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18.4.2018

Vor 75 Jahren: Aufstand im Warschauer Ghetto

Am 19. April jährt sich zum 75. Mal der Aufstand im Warschauer Ghetto. Im größten organisierten Aufstand der jüdischen Bevölkerung Polens gegen die deutschen Besatzer schaffte es eine Gruppe schlecht bewaffneter Kämpfer, beinahe vier Wochen lang Widerstand zu leisten. Am 16. Mai 1943 erklärte die SS das Ghetto für aufgelöst.

SS-Einheiten haben im Warschauer Ghetto Widerstandskämpfer festgesetzt. Am 19. April 1943 begann der bewaffnete Aufstand im Ghetto: Die Frauen und Männer konnten weitere Deportationen zumindest für einige Tage verhindern, doch ihr Kampf war aussichtslos. (© picture alliance/Glasshouse Images)


Krieg und Besetzung

Vier Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde die Hauptstadt Warschau besetzt. Bis 1939 lebte hier mit 380.000 Menschen die größte jüdische Gemeinde Europas, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus.
Unmittelbar nach der Besetzung begannen die deutschen Einheiten, die jüdische Bevölkerung durch verschiedene Zwangsmaßnahmen zu terrorisieren. Die Kennzeichnungspflicht durch Armbinden, starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die willkürliche Beschlagnahmung von Eigentum waren nur einige davon. Gewalttätige Übergriffe der SS und der Polizeieinheiten gegen die jüdische Bevölkerung gehörten ebenfalls dazu.

Funktion der Ghettos

Über 1.000 Ghettos richteten die Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten ein, mehr als 600 davon in Polen. Über die Hälfte der Juden, die im Holocaust ermordet wurden, mussten einen Teil ihres Lebens in einem Ghetto verbringen. Die Ghettos selbst dienten als Vorstufe der Vernichtungslager. Menschen wurden hier wie in einem Konzentrationslager abgegrenzt, interniert und ausgebeutet. In vielen Ghettos wurden Massaker verübt. Die verbliebenen Bewohner der Ghettos wurden nach und nach in die Vernichtungslager transportiert.

Das Warschauer Ghetto

Schon im November 1939 erklärte der deutsche Militärbefehlshaber einen Teil der überwiegend jüdischen Altstadt Warschaus zum "Seuchensperrgebiet". Im Oktober 1940 kam der Befehl zur Errichtung des Ghettos. Ab November 1940 waren auf einem drei Quadratkilometer großen Gebiet schließlich über 400.000 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht und vom Rest der Stadt abgeschlossen. Nicht nur die jüdische Bevölkerung Warschaus, auch Menschen aus anderen Gebieten Polens und aus Deutschland wurden hier interniert. Die nichtjüdischen Bewohner des Stadtbezirks wurden zuvor gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.

Rund um das Ghetto wurde eine drei Meter hohe, 18 Kilometer lange Mauer errichtet. Die Bewohner des Ghettos mussten in etwa 50 Privatbetrieben und in ghettoeigenen Betrieben Zwangsarbeit leisten. Um die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln zu verbessern, versuchten die Bewohner, Waren über die Mauer zu schmuggeln. Für viele Menschen war dies die einzige Möglichkeit zu überleben.
 Warschau 1940: Im November riegeln deutsche Soldaten das Ghetto ab. (© Yad Vashem, 3186/113) Eine Mauer mit Stacheldraht wird errichtet und trennt das Ghetto vom Rest der Stadt. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0791-29A Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Für den Bau und die Sicherung der Ghettomauer müssen die Juden zahlen. Ein- und Ausgänge des Ghettos werden streng bewacht – von deutschen und polnischen Polizeikräften. (© Yad Vashem, 3307/28) Im Ghetto selbst ist der sogenannte Ordnungsdienst verantwortlich – eine jüdische Polizeieinheit, die der SS untersteht. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0792-27 Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941)

Bild5_Bild-101I-134-0792-27-Polen,-Warschauer-Ghetto.--Gruppe-juedischer-Ghettopolizisten-zum-Appell-angetreten Die jüdische Gemeinde in Warschau zählt 360.000 Mitglieder – es ist die größte Europas. Fortan müssen die Menschen im Ghetto leben. (© Bundesarchiv, Bild 183-L14404 Foto: Theil / Oktober 1940) Juden aus dem restlichen Polen sowie aus Deutschland werden in das Ghetto verschleppt. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-04 Foto: Knobloch, Ludwig / ca. Mai 1941) Die Menschen leben auf engstem Raum. Häufig drängen sich gleich mehrere Familien in einer Wohnung. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0778-14 Foto: Cusian, Albert / Sommer 1941) Zeitweise leben 150.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 15994) Doch nicht allein die Enge ist inhuman. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal und führen zu Krankheiten. Die Menschen hungern. (© Yad Vashem, 3307/36) Jüdische Waisenhäuser wie auch Suppenküchen versuchten hungernden Kindern im Warschauer Ghetto zu helfen, doch die Hilfe reichte nicht. Das Bild zeigt auch soziale Gegensätze im Ghetto. Diese wollte der Fotograf Ludwig Knobloch, Mitglied der Propagandakompanie, vermutlich festhalten. Im Ghetto gab es eine kleine Oberschicht. Doch die Mehrheit der Bevölkerung hungerte – infolge der Ghettoisierung. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-13, Foto: Knobloch, Ludwig / vermutlich Mai 1941) Um dem Hunger zu entkommen, schmuggeln die Menschen Lebensmittel ins Ghetto – viele Kinder beteiligen sich. Schmugglern, die erwischt werden, droht die Todesstrafe. (© Yad Vashem, f3116/70) Gläubige Juden versuchen an ihrem religiösen Leben festzuhalten. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0791-05A Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Doch neben der Überwachung erleben die Menschen Diskriminierung und Verachtung durch die SS. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 73011A) Im Ghetto herrscht Arbeitspflicht. Die Menschen schuften für wenig Lohn in 
Werkstätten und Fabriken, den sogenannten Shops. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0770-09 Foto: Knobloch, Ludwig / ca. Mai 1941) Deutsche Firmen und die Wehrmacht profitieren von den billigen Arbeitskräften. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 05540) Wenige im Ghetto können sich noch länger Lebensmittel kaufen. Es sind Familien, die ihr Hab und Gut retten konnten. Andere, die durch das Schmuggeln Geld verdienen. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 20664) Die große Mehrheit der Menschen im Ghetto hungert. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 32252) Die Bilder der Propagandakompanien der Wehrmacht sollen das Elend als angeblichen kulturellen Unterschied einfangen für die antisemitische Hetze. Die Ursachen für Hunger und Leid – die Ghettoisierung – zeigen sie nicht. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0780-10 Foto: Cusian, Albert / Sommer 1941)

Bild19_Bild 101I-134-0780-10 Polen, Warschauer Ghetto.- Zwischen Straßenbahnschienen liegender Jugendlicher  junger Mann, Passanten ringsum Leichen im Warschauer Ghetto

Bis Mitte Juli 1942 sterben 100.000 Menschen im Warschauer Ghetto. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0783-11 Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Zugleich beginnen die Deportationen. Bis zum 21. September werden etwa 280.000 Menschen in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und ermordet. Im Ghetto bleiben rund 60.000 Juden zurück, das Ghetto wird verkleinert. (© Yad Vashem, 4613/479) Im April 1943 erheben sich Juden im Warschauer Ghetto, als wieder Bewohner deportiert werden sollen. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 51008) Doch der bewaffnete Widerstand der Ghettobewohner ist chancenlos.  (© Bundesarchiv, Bild 183-41636-0002 Foto: April-Mai 1943)

Bild23_Bild 183-41636-0002 [Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt] Anschließend zerstören deutsche Truppen systematisch die Überreste des Ghettos. Fast 400.000 Menschen waren im Warschauer Ghetto von 1940 bis 1943 eingeschlossen – nur wenige von ihnen überleben. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 04402)
Das tägliche Leben im Ghetto war extrem beengt und bestimmt von Überwachung und Terror, von Hunger und Epidemien. Circa 100.000 Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, starben schon vor dem Beginn der Deportationen in die Konzentrationslager.

1942 befahl Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, die sogenannte Umsiedlung der Bevölkerung des Ghettos. Damit war die Deportation in Vernichtungs- und Arbeitslager gemeint. Im Juli 1942 begannen im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage", so lautet die Bezeichnung durch die Nationalsozialisten, die ersten Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka. Bis Ende 1942 wurde die Mehrheit der Ghettobewohner deportiert und ermordet.

Der Aufstand

Nachdem im Juli und September 1942 etwa 280.000 Menschen aus dem Ghetto deportiert worden waren, entschieden jüdische Widerstandsorganisationen in Polen, sich gegen die Auflösung des Ghettos und die damit verbundene Deportation der dort noch lebenden Menschen zu wehren. Zu diesem Zweck vereinigten sich verschiedene Parteien und Gruppen unter dem Namen Żydowska Organizacja Bojowa (dt.: Jüdische Kampforganisation). Zur Zeit ihres Zusammenschlusses hatte die Organisation Schätzungen zufolge etwa 750 Mitglieder. Durch Kontakte zur polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa gelangten die Kämpfer in den Besitz einiger weniger Waffen, hauptsächlich Pistolen und Sprengstoff.

Schon am 18. Januar 1943 störten die Widerstandskämpfer erfolgreich den Prozess der Sammlung und Deportation mehrerer tausend Menschen. Am 21. Januar setzten die Deutschen geplante Deportationen bis auf weiteres aus. Von diesem Erfolg bestärkt begannen die Mitglieder der Kampforganisation mit der Konstruktion unterirdischer Bunker und Verstecke, da sie die Deportation der verbliebenen Ghettobevölkerung fürchteten. Deren Beginn war für den 19. April geplant und sollte drei Tage dauern.

Am Morgen des 19. April marschierten Einheiten der SS in das Ghetto ein. Unter dem Kommando des 24-jährigen Mordechaj Anielewicz begann der Kampf der Aufständischen mit zum Teil selbst gebauten Granaten. Am ersten Tag wurden die überraschten Deutschen bis vor die Ghettomauern zurückgedrängt.

Am dritten Tag des Aufstands begann die SS, das Ghetto systematisch niederzubrennen und Gebäude zu sprengen, um den Widerstand zu brechen. Obwohl die etwa 800 Kämpfer den deutschen Truppen klar unterlegen waren, hielt die restliche Bevölkerung des Ghettos den Widerstand beinahe vier Wochen lang aufrecht. Anielewicz wurde gemeinsam mit anderen Kämpfern am 8. Mai in einem Bunker in der Mila-Straße getötet.

Am 16. Mai zerstörte die SS als symbolische Aktion die große Synagoge im Ghetto. Leiter der Niederschlagungsaktion war der SS-Brigadeführer Jürgen Stroop, der die Ereignisse in einem Bericht festhielt. "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!", übertitelte Stroop seinen Bericht. Bis zu diesem Tag waren über 56.000 Menschen von SS- und Polizeieinheiten getötet oder in Vernichtungslager transportiert worden. Einige wenige konnten sich weiterhin verstecken oder durch die Kanalisation fliehen.

Der Aufstand im Warschauer Ghetto ist für die Überlebenden von enormer Bedeutung, da er zum Symbol des bewaffneten Widerstands wurde. Er war jedoch nicht der einzige, auch in anderen Ghettos (z.B. Bialystok, Minsk) und Lagern (z.B. Treblinka, Sobibor) gab es Aufstände.

Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Denkmal der Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto nieder. (© AP)


Gedenken an den Aufstand

Bereits 1946 wurde in den Trümmern des ehemaligen Warschauer Ghettos ein Denkmal für die Kämpfer des Aufstandes errichtet. 1948 wurde dann ebenfalls am Ort des Ghettos ein zweites, größeres erreichtet, das "Denkmal der Helden des Ghettos". Vor diesem Denkmal kniete Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) bei seinem Besuch Polens am 7. Dezember 1970 nieder - eine Geste der Demut und der Bitte um Vergebung für die Millionen Opfer der Nationalsozialisten in Polen. Das Bild ging um die Welt. Es wird heute nicht nur als Zeichen der Reue und Entschuldigung für die deutschen Verbrechen, sondern auch als Symbol für die Neuausrichtung der Ostpolitik angesehen, die zu einer Entspannung im Ost-West-Konflikt beitragen sollte.


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