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31.5.2012

Aktuelle Situation und demografische Herausforderungen

Seit mehr als 30 Jahren ist die Geburtenrate in Deutschland konstant niedrig. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung weiterhin an. Nach dem Statistischen Bundesamt ist auch ein rückläufiges Wanderdungssaldo zu verzeichnen. Sowohl die Auswanderung der Ausländer als auch der Deutschen überwiegen.

Die derzeitige demografische Situation ist in Deutschland gekennzeichnet durch: Die Bevölkerungswissenschaftler rechnen damit, dass sich an der Geburtenrate in absehbarer Zeit wenig ändern wird. Zwar könnten die Einführung des Elterngeldes, die Verbesserung der Kleinkinderbetreuung und der Einstellungswandel hin zur Familie sich förderlich auswirken. Trotzdem werden aber immer mehr Frauen erst spät Kinder bekommen, da lange Bildungsgänge und der Berufseinstieg mit der Familiengründung konkurrieren. Daher wird auch damit gerechnet, dass der Anteil der kinderlosen Frauen steigen wird (Stat. Bundesamt 2009: 27).

Mag auch die (relative) Zahl der Kinder pro Frau gleich bleiben, die (absolute) Zahl der Geburten wird in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten drastisch abnehmen. Das Geburtendefizit (der negative Saldo von jährlichen Geburten und Sterbefällen), das seit 1972 nur gering ausfiel, wird sich daher enorm vergrößern. Denn immer mehr der seit Mitte der 1970er-Jahre herangewachsenen geburtenschwachen Jahrgänge kommen ins Elternalter. Diese wenigen Eltern werden auch wenige Kinder hervorbringen. Dieser sogenannte Altersstruktureffekt wird so mächtig werden, dass sich am künftigen Geburtendefizit selbst dann kaum etwas ändern würde, wenn die wenigen Paare bzw. Frauen künftig wieder mehr Kinder bekommen sollten. Auch eine weiterhin steigende Lebenserwartung der Menschen und eine wieder zunehmende Einwanderung werden das enorme Geburtendefizit nicht auffüllen können.

Die Lebenserwartung wird voraussichtlich weiterhin zunehmen, aber wohl etwas langsamer als bisher. Von 1960 bis 2010 hat sie sich um ca. elf Jahre verlängert. Eine solche Steigerung ist in den nächsten 50 Jahren nicht zu erwarten, weil es mit steigendem Alter medizinisch und auch ökonomisch immer schwieriger wird, die Lebenserwartung zu verlängern. Die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland wird voraussichtlich die der Auswanderer wieder überwiegen, wenn auch weniger stark als im langjährigen Durchschnitt zuvor. Diese Prognose basiert darauf, dass Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt wieder benötigt werden (siehe unten) und die Zuwanderung von Ausländern durch forcierte Werbung wieder ansteigen wird.

Bevölkerungsrückgang



Das kommende riesige Geburtendefizit wird trotz Wanderungsgewinnen und steigender Lebenserwartung die Bevölkerung Deutschlands schrumpfen lassen. Das statistische Bundesamt rechnet damit, dass die Bevölkerungszahl des Jahres 2008 von etwa 82 Millionen Menschen bis zum Jahre 2060 auf 65 bis 70 Millionen zurückgegangen sein wird. Entscheidend für die genaue Zahl wird die Entwicklung der Zuwanderungen sein. Die höhere Bevölkerungszahl unterstellt einen durchschnittlichen jährlichen Wanderungsgewinn von 200.000, die niedrigere von nur 100.000 Menschen (Stat. Bundesamt 2009: 12).

Der Bevölkerungsrückgang wird möglicherweise ökonomische und sozialpolitische Probleme zur Folge haben. Dann nämlich, wenn eine sinkende Nachfrage nach Konsumgütern oder sinkende Zahlen von Arbeitskräften die Wirtschaftsleistung zurückgehen lassen, so dass die gleichzeitig steigende Nachfrage nach staatlichen Dienstleistungen für ältere Menschen nicht mehr finanziert und befriedigt werden kann. Eine kleinere Bevölkerung könnte aber auch Entlastungen mit sich bringen: Es könnte leichter fallen, Infrastrukturen zu erhalten und natürliche Ressourcen zu schonen.

Der Schrumpfungsprozess wird sich regional sehr ungleichmäßig vollziehen. Für die meisten Ballungsräume Westdeutschlands werden keine Rückgänge, sondern steigende Bevölkerungszahlen vorausgesagt. Denn Agglomerationen werden Zuwanderer anziehen, und ältere Menschen werden vermehrt vom Land in die Städte ziehen, um Geschäfte, Ärzte etc. besser erreichen zu können. In den ländlichen Räumen Westdeutschlands und im größten Teil Ostdeutschlands werden jedoch erheblich weniger Menschen als heute wohnen. Deshalb werden dort viele Gemeinden mit drohenden Abwärtsspiralen zu kämpfen haben: Wenn Schulen und Geschäfte dort mangels Nachfrage schließen, wenn Verkehrsverbindungen und Arztpraxen mangels Kunden eingestellt werden, dann werden sich auch immer weniger Menschen, insbesondere Familien dort ansiedeln. Betriebe verlagern daraufhin ihren Standort, Arbeitsplätze gehen verloren, Entsorgungsdienste, Energie- und Wasserversorgung werden teurer und problematisch. In der Folge werden immer mehr Menschen wegziehen, usw. Viele kreative Maßnahmen werden erforderlich sein, um diese sich selbst verstärkenden Entleerungsprozesse zu stoppen. Dazu gehören unter anderem Lebensmittelläden, die von Bürgergemeinschaften betrieben werden, Anruf- und Sammeltaxis zur Verkehrsverbindung, attraktive Spezialschulen und anderes mehr.

Alterung



Problematischer als der Bevölkerungsrückgang erscheint den meisten Experten die Veränderung der Altersstruktur. Wenn in Zukunft viel weniger Kinder als heute zur Welt kommen werden und die Lebenserwartung immer weiter steigen wird, dann wird sich das Gros der Bevölkerung immer mehr in die älteren Jahrgänge hinein verschieben. Deutschland wird eine "deformierte Altersstruktur" (Miegel 2002) haben. Die Überalterung wird ihren Höhepunkt etwa in den Jahren 2040 bis 2050 dann erreichen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit alle im Rentenalter, die geburtenschwachen Jahrgänge im Alter der Erwerbstätigkeit und deren wenige Kinder im Schulalter sein werden. Die Überalterung wird erst nach dem Jahr 2050 wieder nachlassen, wenn dereinst die geburtenstarken Jahrgänge gestorben sein werden. Dann werden die Altersgruppen der Jüngeren, derjenigen im mittleren Alter und der Älteren etwa gleich groß sein. Eine Alterspyramide, wie noch im Wilhelminischen Kaiserreich, wird es aber auch dann nicht wieder geben.

Im Wesentlichen wird das Altern der Bevölkerung folgende vier Probleme mit sich bringen:

Ältere Erwerbstätige

Die Erwerbstätigen werden im Durchschnitt immer älter werden. Die Erstausbildung von immer mehr Arbeitenden wird immer länger zurückliegen. Erfahrung wird zum reichlich vorhandenen Gut, frisch erworbenes Wissen wird knapp werden. Ob der Erfahrungsvorsprung der immer zahlreicheren älteren Erwerbstätigen deren eventuell sinkende Anpassungsfähigkeit und Mobilität ausgleichen wird, bleibt abzuwarten. Nicht selten wird ein Absinken der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität vorausgesagt. Die Alterung der Erwerbstätigen droht angesichts eines schnellen technischen und ökonomischen Wandels Qualifikationsrückstände hervorzurufen und wird immer mehr Weiterbildung nötig machen.

Arbeitskräftemangel

Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 Jahren wird deutlich zurückgehen, von gegenwärtig ca. 50 Millionen auf 33 – 36 Millionen im Jahr 2060 (Stat. Bundesamt 2009: 18). Damit wird die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte schrumpfen. Unterstellt man einen gleichbleibend hohen Arbeitskräftebedarf – dies erscheint angesichts der Arbeitsplatzentwicklung der vergangenen Jahrzehnte und der anstehenden künftigen Aufgaben, zum Beispiel im Gesundheitsbereich, durchaus wahrscheinlich – dann werden Arbeitskräfte in großen Teilen des Arbeitsmarkts knapp werden. Zuerst im Bereich der qualifizierten Dienstleistungen und der neuen Technologien, wo sie heute schon fehlen, dann auch in anderen Bereichen qualifizierter Erwerbstätigkeit.

Dass der Arbeitskräftemangel unter Fachkräften besonders groß sein wird, hat mit dem demografischen Wandel im Grunde nichts zu tun. Hier macht sich bemerkbar, dass in Deutschland seit den 1990er-Jahren kaum noch eine Bildungsexpansion stattgefunden hat, wohl aber der Bedarf nach Qualifizierten immer größer geworden ist. Wenn es in Zukunft weniger Menschen im mittleren Lebensalter geben wird, macht dies die Versäumnisse im Bildungsbereich schneller und großflächiger spürbar, als dies bei gleich bleibender Altersstruktur der Fall wäre.


Zwar könnten es Erhöhungen der Arbeitsproduktivität ermöglichen, dass in Zukunft weniger Erwerbspersonen mehr als heute hervorbringen werden und deswegen der Arbeitskräftemangel sich in Grenzen halten wird. Aber gerade im Bereich der qualifizierten Dienstleistungen (Lehren, Forschen, Beraten, Heilen, Pflegen, Werben etc.) und neuer Technologien werden so viele neue Aufgaben entstehen und so geringe Produktivitätssteigerungen möglich sein, dass hier massiver Personalmangel absehbar ist.

Trotz Arbeitskräftemangels wird die Arbeitslosigkeit nicht völlig verschwinden, denn auch in den nächsten Jahrzehnten werden immer weniger Arbeitsplätze für niedrig qualifizierte Erwerbstätige angeboten werden. Wir bewegen uns also auf eine zwiespältige Situation zu: Mangel und Überschuss an Arbeitskräften werden auf unterschiedlichen Feldern des Arbeitsmarkts gleichzeitig nebeneinander bestehen, was sich bereits heute andeutet. Dies droht die ohnehin wachsende Ungleichheit der Löhne und Gehälter (vgl. Kapitel "Soziale Ungleichheit" und Kapitel "Arbeitsmarkt") noch zu verstärken.

Gegenmaßnahmen

Die dargestellten Entwicklungen werden dann weniger krass verlaufen, wenn Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Folgende bieten sich an: Vorausberechnungen zufolge werden auch alle vorgenannten Maßnahmen zusammen genommen den Rückgang der Erwerbstätigen zwar lindern, aber nicht völlig verhindern.

Gefährdung sozialer Sicherung

Wenn weniger Menschen als heute erwerbstätig sein werden, dann werden auch weniger Menschen Beiträge für Sozialversicherungen entrichten und Steuern zahlen. Zugleich werden im Zuge der Alterung aber immer mehr Menschen Rentenzahlungen und Gesundheitsleistungen beanspruchen. Da in Deutschland die Alters- und Krankenversicherung im Wesentlichen auf dem Umlageverfahren beruht, wobei die mittlere, erwerbstätige Generation für die Sicherung der älteren Generation aufkommt, bedroht das wachsende Missverhältnis zwischen weniger Zahlern und mehr zu Versorgenden die Funktionsfähigkeit der Alters- und Gesundheitssicherung.

Entwicklung der Altersstruktur Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Das verdeutlicht im Groben bereits der "Altenquotient". Er beantwortet die Frage, wie viele ältere, im Prinzip zu versorgende Menschen (65 +) auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter (20 – 65 Jahre) kommen, die die Älteren prinzipiell finanzieren können. 2010 entfielen auf drei Menschen im erwerbsfähigen Alter zwei Ältere. Voraussichtlich werden im Jahre 2060 drei Menschen im erwerbsfähigen Alter drei zu versorgenden gegenüber stehen. Gleichzeitig sinkt aber der analoge "Jugendquotient" nur unbedeutend. Von hier ist keine Entlastung zu erwarten.

Gegenmaßnahmen

Um zu vermeiden, dass das System der Altersversicherung und Krankenversorgung in Gefahr gerät, werden seit Jahren Maßnahmen diskutiert und teilweise bereits realisiert: Es besteht weithin Einigkeit, dass Maßnahmen zur Sicherung der demografisch bedrohten Sicherungssysteme notwendig sind. Meist wird gesehen, dass eine Maßnahme allein kaum genügen wird: Wollte man die demografische Herausforderung zum Beispiel allein durch Beitragserhöhungen auffangen, so wären im Jahre 2030 doppelt so hohe Beiträge wie 2000 zu zahlen (Birg 2001). Versuchte man, das Größenverhältnis zwischen Zahlenden und Zahlungsempfängern ausschließlich durch Zuwanderungen konstant zu halten, so bedürfte es einer jährlichen Zuwanderung von 3,4 Millionen (!) Menschen (Vereinte Nationen, in: Höhn 2000). Wollte man allein durch Hinausschiebung des Rentenalters die Sicherungssysteme erhalten, so begänne es mit 77 Jahren. Die Konsequenzen solcher Einzelmaßnahmen wären unzumutbar und auch kaum durchsetzbar. Meist wird daher empfohlen, viele oder alle der dargestellten Maßnahmen zugleich zu ergreifen (vgl. dazu auch Kapitel "Sozialstaat").


Generationengerechtigkeit

Bei der Abwägung, wie der demografischen Gefährdung der Sicherungssysteme zu begegnen sei, geht es auch um die jeweilige Belastung der verschiedenen Generationen. Da im Zuge des Generationenvertrags (vgl. Kapitel "Sozialstaat") die mittlere Generation für die ältere aufkommt, führt die Aufrechterhaltung der Höhe von Sicherungsleistungen für immer mehr ältere Menschen zur wachsenden Belastung der kleiner werdenden mittleren Generation. Auch jeder Übergang von diesem Umlageverfahren zur Eigensicherung belastet die mittlere Generation doppelt. Sie hätte sowohl höhere Sozialversicherungsbeiträge bzw. Steuern für die wachsende Zahl der Älteren als auch für die eigene Sicherung zu zahlen. Andererseits werden Leistungskürzungen von vielen Älteren als Beschneidung jahrzehntelang erworbener Rechte empfunden und abgelehnt. Hieraus resultiert ein Interessenkonflikt zwischen den Generationen. Zugeständnisse auf beiden Seiten werden schwerlich zu vermeiden sein: Die mittlere Generation wird finanziell stärker belastet werden und die Älteren werden von einer historisch privilegierten in eine weniger vorteilhafte Situation geraten. Unter anderem wegen der Frage, welche Generation wie sehr zu belasten ist, gerät das Thema der Generationengerechtigkeit immer mehr in den Vordergrund.

Aufgrund des wachsenden Interessengegensatzes zwischen der zahlungspflichtigen mittleren und der leistungsempfangenden älteren Generation halten viele einen Konflikt, manche gar einen "Krieg" zwischen den Generationen für unausweichlich. Wegen der zunehmenden Zahl der Wählerstimmen von älteren Menschen sehen einige schon eine Herrschaft der Älteren über die mittlere Generation kommen. Doch wahrscheinlicher ist, dass beide Generationen sehr wohl registrieren werden, wie sehr sie (zum Beispiel schon in der eigenen Familie) gegenseitig aufeinander angewiesen sind, und es deshalb zu keinem ernsthaften Generationenkonflikt kommen wird.

Hochbetagte

Der Bevölkerungsanteil der Älteren und der Hochbetagten (80 +) wird stark zunehmen. Er wird in den Jahren 2040 bis 2050 seinen Höhepunkt erreichen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge des "Baby-Booms" alle im Rentenalter und die geburtenschwachen Jahrgänge alle im Erwerbsalter sein werden.

65- bis unter 80-Jährige sowie 80-Jährige und Ältere (© Statistisches Bundesamt)

Neu für unsere Gesellschaft wird insbesondere sein, dass dann Hochbetagte erstmals einen unübersehbaren Bevölkerungsanteil ausmachen werden. Hierzu wird beitragen, dass die Älteren von morgen – auch und gerade die weiblichen – gesünder, gebildeter, aktiver und eher auf ihre individuelle Selbstverwirklichung hin ausgerichtet sein werden als die Älteren von heute.

Die Alterung wird den gesamten Charakter der Gesellschaft beeinflussen, vom Straßenverkehr, über das Familienleben bis hin zu den Nachbarschaften. Auch wird die Nachfrage nach vielen Konsumgütern zurück gehen und die nach zahlreichen Dienstleistungen, insbesondere im Gesundheitswesen, wird zunehmen. Die Güter- und Arbeitsmärkte wird das sehr verändern.
Die Gesamtkosten der Gesundheitssicherung und der Pflege werden voraussichtlich direkt proportional mit dem Bevölkerungsanteil der über 70-Jährigen steigen. Die Alterung wird daher die Gesundheitssicherung und Pflege bedeutend verteuern. Gelegentlich wird argumentiert, dass die älteren Menschen immer gesünder sein werden, und daher die Gesundheitskosten nicht so dramatisch zunehmen werden. Daran ist zwar richtig, dass zum Beispiel 80-Jährige heute im Durchschnitt gesünder als gestern sind und morgen voraussichtlich gesünder als heute sein werden. Richtig ist aber auch, dass jedes neu hinzugekommene Jahr der Lebenserwartung keineswegs ausschließlich aus Gesundheit, sondern zu etwa zwei Dritteln aus Krankheit bestehen wird.

Die Alterung der Gesellschaft hat jedoch nicht nur negative Aspekte. Sie stellt im Gegenteil sogar die Erfüllung eines Menschheitstraums dar. Die Menschen wollten schließlich immer alt werden. So werden die Älteren nicht ausschließlich hilfsbedürftig sein, nicht nur eine Belastung für Jüngere darstellen und ihr Leben keineswegs vollständig in Krankheit und Kümmernis verbringen. Viele Ältere werden autonom leben und ihr Dasein genießen können. Zahlreiche Aufgaben, die heute im Wesentlichen die mittlere Generation erfüllt, zum Beispiel bürgerschaftliche Engagements in Gemeinden, in Schulen, Familien, Schuldnerberatungsstellen etc., werden von aktiven, kompetenten älteren Menschen verrichtet werden können.
Die Alterung der Gesellschaft wird in der zweiten Hälfte dieses 21. Jahrhunderts, anders als viele meinen, allmählich auch in Deutschland wieder zurückgehen. Die Altersgruppen werden sich dann wieder gleichmäßiger auf die Bevölkerung verteilen. Damit werden sich auch die oben genannten Probleme entschärfen, die zuvor eine "deformierte Altersstruktur" hervorgerufen hat.

Internationaler Vergleich



Die demografische Entwicklung, die damit einhergehenden Probleme sowie die notwendigen Maßnahmen zu ihrer Bewältigung sind in Deutschland nicht wesentlich gravierender als in vielen anderen hochentwickelten Ländern. Zwar gibt es Unterschiede hinsichtlich der Lebenserwartung, doch sie halten sich in Grenzen. Auch gibt es Länder, in denen mehr oder aber weniger Kinder als in Deutschland zur Welt kommen. Doch in keinem entwickelten Land ist die Geburtenrate hoch genug, um die Größe seiner Bevölkerung zu erhalten. Einige Länder, wie Frankreich, Schweden und die USA, kommen zwar – nicht zuletzt dank der Migranten – in die Nähe der dafür nötigen Geburtenrate von 2,1 Kinder pro Frau, aber auch diese Länder erreichen sie nicht.

Deshalb werden in den Ländern Europas und Nordamerikas sowie in Japan prinzipiell ähnliche Probleme wie in Deutschland im Zusammenhang mit Bevölkerungsschwund und Alterung auftreten. Teils werden sie etwas später spürbar werden (wie in Italien, Spanien, und noch etwas später in den mittel-osteuropäischen Ländern), teils werden sie (wie in Frankreich, Großbritannien und in Skandinavien) weniger krasse Ausmaße annehmen. Grob gesehen aber sitzen die entwickelten Länder demografisch gesehen "im gleichen Boot". Daher werden sie sich demografisch allenfalls kurzfristig gegenseitig unterstützen können. Demografische Entlastung durch Zuwanderungen etwa ist aus Westeuropa nicht und aus Osteuropa nur noch kurze Zeit zu erwarten.

Herausforderung für die Entwicklungsländer

Viele Entwicklungsländer befinden sich dagegen zunächst noch in der Phase der Verjüngung der Bevölkerung. Die Geburtenraten sind noch hoch und das Gros der Bevölkerung ist sehr jung. Die Altersstruktur ist ebenfalls unausgewogen, jedoch spiegelbildlich zu der Deformation moderner Gesellschaften. Zahlreiche weniger entwickelte Gesellschaften haben alle Mühe, Entwicklungschancen und Arbeitsplätze für die vielen jungen Menschen in ihrem Land zu schaffen. Eine prosperierende Wirtschaft schafft nur in einem Teil der Entwicklungsländer ausreichende Ernährungsmöglichkeiten für junge Menschen. Diesbezügliche Fortschritte werden in vielen Ländern stets wieder durch hohe Geburtenraten gefährdet.

Dennoch wird die Alterung auch die heutigen Entwicklungsländer in absehbarer Zeit erreichen. Denn die derzeitigen Geburtenrückgänge fallen in den meisten Entwicklungsländern sogar noch steiler aus als jene, die sich vormals in Europa vollzogen. Einschlägige Prognosen (United Nations 2008) besagen, dass vielleicht schon 2050 die durchschnittlichen Geburtenraten auf der gesamten Erde unter das Bestandserhaltungsniveau gesunken sein werden. Wenn die dann entstehenden geburtenschwachen Jahrgänge in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts im Elternalter sein und daher wenige Kinder hervorbringen werden, wird die Weltbevölkerung zurückgehen. Die Alterung wird dann gegen Ende dieses Jahrhunderts auch den meisten der heutigen Entwicklungsländer Probleme bereiten. Sie werden voraussichtlich noch krasser ausfallen als jene, die demnächst auf uns zukommen.

Die heutigen Industriegesellschaften haben nämlich die Chance, manche problematischen Begleiterscheinungen der Alterung durch die Zuwanderung von qualifizierten oder (besser) qualifizierbaren Arbeitskräften abzupuffern. Am Ende dieses Jahrhunderts, wenn vermutlich fast überall auf der Welt die Bevölkerungszahlen schrumpfen und die Bevölkerungen altern werden, wird diese Chance kaum noch bestehen.

Stefan Hradil

Stefan Hradil

Stefan Hradil, geb. 1946 in Frankenthal (Pfalz), von 1991 bis 2011 Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach dem Studium der Soziologie, Politologie und Slavischen Philologie an der Universität München (1968 – 1973) war er von 1974 bis 1989 wiss. Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität München. Promotion 1979 und Habilitation 1985 an der Universität München. Von 1989 bis 1990 Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bamberg. Stefan Hradil wurde 1994 Ehrendoktor der Universität für Wirtschaftswissenschaften Budapest, war 1995 bis 1998 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Schader-Stiftung, Darmstadt und seit 2006 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialstrukturanalyse, auch im internationalen Vergleich, Soziale Ungleichheit, Soziale Milieus und Lebensstile, Sozialer Wandel.


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