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31.5.2012

Urbane Lebensweise

Die urbane Lebensweise ist durch die Dichte und Heterogenität der Bevölkerung geprägt. Die fehlende räumliche Distanz wurde durch die Entwicklung einer inneren Distanz kompensiert. Der Soziologe Georg Simmel sah darin eine Möglichkeit der Emanzipation aus den Verpflichtungen enger sozialer Beziehungen. Die wechselseitige Gleichgültigkeit wurde in seinen Augen eine Bedingung für individuelle Freiheit.

Aufgrund der kurzfristigen Arbeitsverträge und niedrigen Löhne waren die Arbeiter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts häufig zu Umzügen gezwungen, um Phasen der Armut zu überbrücken, und außerdem war es durchaus üblich, einen Teil der Wohnung oder auch manchmal nur das Bett für die Nacht unterzuvermieten, um die Mietzahlung auf mehr Schultern verteilen zu können. So entstand, im Gegensatz zum bürgerlichen Ideal der abgeschlossenen Familienwohnung, eine "halboffene" Wohnweise, in der die Familie der Hauptmieter mit wechselnden "Fremden" zusammenlebte. Die Nachfrage nach solchen Unterkünften war groß, da die Zuwanderung vom Lande überwiegend von jungen, männlichen Arbeitskräften getragen wurde, die hoch mobil waren. In den Arbeitervierteln entstand trotz aller angesichts der räumlichen Enge unvermeidlichen Streitigkeiten eine besondere Lebensweise, die durch informelle Hilfeleistungen, politische Solidarität und durch eine intensive Nutzung der öffentlichen Räume gekennzeichnet war. Privatheit, das Sehnsuchtsziel der bürgerlichen Schichten, war in diesen Stadtteilen kaum möglich.

Die kulturelle und ökonomische Differenzierung und Spezialisierung

Ganz anders entwickelte sich dagegen die urbane Lebensweise derjenigen, die aufgrund von eigenem Vermögen oder festen Anstellungen im sich rasch ausbreitenden Dienstleistungssektor nicht von unmittelbaren Existenzsorgen geplagt wurden. Georg Simmel (1903) hat sie idealtypisch als eine Reaktion auf die städtische Dichte und Heterogenität der Bevölkerung beschrieben. Im Gegensatz zur kleinstädtischen oder ländlichen Situation, wo man die Menschen, denen man alltäglich begegnete, sozial einordnen und mit denen man oft noch vertraute Beziehungen pflegen konnte, war das Leben in der Großstadt geprägt durch eine hohe Dichte höchst flüchtiger Begegnungen, die es unmöglich machten, jeden einzelnen Menschen noch als Individuum wahrzunehmen. Daher entwickelten die Städter eine ›Reserviertheit‹ im Umgang, eine Abwehr gegen zu viele Eindrücke, die durch die zahllosen, unvermeidlichen und nicht gewollten Begegnungen mit fremden Menschen im öffentlichen Raum entstanden. Die fehlende räumliche Distanz wurde durch eine innere Distanz kompensiert; man konnte psychisch nur überleben, indem man eine große Gleichgültigkeit gegenüber den anderen entwickelte, was in der kulturpessimistischen Deutung solcher "oberflächlichen" Beziehungen als Ausdruck von Vereinsamung und sozialem Zerfall interpretiert wurde. Simmel hingegen sah hierin eine Möglichkeit der Emanzipation aus den Verpflichtungen enger sozialer Beziehungen, wie sie typischerweise die Familie oder eine traditionelle Nachbarschaft mit sich brachten, also die Perspektive der Individualisierung. Die wechselseitige Gleichgültigkeit wurde in seinen Augen eine Bedingung für individuelle Freiheit. Die sozialen Kontrollen wurden schwächer oder fielen ganz weg in einer Umgebung, in der das Zusammenleben vor allem über die Systeme des Arbeitsmarktes und eines selbst gewählten Kulturlebens integriert wurde.

Simmel sah in den beiden Merkmalen des "Städtischen", nämlich in der Heterogenität von Berufen und kulturellen Orientierungen sowie der erzwungenen Koexistenz auf engem Raum aber auch ein Grundmerkmal der kulturellen Produktivität der Städte. In der großen Masse wurden kulturelle und ökonomische Differenzierung und Spezialisierung zu den entscheidenden Prozessen, die die Städte zu Orten der Innovation werden ließen. Während das Abweichende und das Fremde in kleineren lokalen Gemeinschaften eher als Bedrohung wahrgenommen und entsprechend sozial sanktioniert wurde, forderte die Großstadt Besonderheiten und Differenzierungen geradezu heraus und belohnte sie. Die Möglichkeit zur Anonymität, zur selbst bestimmten Wahl der Verkehrskreise und die permanente Konfrontation mit dem Unbekannten formten den städtischen Sozialcharakter. In kleinen Städten und Dörfern überschnitten sich die Verkehrskreise, und man begegnete daher in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder den gleichen Leuten, in der Großstadt aber differenzieren sich die Verkehrskreise aus, man kann verschiedene Rollen einnehmen und ausprobieren, die Individualität wurde dadurch gefördert, und die Großstadt wurde zum Ort der Emanzipation aus traditionellen sozialen Kontrollen. Selbstverständlich hat dieser Prozess seine Kehrseite darin, dass die Emanzipation aus sozialen Verpflichtungen auch mit dem Risiko der sozialen Isolation und der existenziellen Gefährdung verbunden sein kann. Für einen nachhaltigen Schub der Individualisierung war daher auch der Aufbau einer kommerziellen Dienstleistungsindustrie und staatlicher Versorgungseinrichtungen Voraussetzung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde so der Aufbau der Stadt als einer "Dienstleistungsmaschine" zu einem zentralen Leitbild.

Hartmut Häussermann

Hartmut Häussermann

Hartmut Häussermann, 1943 – 2011, war von 1993 bis 2008 Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. 1964 – 1970 Studium von Soziologie, Politik und Volkswirtschaft an der FU Berlin, 1970 – 1976 Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der FU Berlin; 1976 – 1978 Professor für Stadt- und Verwaltungssoziologie an der Universität (Gesamthochschule) Kassel, Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung; 1978 – 1993 Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Universität Bremen im Studiengang Sozialwissenschaft. Thematische Schwerpunkte: Segregation in den Städten, Migranten in der Stadt, Soziale Stadt, Stadtpolitik. Letzte Veröffentlichungen: Stadtsoziologie. Eine Einführung (mit W. Siebel), Frankfurt/Main-New York 2004; Stadtpolitik (mit D. Läpple und W. Siebel), Frankfurt/Main 2008.


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