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30.11.2015

Vor 90 Jahren: Die Verträge von Locarno

Für kurze Zeit blühte mit den Verträgen von Locarno 1925 die Hoffnung auf nachhaltigen Frieden in Europa auf. Doch die neue Sicherheitsordnung wurde durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten schon bald erschüttert.

Ein Schulwandbild zeigt die Verhandlungen auf der Konferenz von Locarno 1925. (© picture-alliance/akg)


Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen trafen sich Regierungschefs und Außenminister mehrerer europäischer Länder im Oktober 1925 in der Schweizer Stadt Locarno. Ihr Ziel war es, gemeinsame Abkommen zur Stabilisierung des Friedens in Europa zu schließen. Das Ergebnis der Konferenz hielten die Vertreter der teilnehmenden Staaten – das Deutsche Reich, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Italien, Polen und die damalige Tschechoslowakei – in sieben Verträgen fest. Diese völkerrechtlichen Vereinbarungen wurden am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet.

Deutsch-französische Verständigung



Vor den Verhandlungen fanden intensive diplomatische Vorgespräche statt, denn die internationale Lage war angespannt: 1923 hatten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt, nachdem das Deutsche Reich mit Reparationen in Rückstand geraten war. Das Rheinland befand sich bereits seit Kriegsende unter französischer und belgischer Besatzung. Erst der 1924 in Kraft getretene Dawes-Plan, der die Reparationszahlungen von der wirtschaftlichen Lage des Deutschen Reichs abhängig machte, führte zu einer Verbesserung des internationalen politischen Klimas. Im Januar und Februar 1925 begann der deutsche Außenminister Gustav Stresemann geheime Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich über die Möglichkeit eines Sicherheitspaktes.

Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann wird nach der Unterzeichnung des Pakts von Locarno am 16.10.1925 von Journalisten umringt. (© picture-alliance/dpa)

Stresemanns Initiative resultierte schließlich in der Konferenz der sieben Staaten vom 5. bis 16. Oktober 1925: In Locarno verzichteten Deutschland, Frankreich und Belgien gegenseitig darauf, ihre Grenzen gewaltsam zu verändern. Das Deutsche Reich akzeptierte damit die im Vertrag von Versailles festgelegte deutsche Westgrenze zu Frankreich und Belgien, verzichtete auf Elsass-Lothringen und bestätigte die Entmilitarisierung des Rheinlands. Im Fall einer Verletzung des Vertrags erklärten sich Großbritannien und Italien bereit, der geschädigten Seite beizustehen. Auf der Konferenz wurde auch der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund beschlossen, der im September 1926 stattfand.

Für Ihre Zusammenarbeit bei den Verträgen von Locarno erhielten Stresemann und der französische Außenministers Aristide Briand 1926 den Friedensnobelpreis. Stresemann verfolgte in der Weimarer Republik eine Außenpolitik, die durch Verhandlungen und Verständigung den Versailler Vertrag in Teilen revidieren und Deutschland wieder auf die politische Weltbühne zurückbringen wollte. Während seiner Amtszeit (1923-29) trat das Deutsche Reich aus seiner Isolation und integrierte sich in das internationale Staatensystem.

Kein "Ostlocarno"



Deutschland erkannte zwar die bestehende Westgrenze an, behielt sich aber die Möglichkeit einer Revision der Ostgrenze vor. Mit dem Versailler Vertrag hatte das Deutsche Reich große Gebiete im Osten vor allem an Polen abtreten müssen. Schiedsverträge Deutschlands mit Polen und der Tschechoslowakei sahen allerdings vor, dass Streitigkeiten zu Grenzfragen zwischen den Ländern durch eine internationale Kommission geklärt werden sollten, deren Bildung in den Verträgen festgelegt wurde

Die in Locarno erzielten Ergebnisse wurden von sowohl nationalkonservativen und rechtsradikalen als auch von linken politischen Kräften der Weimarer Republik kritisiert: Während die NSDAP und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) die Verträge wegen der territorialen Zugeständnisse im Westen ablehnten, befürchtete die KPD, die Verträge könnten dazu führen, dass das Deutsche Reich mit den westlichen Staaten eine Front gegen die sozialistische Sowjetunion bilden würde. Erst nachdem die DNVP die damalige Regierung unter Reichskanzler Hans Luther (1925-1926) verlassen hatte, wurden die Verträge mit Hilfe der oppositionellen SPD im Reichstag ratifiziert.

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Die Verträge von Locarno

Von den sieben in Locarno ausgehandelten völkerrechtlichen Verträgen betrafen fünf das Deutsche Reich, in zwei weitere waren nur Frankreich, Polen und die damalige Tschecheslowakei involviert. Das Gesetz, mit dem der Deutsche Reichstag am 28. November 1925 den Verträgen von Locarno und dem Beitritt zum Völkerbund zustimmte, sowie die einzelnen Verträge können unter www.1000dokumente.de und www.documentarchiv.de nachgelesen werden.

Die Nazis besetzen das Rheinland

Die Hoffnungen auf langanhaltenden Frieden und Verständigung in Europa, die durch Locarno geweckt wurden, endeten spätestens am 7. März 1936, als Adolf Hitler das entmilitarisierte Rheinland besetzen ließ. Anlass war die Ratifizierung eines sowjetisch-französischen Beistandspakts am 27. Februar 1936, den die Nationalsozialisten propagandistisch als Bruch von Locarno ausschlachteten. Mit der Besetzung des Rheinlands brach das Deutsche Reich sowohl den Versailler Vertrag als auch die Locarno-Verträge. Frankreich, Großbritannien und die anderen Weltmächte kritisierten die Besetzung, griffen aber nicht militärisch ein. Die vor allem von Frankreich und Großbritannien gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschen Reich verfolgte "Appeasement"-Politik galt spätestens mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 als gescheitert.

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