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3.9.2014

Vor 25 Jahren: Die erste Montagsdemonstration

Es war ein wichtiger Tag für die Friedliche Revolution in der DDR: Am 4. September 1989 machten Bürger in Leipzig ihrem Unmut über die Politik in dem Ein-Parteien-Staat Luft. Damit begannen die Montagsdemonstrationen – der gemeinsame Protest unterschiedlicher DDR-Oppositionsgruppen.

Bei der ersten Montagsdemonstration am 4. September 1989 gehen etwa 1.200 Menschen in Leipzig für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße. (© picture-alliance/dpa)


Dieser Demonstration sollten viele weitere folgen: Am Montag, dem 4. September 1989, gingen in Leipzig etwa 1.200 Menschen auf die Straße, um gegen das politische System der DDR und das SED-Regime zu protestieren. Es war die erste der berühmten Montagsdemonstrationen, die zur Friedlichen Revolution in der DDR beitrugen.

Tradition der Friedensgebete



Seit 1982 trafen sich in der Leipziger Nikolaikirche jeden Montag Menschen zu Friedensgebeten. Im Anschluss an das Gebet am 4. September 1989 entrollten sie auf dem Vorplatz der Kirche Transparente, auf denen Forderungen standen wie "Für ein offenes Land mit freien Menschen" und "Reisefreiheit statt Massenflucht". Mitarbeiter der Staatssicherheit in ziviler Kleidung rissen ihnen diese Transparente schließlich aus der Hand – vor den Augen und Kameras der westdeutschen und der internationalen Presse, die während der Leipziger Herbstmesse aus der Stadt berichtete.

Neue soziale Bewegungen



Trotz der engmaschigen, staatlichen Überwachung in der DDR waren dort, wie in anderen europäischen Ländern, von Anfang der 1980er Jahre an neue soziale Bewegungen entstanden: Bürger trafen sich, um über die Notwendigkeit von Umweltschutz, die Bedrohung des Friedens im Kalten Krieg und die Einschränkung politischer Freiheit in der DDR zu diskutieren. Dass sich hieraus eine Bewegung entwickeln sollte, die auf den Sturz des SED-Regimes hinwirkte, daran hatte das Regime selbst einen großen Anteil. Denn weder die ab 1987 von Michail Gorbatschow angestoßene Reformpolitik in der Sowjetunion, noch die sprunghaft ansteigende Zahl der Ausreiseanträge und Fluchtversuche von DDR-Bürgern, noch das Implodieren der DDR-Wirtschaft, das die Menschen in ihrem Alltag unmittelbar zu spüren bekamen, änderten etwas am Kurs der Staatspartei. Diese hielt eisern an ihrem Machtmonopol fest und konnte sich nicht zu Reformen durchringen.

Mitarbeiter des Staatsicherheitsdienstes (Stasi) entreißen Leipziger Demonstranten am 4. September 1989 ein Transparent auf dem "Reisefreiheit statt Massenflucht" steht. (© picture alliance / Wolfgang Kumm)

"Wir bleiben hier!"



Neue Zeiten brachen stattdessen in anderen Ostblockstaaten in Mittel- und Osteuropa an: Ungarn etwa öffnete im Mai 1989 seine Grenze nach Österreich und damit den Eisernen Vorhang für DDR-Bürger, die in den Westen strebten. Auf eine Ausreise hatte es aber nur ein Teil der unzufriedenen DDR-Bürger abgesehen. Andere wollten ihren Staat von Grund auf reformieren und verliehen diesem Wunsch Ausdruck, indem sie bei Demonstrationen dem Ruf "Wir wollen raus" die Parole "Wir bleiben hier" entgegensetzten. Für diese Reformbefürworter wurde die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 zum zwischenzeitlichen Höhepunkt ihres politischen Kampfes: Sie prangerten im Nachgang der Wahl öffentlich Wahlfälschungen an.

Die evangelische Kirche hatte sich in dieser Zeit zu einem Forum für Menschen entwickelt, die aus den unterschiedlichsten Motiven gegen das DDR-Regime protestierten. Kirchen und Gemeinden gaben den Menschen ab Anfang der 1980er Jahre Schutz und die Möglichkeit, abseits staatlicher Überwachung zu debattieren und sich politisch zu organisieren. Orte wie die Nikolaikirche in Leipzig wurden im Oktober 1989 zu Zentren des Widerstands.

Die Leipziger Demonstrationen im Herbst 1989 sind der Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in der DDR. KONTRASTE zeigt die Bilder der demonstrierenden Massen. (© 2005 RBB)
Vor Beginn der Montagsdemonstrationen war die Zahl aktiver Oppositioneller in der DDR sehr überschaubar, was die Entwicklung der Ereignisse in Leipzig bis zum September 1989 so bedeutsam macht. So urteilt der Journalist und Historiker Christian Booß: "Durch das Zusammenwachsen von Kirchenkreisen, Oppositionellen und Ausreiseantragstellern entwickelte sich hier die Montagsdemonstration zu einer neuen Protestform."

Eine Million Demonstrierende



Diese Protestform breitete sich nach dem 4. September 1989 schnell aus: In Leipzig und anderen Städten begannen die Menschen, regelmäßig zu demonstrieren. Am 2. Oktober nahmen in Leipzig bereits bis zu 20.000 Menschen an der Montagsdemonstration teil, am 16. Oktober waren es 120.000. In Berlin kam es am 4. November zur größten Massendemonstration der DDR-Geschichte mit einer Million Menschen auf dem Alexanderplatz.

Auch nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 gingen die Menschen in der DDR weiter auf die Straße. Als am 16. November 1989 die Montagsdemonstrationen in der ganzen DDR mehr als eine Million Teilnehmende zählten, war die innerdeutsche Grenze bereits Geschichte.


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