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4.9.2015

1950: Das Berliner Stadtschloss wird gesprengt

Vor 65 Jahren ließ die DDR-Führung die Kriegsruine des Berliner Stadtschlosses sprengen. In der Mitte Berlins gelegen, war es Schauplatz wichtiger Ereignisse und Wendungen der deutschen Geschichte. 2019 soll hier das Humboldtforum, der vieldiskutierte Neubau des Stadtschlosses, eröffnen.

Wer als Tourist nach Berlin kommt, der wird an diesem Ort mit großer Wahrscheinlichkeit vorbeischlendern: am Schlossplatz in der historischen Mitte der heutigen Hauptstadt zwischen Alexanderplatz und dem Boulevard Unter den Linden, nahe der Spree und schräg gegenüber des Berliner Doms. Am 7. September vor 65 Jahren wurde hier die Bombenruine des Berliner Stadtschlosses auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt. Die wechselhafte Chronik dieses Ortes zeigt die vielen Brüche in der deutschen Geschichte und den bis heute andauernden Kampf um die Deutungshoheit historischer Ereignisse. Die städtebaulichen Entscheidungen rund um das Ensemble in Berlins Mitte spalten die politischen und gesellschaftlichen Lager bis heute.

Ein Relikt aus der Vergangenheit. Ein Symbol für preußischen Militarismus und Imperialismus. Das Berliner Stadtschloss passte nicht mehr in den jungen Arbeiter- und Bauernstaat. Am 7. September 1950 ließ die SED das barocke Schloss sprengen. (© picture-alliance/dpa)


Die Sprengung des Schlosses war eine symbolpolitische Entscheidung des Zentralkomitees der SED unter Führung von Generalsekretär Walter Ulbricht. Das barocke Bauwerk, bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 eine wichtige Herrscherresidenz, war für die sozialistische Staatsführung der DDR der Inbegriff von preußischem Militarismus und Imperialismus.


Als Berlin noch unbedeutend war



Den Grundstein für das Schloss hatte am 31. Juli 1443 Friedrich II., Kurfürst der Mark Brandenburg, vor den Toren der damals noch unbedeutenden Doppelstadt Berlin/Cölln gelegt. Die ihm nachfolgenden Herrscher ließen zahlreiche Erweiterungen und Umbauten vornehmen. Vor allem die Baumeister Andreas Schlüter und Johann Eosander von Göthe prägten die Architektur des Schlosses.

Barocke Pracht im Berlin des 17. Jahrhunderts: Die Zeichnung vermittelt einen Eindruck, wie das Schloss im Zentrum Berlins wohl ausgesehen haben könnte. (© picture-alliance/dpa)


Im Laufe der Zeit wandelte sich das Schloss von der brandenburgisch-kurfürstlichen Residenz zum Sitz des preußischen Königs. Die Herrscher regierten zwar meist andernorts, das Schloss nutzten sie jedoch zu Repräsentationszwecken. Es war ein Symbol für die Macht der Hohenzollern.

Das Berliner Stadtschloss war preußisches Machtsymbol und Zentrum städtischen Lebens zugleich. Dieser Stich aus dem 18. Jahrhundert zeigt den Berliner Weihnachtsmarkt vor den Schlossmauern. (© picture-alliance/dpa)




Barrikadenkämpfe



Im Jahr 1847 war das Schloss Schauplatz erster parlamentarischer Anfänge: Friedrich Wilhelm IV. eröffnete den Vereinigten Landtag, eine Ständevertretung. Hier standen sich die überwiegend bürgerlich-demokratischen Kräfte den Restaurationsbestrebungen der verbündeten Herrscherhäuser gegenüber. Am 18. März 1848 demonstrierten im Zuge der Märzrevolution auf dem Schlossplatz Bürger für ihre Grundrechte, die Überwindung der Ständegesellschaft und die Einigung der Fürstentümer zu einer deutschen Nation. Das Militär schlug die Versammlung gewaltsam nieder. Daraufhin kam es zu Barrikadenkämpfen zwischen den Aufständischen und den Soldaten mit mehreren hundert Toten und Verletzten auf beiden Seiten. Als ein Ergebnis der Märzforderungen wurde 1849 schließlich im Schloss der Preußische Landtag gegründet, das erste nach einer Verfassung gewählte Parlament in Preußen.

Es war die Initialzündung zu deutschlandweiten Protesten und Straßenkämpfen. Das preußische Militär schlägt die Demonstration frustrierter Arbeiter und Handwerker vor dem Berliner Stadtschloss am 18. März 1848 blutig nieder. (© picture-alliance/dpa)


Nachdem sich Wilhelm I. 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser hatte krönen lassen, kehrte er in die neue Reichshauptstadt Berlin zurück und ließ sich für den Winter unweit vom Stadtschloss im Alten Palais nieder; das Schloss diente vornehmlich repräsentativen staatspolitischen Zwecken. Erst der dritte und letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., machte es zu seinem Lebensmittelpunkt. Am 1. August 1914 richtete er vom Schlossbalkon die Worte an das Volk, die den Beginn des Ersten Weltkrieges markieren sollten: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche."

Reichsweite Kriegseuphorie: Tausende Berliner warten am 1. August gespannt auf dem Schlossplatz. Wilhelm II. verkündet die Mobilmachung. Der Erste Weltkrieg beginnt. (© picture-alliance/dpa)




Geburt der Republik



Zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe, am 9. November 1918, war das Stadtschloss erneut Schauplatz einer geschichtsträchtigen Proklamation: Karl Liebknecht verkündete vor dem Schloss das Ende der Monarchie und rief die "freie sozialistische Republik Deutschland" aus. Zwei Stunden zuvor hatte Philipp Scheidemann vom Reichstag aus die Republik ausgerufen.

Der Kommunist Karl Liebknecht spricht während des Januaraufstandes 1919 zu Berliner Bürgern. Nur wenige Tage später werden er und Rosa Luxemburg ermordet. (© picture-alliance/dpa)


Nach den "Weihnachtskämpfen" 1918 um das Stadtschloss herum und der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs im Januar 1919 setzte sich die parlamentarische Demokratie gegen ein sozialistisches Rätesystem durch. Das Schloss verlor in der beginnenden Weimarer Republik seine staatspolitische Bedeutung; es wurde zum Museum, Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konzerte sowie Sitz unterschiedlicher Verbände und Institutionen.


Kulisse für NS-Aufmärsche



Zwischen 1933 und 1945 war weniger das Schloss selbst von Bedeutung als vielmehr der Lustgarten davor – die Nationalsozialisten veranstalteten dort Aufmärsche. Im Gebäude befand sich mit der Reichskulturkammer ein Ausführungsorgan nationalsozialistischer Gleichschaltung. Nach Bombenangriffen im Februar 1945 brannte das Schloss fast völlig aus.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Berliner Schloss schwer beschädigt. (© picture-alliance/dpa)




Ideologische Sprengkraft



Im Juli 1950 verkündete DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht im Sinne der sozialistischen Propaganda: "Das Zentrum unserer Hauptstadt, der Lustgarten und das Gebiet der jetzigen Schlossruine, muss zu dem großen Demonstrationsplatz werden, auf dem Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden können." Kurz darauf wurde das Schloss gesprengt; bewahrt wurden nur wenige Bestandteile wie das Portal des Balkons, von dem aus Karl Liebknecht 1918 gesprochen hatte. Aus dem Schlossplatz wurde der "Marx-Engels-Platz", von 1951 an Schauplatz zahlreicher Aufmärsche und Versammlungen in der DDR.

Eine planierte Fläche. Dort wo vorher das Schloss stand, fanden nun sozialisitische Großdemonstrationen und Militärparaden statt. Das Foto zeigt die Ostberliner Maifeier 1960 auf dem Marx-Engels-Platz. (© picture-alliance/akg)




DDR-Palast



Zwischen 1973 und 1976 errichtete die DDR-Führung auf dem Gelände den Palast der Republik. Er wurde zum Sitz der Volkskammer und zu einem Kulturzentrum mit Ausstellungen, Konzerten, Bars und Restaurants für zahlreiche Besucher. Die DDR-Führung nutzte den Bau für ihre symbolträchtige Politik.

Konzerte, Bars und ja, auch Politik: Ab 1973 ließ die DDR-Führung am Marx-Engels-Platz den modernen "Palast der Republik" errichten. Er war gleichzeitig Sitz der Volkskammer und Vergnügungsort der DDR-Bevölkerung. (© picture-alliance/dpa)




Abriss – Aufbruch – Aufbau



Nach dem Zusammenbruch der DDR stimmte im August 1990 die erste demokratisch gewählte Volkskammer dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zu. Nur kurze Zeit später wurde der Palast der Republik wegen Asbestbelastung geschlossen und bis auf den Rohbau abgetragen. Nach einer kurzen Zwischennutzung für künstlerische Aktionen wurde er schließlich auf Beschluss des Bundestages hin zwischen 2006 und 2008 abgerissen.

Und wieder einmal zurück auf Null. Zwischen 2006 und 2008 wurde der einstige "Palast der Republik" wegen Asbestbelastung abgerissen. (© picture-alliance/dpa)




Schlossplatzwiese



Die Debatte um den Abriss des Palastes, die nachfolgende Nutzung des historischen Ortes als "Park auf Zeit" und die Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses spaltete eine breite Öffentlichkeit.

Ein Jahr nach Abriss des Palastes der Republik ist vom Neubau des Stadtschlosses noch nicht sehr viel zu sehen. (© picture-alliance/dpa)




Humboldtforum



Die Entscheidung des Bundestages, die auf dem Abschlussbericht einer Internationalen Expertenkommission zur Zukunft der Historischen Mitte Berlins beruht, sieht die Errichtung des so genannten Humboldtforums vor. Es wird in Teilen ein moderner Neubau, in Teilen eine Rekonstruktion des Stadtschlosses sein – drei der vier Außenfassaden etwa sollen im früheren barocken Stil errichtet werden. Nach jahrelangen Debatten darüber, wie Berlins Mitte in Zukunft aussehen soll, wird die für 2019 geplante Eröffnung des Humboldtforums als interkulturelles Zentrum mit Museen, Bibliothek, Universität und Veranstaltungsbereichen erneut Anlass für Diskussionen sein.

Das neue Stadtschloss, das Kultur- und Ausstellungshaus Humboldtforum, soll 2019 eröffnet werden. Sein Bau und die Nutzung werden immer noch kontrovers diskutiert. (© picture-alliance)




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