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17.7.2017

Vor 80 Jahren: Ausstellung "Entartete Kunst"

Vor 80 Jahren (19. Juli 1937) begann in München die nationalsozialistische Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst". Sie war Ausdruck einer folgenschweren Kulturpolitik, die freie Kunst an den Pranger stellte. Die betroffenen Künstlerinnen und Künstler wurden systematisch ausgegrenzt und verfolgt. Der Verbleib vieler damals beschlagnahmter Kunstwerke ist bis heute ungeklärt.

Die Ausstellung "Entartete Kunst" wurde vom 19. Juli bis zum 30. November 1937 in den Räumen des Münchener Hofgartens gezeigt. Der Publikumsandrang war groß. (© picture-alliance / akg-images)


"Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung." Mit diesen Worten eröffnete Adolf Ziegler, selbst Maler und Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste, am 19. Juli 1937 die von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels initiierte Ausstellung "Entartete Kunst" im Galeriengebäude des Münchener Hofgartens.

Mit der Ausstellung sollte das gesamte Spektrum moderner Kunst in Deutschland aus dem sozialen und kulturellen Leben ausgeschlossen werden.

Am Pranger: Über 120 Künstlerinnen und Künstler



In der Münchener Ausstellung wurden über 120 Künstlerinnen und Künstler mit über 700 Exponaten an den Pranger gestellt. Die Ausstellungsstücke wurden von diffamierenden Inschriften begleitet, die unter dem NS-Schlagwort der "jüdisch-bolschewistischen Kunst“ antisemitische und antikommunistische Vorurteile schürten.

Als "entartet" galten dem NS-Regime alle kulturellen Strömungen, deren Ästhetik ihnen als "undeutsch" erschien und nicht in das von ihnen propagierte Menschenbild passte. Das galt unter anderem für den Kubismus, den Expressionismus, die Neue Sachlichkeit und den Dadaismus.

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Datenbank "Entartete Kunst"

Gesamtverzeichnis der 1937/38 in deutschen Museen beschlagnahmten Werke "entarteter Kunst" versammelt die Datenbank der Forschungsstelle 'Entartete Kunst' der Freien Universität Berlin. Hier sind auch die Kunstwerke verzeichnet, die in der Münchener Propaganda-Schau "Entartete Kunst" vom 19. Juli 1937 bis 30. November 1937 ausgestellt wurden.

Werke der Ausstellung

 Freundlichs Plastik "Der neue Mensch" war kurze Zeit zuvor, Anfang Juli 1937, von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und später zerstört wurden. Der Künstler Otto Freundlich wurde am 9. März 1943 im KZ Lublin-Majdanek ermordet. Der "Der Turm der blauen Pferde" gilt bis heute verschollen. Das berühmte Gemälde Franz Marcs (1880-1916) wurde am 7. Juli 1937 im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" beschlagnahmt. Nur ein knappes Jahr später hatte sich Reichsmarschall und Luftfahrtminister Hermann Göring die "blauen Pferde" angeeignet. Intensiv blickt die "Sizilianerin mit grünem Schal" den Betrachter an. Das Bild des deutsch-russischen Malers Alexej von Jawlensky (1864-1941) wurde vor seiner Enteignung und der Münchener Ausstellung im Juli 1937 bereits bei verschiedenen NS-Propaganda-Ausstellungen gezeigt, etwa in der "Mannheimer Schreckenskammer" im Sommer 1933 in Erlangen. Wassily Kandinskys (1866-1944) Aquarell "Abstieg" war Teil der Münchener Propaganda-Schau "Entartete Kunst". 1940 war es vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gekauft und mehr als 20 Jahre später dann auf einer Auktion versteigert worden. Das Foto zeigt die Enthüllung des Werkes im Kunstmuseum Moritzburg in Halle im März 2017. Das Museum hatte das Bild vor seiner Enteignung besessen und dieses Jahr erneut erworben. Ernst Ludwig Kirchners (1880-1938) "Selbstbildnis als Soldat" gehört ebenfalls zu den Kunstwerken, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als "Entartete Kunst" zur Schau gestellt wurde. Kirchners Bild war bereits seit 1936 Teil der Ausstellung "Der Bolschewismus - große antibolschewistische Schau" im Deutschen Museum München gewesen. Die Skulptur "Schwangere" der Bildhauerin Emy Roeder (1890-1971) galt lange Zeit als verschollen. Anfang Juli 1937 war die Plastik vom Deutschen Reich beschlagnahmt worden. 2010 war sie dann bei zufällig bei Grabungen vor dem Roten Rathaus in Berlin wiedergefunden worden. Der sogenannte "Berliner Skulpturenfund" hatte insgesamt 16 Werke, die im NS beschlagnahmt worden waren, ans Tageslicht befördert. Das Foto zeigt die restaurierten Überreste der ursprünglich 80 cm großen Skulptur bei einer Ausstellung in Karlsruhe 2011. Das Bild "Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen" des schlesischen Künstlers Otto Müller (1874-1930) war Anfang Juli 1937 vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda beschlagnahmt worden. Ein gutes Jahr später hatten die Nationalsozialisten das Bild in ein Berliner Depot zur Lagerung "international verwertbarer" Kunstwerke gebracht. Das Bild "Der Goldfisch" des Schweizer Künstlers Paul Klee (1879-1940) beschlagnahmten die Nationalsozialisten im Juli 1937 und stellten das Werk neben der Schau in München auch noch in weiteren deutschen Städten wie Berlin, Leipzig und Düsseldorf aus. Christian Rohlfs´ (1849 - 1938) Bildnis "Elias" war nur fünf Tage vor dem Münchener Ausstellungsbeginn in Kiel durch das NS-Propagandaministerium beschlagnahmt worden. Rudolf Bellings (1886 - 1972) "Kopf in Messing - Toni Freeden" wurde im Juli 1937 beschlagnahmt. Das Foto zeigt die Plastik während einer Ausstellung 1992 im Alten Museum im Berliner Lustgarten.


Von Max Beckmann bis Oskar Kokoschka



Unter den Künstlerinnen und Künstlern, deren Kunst im Nationalsozialismus als "entartet“ galt, befanden sich viele Vertreterinnen und Vertreter der Klassischen Moderne: Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz. Doch es waren nicht nur die großen Namen, die von den Aktionen betroffen waren, sondern auch viele unbekanntere, die nach der Ausstellung in Vergessenheit gerieten und somit aus der Kunstgeschichte entfernt wurden. Insgesamt wurden während der groß angelegten "Säuberungsaktionen" über 20.000 Kunstwerke von etwa 1.400 Künstlern beschlagnahmt.

Nach München ging die Ausstellung durch Großstädte des Deutschen Reichs auf Wanderung. Sie wurde etwa in Berlin, in Wien, in Leipzig, Hamburg und Frankfurt gezeigt. Insgesamt hatte sie über drei Millionen Besucher.

Viele der beschlagnahmten Werke versuchten die Nazis im Ausland zu verkaufen oder gegen ältere Kunst zu tauschen. Der "nichtverwertbare“ Rest wurde entweder eingelagert oder verbrannt.

Das Gegenstück: Die "Große Deutsche Kunstausstellung"



Am Tag zuvor, dem 18. Juli 1937, eröffnete Adolf Hitler, nur wenige Meter vom Hofgarten entfernt, das "Haus der Deutschen Kunst" (heute "Haus der Kunst") mit der ersten "Großen Deutschen Kunstausstellung".

Das "Haus der Deutschen Kunst" bei der Eröffnung der "Großen Deutschen Kunstausstellung" am 18. Juli 1937. (© picture-alliance/akg-images)


Ziel war es, der deutschen Bevölkerung ein mit der Ideologie des Nationalsozialismus übereinstimmendes Kunstverständnis zu vermitteln. Ausgestellt wurden dabei nur Werke deutscher Künstler, die mit der nationalsozialistischen Ideologie vereinbar waren und vor allem Werke der Historien- und Landschaftsmalerei.

Beide Ausstellungen waren von Goebbels bewusst als gezielte Kontrastveranstaltungen organisiert worden. Die Werke der "Entarteten“ wurden den Besucherinnen und Besuchern gewissermaßen als Degenerationserscheinungen der Weimarer Republik vorgeführt. Die Werke in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" hingegen sollten die künstlerische Vollendung einer "neuen" und "deutschen" Kunst repräsentieren.

Verleumdung moderner Kunst bereits vor der Machtübernahme



Titelseite des Ausstellungsführers mit Skulptur von Otto Freundlich (© picture-alliance / akg-images)

Schon vor ihrer Machtübernahme diffamierten die Nationalsozialisten Teile zeitgenössischer Kunst als "jüdisch-bolschewistischen" Angriff auf die "völkische" und "arische" Kultur.

Ab 1933 fanden "Säuberungen" der Museumsbestände statt. Mit allen Mitteln wurde versucht, eine "Arisierung" des Kunstbetriebs durchzuführen. Ausstellungen und Auktionen wurden gestört, verboten oder gewaltsam unterbrochen. Viele – vor allem jüdische Sammlerinnen und Sammler – sahen sich gezwungen, Teile ihrer Kunstsammlungen zu verkaufen oder ins Exil zu flüchten.

Doch es blieb nicht nur bei der Vernichtung von Kunst oder bei Ausstellungs- und Malverboten. Für einige Kunstschaffende ging es um mehr als ihre Werke. Sie wurden verfolgt, in den Selbstmord getrieben oder in Konzentrationslagern umgebracht. Otto Freundlich etwa, dessen Plastik "Der neue Mensch" auf dem Titel der Ausstellungsbroschüre zu sehen ist, wurde 1943 im KZ Lublin-Majdanek ermordet.

Enteignung per Gesetz



Mit dem "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" vom 31. Mai 1938 hatte die Aktion "Entartete Kunst" nachträglich eine gesetzliche Grundlage erhalten. Das Gesetz sah die entschädigungslose Enteignung der Werke zugunsten des NS-Regimes vor und wurde nach Ende der NS-Herrschaft weder vom Alliierten Kontrollrat noch vom bundesdeutschen Gesetzgeber aufgehoben. Viele Kunstwerke, die damals von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, sind bis heute verschollen. Eine Datenbank des Deutschen Zentrums für Kulturgutverlust verzeichnet über 150.000 Objekte, von denen angenommen wird, dass sie im NS enteignet wurden und bei denen ermittelt werden muss, wer rechtmäßigen Besitzanspruch auf die Werke hat. Um die Aufklärung der Enteignungen von Kunst im NS voranzutreiben, unterzeichneten 1998 in Washington 44 Staaten zentrale Grundsätze, die Washington Principles.

Der "Schwabinger Kunstfund"



In jüngerer Zeit erlangte der sogenannte "Schwabinger Kunstfund" internationale Aufmerksamkeit. Im November 2013 wurde bekannt, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft in einer Münchener Wohnung über 1.200 Kunstwerke beschlagnahmt hatte. Die Wohnung gehörte Cornelius Gurlitt, er war Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Dieser war während der NS-Zeit damit beauftragt, Tauschgeschäfte mit "Entarteter Kunst" zu betreiben. Die vom Bund und der bayerischen Landesregierung eingesetzte Taskforce kam 2016 in ihrem Abschlussbericht zum Ergebnis: Bei rund 500 Kunstwerken der Münchener Wohnung könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie sogenannte NS-Raubkunst ist. Tatsächlich nachgewiesen werden konnte dies jedoch nur in fünf Fällen. Die Restitutionsforschungen im "Fall Gurlitt" dauern an und werden weiterhin öffentlich diskutiert. Im November 2017 zeigten das Berner Kunstmuseum und die Bundeskunsthalle Bonn in zwei Ausstellungen erstmals Werke aus dem "Bestand Gurlitt".

Ausstellung "Konvolut Gurlitt"

 Das Grab des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt 2017 in Düsseldorf. Gurlitt - Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und der Tänzerin Helene Gurlitt - verstarb 2014. Sein Nachlass hat in Erinnerung gerufen, dass die Provenienzforschung großen Nachholbedarf hat. Bis heute gehen Museen den Provenienzlücken – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kaum nach. Eine Mitarbeiterin arbeitet am 27. Juni 2017 in der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn bei einem Pressegespräch zur Vorbereitung einer Ausstellung von exemplarischen Werken aus dem Gurlitt-Fund im November 2017 an einem Bilderrahmen. Das Werk "Kauernde" von Auguste Rodin (1840-1917) am 27. Juni 2017 in der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn bei einem Pressegespräch zur Vorbereitung einer Ausstellung von exemplarischen Werken aus dem Gurlitt-Fund im November 2017. Pressetermin im Kunstmuseum Bern im Juli 2017: Aus dem "Konvolut Gurlitt" treffen die ersten Kunstwerke ein. Hier zu sehen der "Liegende weibliche Akt" von Otto Müller. Hier wird die "Maschka" von Otto Müller während einer Pressekonferenz im Kunstmuseum Bern abgelichtet (7. Juli 2017).


Am 19. Juli 1937 begann in München die NS-Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst". Sie war Ausdruck der folgenschweren Kulturpolitik, die freie Kunst an den Pranger stellte und Künstlerinnen und Künstler systematisch verfolgte. Der Verbleib vieler beschlagnahmter Kunstwerke ist bis heute ungeklärt.



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