser Phase ist die Abspaltung des wirtschaftsliberalen, pro-atlantischen Flügels von der AfD und die Gründung der Organisation "Allianz für Fortschritt und Aufbruch" (Alfa) unter Führung von Bernd Lucke. Alfa wurde im Juli 2015 in Kassel gegründet und basiert programmatisch "weitestgehend"[14] auf den politischen Grundsätzen der frühen AfD. Bei den nachfolgenden Landtagswahlen war diese AfD-Nachfolgepartei erfolglos.

Der Weggang des Lucke-Flügels war der Beginn der fünften Entwicklungsphase der AfD – hin zu einer rechtspopulistischen Anti-Einwanderungs-Partei mit deutsch-nationaler Rhetorik. Lucke erklärte auf dem Gründungsparteitag von Alfa Baden-Württemberg, dass die AfD eine Partei geworden sei, "in der Demagogie, Islamfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und Antiamerikanismus zum guten Ton gehören" und die sich "anschickt, den Republikanern, der Freiheit und den Pro-Parteien die Wähler abspenstig zu machen."[15] Während die AfD im Sommer 2015 in Wählerumfragen lediglich um die fünf Prozent lag, änderte sich dies im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2015 massiv zu ihren Gunsten. Nicht grundlos bezeichnete der brandenburgische AfD-Vorsitzende Alexander Gauland daher die Flüchtlingskrise als "Geschenk" für seine Partei[16].

Mit ihrer sogenannten Herbstoffensive 2015 begann die Mobilisierung der AfD gegen den Flüchtlingskurs der Bundesregierung. Populistische Schmähungen gegenüber Bundeskanzlerin Merkel gingen in AfD-Kreisen einher mit flüchtlingsfeindlicher Eskalationsrhetorik. So verstieg sich z.B. der AfD-Politiker Benjamin Nolte auf der Facebook-Seite der Patriotischen Plattform zu der Aussage "'Wir schaffen das' hat Deutschland mindestens so sehr geschadet wie 'Ausländer raus'"[17]. AfD-Sprecherin Petry äußerte in einem Interview zum Schutz der Grenzen gegen Flüchtlinge, dass "notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch" gemacht werden müsse[18]. Ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch bekundete ebenfalls: "Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen."[19]

Außenpolitische Umorientierung



Erkennbar ist der rechte Radikalisierungskurs der Partei auch in ihren außenpolitischen Positionierungen. Nach ihrem erfolgreichen Einzug in das Europaparlament 2014 war die AfD zunächst der Fraktion der europaskeptischen Konservativen und Reformisten (ECR-Fraktion) unter Führung der britischen Tories beigetreten und entschied sich damit gegen die weiter rechts stehenden Fraktionen. Im Februar 2016 jedoch trat die AfD-Vorsitzende Frauke Petry in Düsseldorf gemeinsam mit dem österreichischen Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache (FPÖ) auf und verkündete, man wolle politische Gemeinsamkeiten ausloten. Ergebnis dieser Bemühungen war die Verkündung einer "blauen Allianz" zwischen AfD und FPÖ[20].

Während die AfD-Abspaltung Alfa unter Führung von Lucke im Europaparlament weiterhin Mitglied in der ECR-Fraktion blieb, traten die in der AfD verbliebenen Beatrix von Storch und Markus Pretzell ihren Weg nach Rechtsaußen an: Von Storch trat über zur rechtspopulistischen "Europa der Freiheit und der direkten Demokratie" EFDD-Fraktion unter Führung der britischen UKIP, und Pretzell zur radikal rechten "Europa der Nationen und der Freiheit" ENF-Fraktion unter Führung des rechtsextremen Front National (FN) aus Frankreich. Neben dem FN sind in der ENF-Fraktion u.a. die FPÖ, der rechtsextreme belgische Vlaams Belang (VB) sowie die rassistische Lega Nord aus Italien aktiv.

Muslimfeindliche Stoßrichtung



Seit dem Führungswechsel im Sommer 2015 hat die AfD ihren muslimfeindlichen Kurs verstärkt. Das AfD-Bundesvorstandsmitglied Beatrix von Storch erklärte, der Islam sei eigentlich eine "politische Ideologie", welche "mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist"[21]. Entsprechend lässt sich aus der politischen Positionierung "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" im 2016 veröffentlichten Grundsatzprogramm herauslesen, dass die AfD das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Religionsfreiheit indirekt in Frage stellt. Minarette lehnt die AfD "als islamisches Herrschaftssymbol ebenso ab wie den Muezzinruf, nach dem es außer dem islamischen Allah keinen Gott gibt". Unterbunden werden solle die Finanzierung des Baus und Betriebs von Moscheen durch islamische Staaten oder ausländische Geldgeber bzw. ihre Mittelsmänner". Zugleich lehnt es die AfD ab, islamischen Organisationen in der Bundesrepublik analog zu anderen Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu verleihen. Darüber hinaus fordert die Partei ein allgemeines Verbot der Vollverschleierung in der Öffentlichkeit. Im öffentlichen Dienst soll zudem nach dem Willen der Partei kein Kopftuch getragen werden dürfen, in Bildungseinrichtungen weder von Lehrerinnen noch von Schülerinnen[22].

In der Partei wird auch zur Zusammenarbeit mit rassistisch orientierten Bewegungen geworben: So mobilisierte die "Patriotische Plattform", ein Zusammenschluss von Mitgliedern der AfD, der sich aber nicht als Parteiorgan versteht, für die politische Ausrichtung der AfD gegen den Islam im Bündnis mit den Pegida-Protesten[23]. Ein Positionspapier des Plattform-Sprechers und sachsen-anhaltischen Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider verdeutlicht die rassistische Stoßrichtung solcher Anti-Islam-Positionen. Dort heißt es: "Die Forderung nach Willkommenskultur und nach Islamreform sind zwei Seiten derselben Feindlichkeit gegenüber Identität und kultureller Differenz." Der Islam wird aus "der grundsätzlichen Scheidung zwischen Eigenem und Fremden und der Verteidigung des Eigenen" heraus abgelehnt[24]. Demnach steht die Ablehnung des Islam als Chiffre für eine fremdenfeindlich hergeleitete Abwehr von Einwanderung. Dementsprechend steht in dem Positionspapier der Patriotischen Plattform: "Das Problem ist nicht der Islam, das Problem ist die multikulturelle Gesellschaft."

Völkisch-nationalistische Aufstandsrhetorik



Im Kontext der Flüchtlingsdebatte entwickelte sich die AfD in zunehmendem Maße zu einem parteipolitischen Bezugspunkt für radikal rechte politische Milieus sowie für einwanderungsfeindliche Proteste auf der Straße[25]. Dabei wird aus der AfD heraus rhetorisch mit einem rechten Aufstand kokettiert. So bekundete der Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative", Markus Frohnmaier, auf einer AfD-Demonstration in Erfurt am 28.10.2015: "Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz, ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde"[26].

In einem Vortrag beim neurechten "Institut für Staatspolitik" (IfS) definierte der Thüringer AfD-Landeschef, Björn Höcke, im November 2015 die AfD als "fundamentaloppositionelle Bewegungspartei". Sie sei "tatsächlich die letzte friedliche Chance für unser Land"[27]. Die rechte Aufstandsrhetorik der AfD veranschaulichte Höcke beim zweiten Treffen der Parteirechten in der AfD um die Gruppierung "Der Flügel" am Kyffhäuser-Denkmal, wo er die aktuelle politische Situation als nationale "Wendezeit" deutete und erklärte: "Die Geduld unseres Volkes ist zu Ende, und schon die alten Römer wussten vom legendären Furor Teutonicus zu berichten. Liebe Freunde, wir lassen uns nicht abschaffen! Wir haben diese Wende eingeleitet, wir wollen diese Wende schaffen, und wir werden diese Wende schaffen!"[28].

Zugleich werden Verbindungen von AfD-Mitgliedern zu radikal rechten Bewegungen erkennbar. So erklärte der Vorstand der Patriotischen Plattform: "Wir wünschen uns eine engere Zusammenarbeite zwischen Identitärer Bewegung und AfD, denn auch die AfD ist eine identitäre Bewegung, und auch die Identitäre Bewegung ist eine Alternative für Deutschland."[29] Gruppen wie etwa die vom AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider unterstützte "Ein Prozent für unser Land"-Initiative verdeutlichen die organisatorischen Verbindungen zwischen AfD-Politikern und dem radikal rechten Bewegungsspektrum. Mit dieser Initiative versuchen rechte Kräfte aus dem Umfeld der Identitären Bewegung, dem neurechten Institut für Staatspolitik (IfS)[30] und dem rechten Verschwörungsmagazin "Compact", organisatorische und finanzielle Ressourcen für flüchtlingsfeindliche Initiativen und für den Aufbau einer rechten Widerstandsbewegung gegen die aktuelle Politik zu schaffen[31]. Dass eine Zusammenarbeit mit der Initiative von der AfD nicht abgelehnt wird, zeigt deren Rolle bei der Organisierung von freiwilligen Wahlbeobachtern nach einem Aufruf der AfD[32].

Die rechten Widerstands-Postulate aus AfD-Kreisen weisen deutliche Bezugspunkte zum Vokabular des völkischen Nationalismus auf: Bei einer der Demonstrationen im sachsen-anhaltischen Wahlkampf definierte der dortige Landesvorsitzende Poggenburg seine Partei als "eine echte deutschnationale Partei"[33]. Für Schlagzeilen sorgte Poggenburg, als er in einem Weihnachtsgruß seines Landesverbandes notierte, gerade in dieser Zeit sei es angebracht, über die "Verantwortung für die Volksgemeinschaft" nachzudenken. Kritisiert wegen der Wortwahl, klagte er, es sollten wohl "einige völlig unproblematische und sogar äußerst positive Begriffe nicht benutzt werden". Poggenburg: "Das lassen wir uns nicht gefallen, denn wirkliche Freiheit fängt bei der Freiheit der Sprache an!"[34] Auch die AfD-Bundessprecherin Frauke Petry sprach sich in einem Interview gegen die "Ächtung des Begriffs 'völkisch'" aus, den sie stattdessen "wieder positiv besetzen" wolle[35]. Der gestiegene Einfluss der parteiinternen Rechtsaußen-Formation "Der Flügel" wurde in der Forderung Gaulands[36] deutlich, seinen Parteifreund Höcke in das Spitzenkandidatenteam der AfD zur Bundestagswahl zu berufen. Gauland begründete seine Forderung mit dem Hinweis darauf, dass Höcke "einen großen Teil der Partei"[37] vertrete.

Äußerungen aus dem AfD-Bundesvorstand offenbaren zudem eine Verrohung des politischen Diskurses. So erklärte der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen auf dem AfD-Bundesparteitag in Stuttgart hinsichtlich der politischen Stoßrichtung des AfD-Grundsatzprogramms, das dort zu beschließende Programm solle wegführen von einem "links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland"[38].

Etablierung einer neuen deutsch-nationalen Partei?



Die AfD steht zum Ende des Jahres 2016 vor dem Übergang in ihre sechste Entwicklungsphase – ihrem Beweis, dass sie zur politischen Gestaltung fähig ist, ihrer Etablierung als realpolitisch handelnde Kraft. Bislang konnte die Partei ihre Wählerzustimmung als schlichte Nein-Sager- und rechte Protestpartei gewinnen. Die AfD erfuhr ihre Zustimmung lediglich aus der agitatorischen Mobilisierung von Konfliktthemen, politischer Unzufriedenheit, Ängsten und Ressentiments: Reale, politische Handlungskompetenz brauchte sie bisher weder zu zeigen, noch wurde ihr dies von ihrer Wählerschaft mehrheitlich zugetraut. In vielen Landtagen und kommunalen Gremien, in die sie hineingewählt wurde, tritt die AfD als rein provokative sowie als heillos zerstrittene politische Kraft in Erscheinung.

Diese mangelnde Handlungsfähigkeit in der politischen Alltagsrealität ist maßgeblich durch den fortschreitenden Radikalisierungsschub der AfD erklärbar, der sie in ihrer Rolle als "fundamentaloppositionelle Bewegungspartei" (O-Ton Höcke auf einem Parteitag der Thüringer AfD im April 2016) in eine zunehmende Frontstellung zu demokratischen parlamentarischen Aushandlungsprozessen bringen kann. Ob die sich immer weiter zuspitzende Mobilisierung "des Volkes" gegen die "Alt-Parteien" die Partei weiter in das Fahrwasser eines systemoppositionellen Fundamental-Nationalismus' gleiten lässt, der auch den Parlamentarismus ablehnt, bleibt abzuwarten. Der Mitbegründer der AfD-Rechtsaußenformation "Der Flügel", André Poggenburg, formulierte als politische Stoßrichtung: "Wir haben jetzt die wirklich historische Chance, eine echte deutschnationale Partei felsenfest im Parlament zu verankern."[39] Sollte sich die AfD in ihrem aktuellen Erscheinungsbild in der deutschen Parteienlandschaft verfestigen, stünde der parlamentarischen Demokratie die Auseinandersetzung mit einem deutschen Pendant zur FPÖ und zum Front National bevor.

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Autor: Alexander Häusler für bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Decker, Frank: Die „Alternative für Deutschland“ aus vergleichender Sicht der Parteienforschung, in: Häusler, Alexander (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung, Wiesbaden 2016, S. 7-23.
2.
Vgl. Decker, Frank (2011): Demokratischer Populismus und/oder populistische Demokratie? Bemerkungen zu einem schwierigen Verhältnis, in: Hartleb, Florian/Wielenga, Frieso (Hrsg): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster, S. 40; Kohlstruck, Michael (2008): Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Graduelle oder qualitative Unterschiede? In: Faber, Richard/Unger, Frank (Hrsg): Populismus in Geschichte und Gegenwart, Würzburg, S. 224; Priester, Karin (2012): Wesensmerkmale des Populismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 5-6/2012, S. 3-9
3.
Geden, Oliver: Rechtspopulismus. Funktionslogiken – Gelegenheitsstrukturen – Gegenstrategien, SWP-Studie 17, Berlin 2007, S. 8.
4.
Müller, Jan-Werner: Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2016, S. 26ff.
5.
Der vorliegende Text veranschaulicht in komprimierter und aktualisierter Form meine Forschungsergebnisse und bereits veröffentlichte Ausführungen zur AfD (s. Literaturhinweise in den Fußnoten).
6.
Tiefergehend habe ich dies dargestellt in: Häusler, Alexander/Roeser, Rainer: Die rechten „Mut-Bürger“. Entstehung, Entwicklung, Personal und Positionen der Alternative für Deutschland, Hamburg, S. 28-41.
7.
Stadtkewitz, Rene: http://www.pi-news.net/2013/09/die-freiheit-stellt-bundes-und-landespolitische-vorhaben-zugunsten-der-afd-ein/, abgerufen am 6..10.2016.
8.
Vgl. Langebach, Martin/Raabe, Jan: Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik Deutschland, in: Virchow, Fabian, Langebach, Martin/Häusler, Alexander; Handbuch Rechtsextremismus, Wiesbaden 2016, S. 561-597.
9.
Vgl. Kellershohn, Helmut: Risse im Gebälk: Flügelkämpfe in der jungkonservativen Neuen Rechten und der AfD, in: Häusler, Alexander (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung, Wiesbaden 2016, S. 181-200.
10.
Pro Köln, pro NRW, pro Deutschland.
11.
Gauland, Alexander: Liebe Wähler der Partei „Die Linke“, http://www.afd-brandenburg.de/wp-content/uploads/2014/09/LTW_Linke-Brief.pdf, abgerufen am 20.2.2016
12.
Erfurter Resolution im März 2015, http://derfluegel.de/erfurterresolution.pdf, abgerufen am 29.04.2015
13.
Steiner, Thomas: Die AfD stellt sich neu auf: "Wir sind die Pegida-Partei", Badische Zeitung v. 6.7.2025
14.
Dieter Plehwe: Alternative für Deutschland?. Europäische und transatlantische Dimensionen des neuen Rechtsliberalismus. In: Alexander Häusler (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2016, S. 65
15.
Bernd Lucke: Rede auf dem Gründungsparteitag von ALFA-Baden-Württemberg v. 24.08.2015, http://bernd-lucke.de/rede-gruendungsparteitag-alfa-baden-wuerttemberg/ abgerufen am 25.08.2015.
16.
Umfragehoch: AfD-Vize Gauland sieht Flüchtlingskrise als Geschenk, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-alexander-gauland-sieht-fluechtlingskrise-als-geschenk-a-1067356.html, abgerufen am 12.12.2015
17.
Nolte, Benjamin: Vorsicht Altparteilinge! In: Patriotische Plattform v. 26.07.2016, http://patriotische-plattform.de/blog/2016/07/29/vorsicht-altparteilinge-ein-beitrag-von-benjamin-nolte/, abgerufen am 31.07.2016
18.
Steffen Mack und Walter Serif: „Sie können es nicht lassen!“, in: Mannheimer Morgen vom 30.1.2016, http://www.morgenweb.de/nachrichten/politik/sie-konnen-es-nicht-lassen-1.2620328, abgerufen 27.2.2016
19.
Beatrix von Storch: Es ist so weit, vom 30.1.2016, https://www.facebook.com/BeatrixVonStorch/posts/1046239668750811, abgerufen 27.2.2016
20.
AfD Bayern: Die blaue Allianz, http://www.religion-online.info/islam/themen/titel-moschee-konflikt.gif, abgerufen am 12.04.2016.
21.
Von Storch: „Islam nicht mit Grundgesetz vereinbar“, in: FAZ online v. 17.04.2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/von-storch-islam-nicht-mit-grundgesetz-vereinbar-14182472.html, abgerufen am 24.04.2016.
22.
Programm für Deutschland. Das Grundsatzprogramm der Alternativ für Deutschland, Berlin 2016, S. 49f.
23.
Patriotische Plattform: AfD muss sich gegen Islamisierung des Abendlandes aussprechen! http://patriotische-plattform.de/blog/2014/12/09/stellungnahme-der-patriotischen-plattform-afd-muss-sich-gegen-islamisierung-des-abendlandes-aussprechen/, abgerufen am 20.07.2016.
24.
Tillschneider, Hans-Thomas: Prinzipien alternativer Islampolitik, http://www.derfluegel.de/2016/01/25/prinzipien-alternativer-islampolitik-i/, abgerufen am 10.02.2016.
25.
Vgl. näher: Häusler, Alexander: Die AfD – eine rechtspopulistische „Bewegungspartei“, in: ders./Virchow, Fabian: Neue soziale Bewegung von rechts? Zukunftsängste, Abstieg der Mitte, Ressentiments, Hamburg 2016, S. 42-51.
26.
Rede Markus Frohnmaier auf AfD-Demonstration in Erfurt, in: http://www.deutschlandfunk.de/afd-kundgebung-in-erfurt-wenn-wir-kommen-wird-aufgeraeumt.1773.de.html?dram:article_id=335345,agerufen am 20.4.2016.
27.
Höcke, Björn: Asyl. Eine politische Bestandsaufnahme – Vortrag beim IfS, https://www.youtube.com/watch?v=ezTw3ORSqlQ, abgerufen am 20.01.2016.
28.
Höcke, Björn: Rede auf dem 2. Kyffhäusertreffen der AfD-Gruppierung Der Flügel, http://www.derfluegel.de/2016/06/06/video-rede-von-bjoern-hoecke-beim-kyffhaeusertreffen-2016/, abgerufen am 28.07.2016.
29.
Patriotische Plattform: Wir sind identitär“, http://patriotische-plattform.de/blog/2016/06/14/wir-sind-identitaer/, abgerufen am 14.06.2016.
30.
In der Institutszeitschrift „Sezession“ gilt die AfD mittlerweile als „der parteipolitische Baustein“ innerhalb des „strukturell immer stabiler werdenden Widerstandsmilieus“. (Kubitschek, Götz: Nach dem Triumph der AfD (1) – historische Stunde, historische Verantwortung, http://www.sezession.de/53533/nach-dem-triumph-der-afd-1-historische-stunde-historische-verantwortung.html,abgerufen am 14.03.2016).
31.
Vgl. Herkenhoff, Anna-Lena: Neurechte Netzwerke und die Initiative „Ein Prozent für unser Land“, in: Häusler, Alexander/Virchow, Fabian: Neue soziale Bewegung von rechts? Zukunftsängste, Abstieg der Mitte, Ressentiments, Hamburg 2016, S. 73-83.
32.
AfD kompakt 2/2016: Wahlbeobachtung hat sich bewährt https://www.alternativefuer.de/wp-content/uploads/sites/7/2016/04/AfD_Kompakt_02-16.pdf, abgerufen am 02.04.2016.
33.
AfD-Landtags-TV: André Poggenburg: Die AfD ist einfach nicht mehr aufzuhalten!, vom 27.1.2016, https://www.youtube.com/watch?v=YYwTWkiZYgs&feature=youtu.be, abgerufen 28.1.2016
34.
Alternative für Deutschland AfD Sachsen-Anhalt: Liebe Bürger und Mitstreiter, vom 24.12.2015, https://www.facebook.com/SachsenAnhalt.AfD/photos/a.384418898339525.1073741828.363842953730453/898617830252960/?type=3, abgerufen 27.2.2016
35.
Petry, Frauke: „Wir wollen keinen Bürgerkrieg“, Interview in: Die Welt v. 11.09.2016
36.
Alexander Gauland gehörte wie Höcke zu den Mitunterzeichnern der Erfurter Resolution.
37.
Machtkampf in der AfD: Gauland sieht Höcke im Spitzenteam für Bundestag, in: Spiegel online vom 25.11.2016, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-alexander-gauland-sieht-bjoern-hoecke-im-spitzenteam-fuer-bundestag-a-1123024.html, abgerufen am 25.11.2016.
38.
5. AfD-Bundesparteitag: Rede von Jörg Meuthen am 30.04.2016, https://www.youtube.com/ watch?v=WcU2eLwVNsc , abgerufen am 15.05.2016
39.
AfD-Landtags-TV: André Poggenburg: Die AfD ist einfach nicht mehr aufzuhalten!, vom 27.1.2016, https:// www.youtube.com/watch?v=YYwTWkiZYgs&feature=youtu.be, abgerufen 28.1.2016

Alexander Häusler

Alexander Häusler

Alexander Häusler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus der Hochschule Düsseldorf (www.forena.de)


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