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1.9.2017

Olympia 1972: Geiselnahme der israelischen Olympia-Mannschaft

Die 20. Olympischen Spiele 1972 in München sollten als "Fest des Friedens" in die Geschichte eingehen. Doch es kommt anders: Am 5. September 1972 überfallen palästinensische Terroristen Sportler der israelischen Olympiamannschaft und nehmen sie als Geiseln. Die Befreiungsaktion scheitert. Das Gedenken an die tragischen Ereignisse gestaltet sich bis heute schwierig.

In der Nacht des 6. Septembers 1972 kommen auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck neun Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft ums Leben. Sie waren von der Gruppe "Schwarzer September" am Tag zuvor bei einem Überfall auf ihr Quartier im Olympischen Dorf in München als Geiseln genommen worden. (© dpa, picture alliance/Heinz-Jürgen Göttert)


5. September 1972: Gegen 4.35 Uhr früh stürmen acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Olympiamannschaft im Olympischen Dorf. Zwei israelische Sportler können flüchten, der Ringer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Jossef Romano werden erschossen. Insgesamt gelingt es den Terroristen, neun israelische Sportler in ihre Gewalt zu bringen.

Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von über 200 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie der beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die in Stuttgart-Stammheim in Haft sitzen. Die deutschen Verhandlungsführer tendieren dazu, den Terroristen nachzugeben. Israel hingegen lehnt dies strikt ab: "Wenn wir nachgeben, wird sich kein Israeli irgendwo auf der Welt noch seines Lebens sicher fühlen", erklärt Premierministerin Golda Meir die Haltung der israelischen Regierung. Es folgen Stunden der Verhandlung und des Ringens um eine Strategie zur Überwältigung des palästinensischen Terrorkommandos. Deutsche Medien berichten live aus dem Olympischen Dorf, wodurch die Geiselnehmer die Aktionen der Sicherheitskräfte im Fernsehen mitverfolgen können. Die Terroristen ändern ihre Strategie und fordern nun, ungehindert mit den Geiseln in die ägyptische Hauptstadt Kairo auszufliegen.

Die Befreiungsaktion misslingt



Die Olympischen Spiele laufen derweil weiter. Erst am Nachmittag des 5. September unterbricht IOC-Präsident Avery Brundage die Sportveranstaltung. Am Abend eskalieren die Ereignisse. Gegen 21.00 Uhr verlassen die Terroristen samt der Geiseln das Olympische Dorf. In zwei Helikoptern fliegen sie zum Münchner Militärflughafen Fürstenfeldbruck, wo die geforderte Maschine zum Abflug nach Kairo bereitsteht. Kurz vor Eintreffen der Geiselnehmer flüchten mehrere als Besatzungsmitglieder getarnte Polizisten aus dem Flugzeug. Eigentlich sollten sie die Attentäter nach dem Betreten des Flugzeugs überwältigen. Doch ihr Einsatz wird abgebrochen, weil die Situation zu gefährlich erscheint. Fünf Scharfschützen sind in Stellung, sie sind allerdings schlecht ausgerüstet und haben keinen Kontakt über Sprechfunk. Es kommt zum Schusswechsel. Ein Terrorist wirft eine Handgranate in einen Hubschrauber, ein weiterer Terrorist schießt in den zweiten Hubschrauber. Alle neun israelischen Sportler werden dabei getötet sowie fünf der acht palästinensischen Terroristen und ein Polizist im Kontrollturm. Drei Geiselnehmer werden anschließend festgenommen. Sie werden aber wenige Wochen später durch die Entführung der Lufthansa-Maschine "Kiel" freigepresst.

Chronik: Das Jahr 1972

"The games must go on!"



Nach der gescheiterten Befreiungsaktion werden Vorwürfe laut, dass der Polizeieinsatz schlecht organisiert gewesen sei. Der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber räumt später ein, dass die Polizisten "für solche Einsätze überhaupt keine Ausrüstung hatten". Die Olympischen Spiele 1972 sollten als "Fest des Friedens" bewusst Offenheit und eine friedliche Atmosphäre transportieren, um die Erinnerung an die Spiele im Jahr 1936 im nationalsozialistischen Deutschland positiv zu überlagern. Nach der eintägigen Unterbrechung und einer Trauerfeier lässt der damalige IOC-Präsident Avery Brundage die Olympischen Spiele mit dem Satz "The games must go on!" fortführen.

Innen- und außenpolitische Konsequenzen



Als Konsequenz der gescheiterten Befreiungsaktion von München wird am 26. September 1972 die Grenzschutzgruppe 9 (heute: GSG 9 der Bundespolizei) ins Leben gerufen, eine polizeiliche Spezialeinheit der Bundespolizei (damals: Bundesgrenzschutz) zur Bekämpfung von Terrorismus und schwerster Gewaltkriminalität. Auch Israel reagiert auf das Attentat. In der Folgezeit geht der israelische Geheimdienst Mossad mit gezielten Tötungsaktionen im Rahmen der "Operation Zorn Gottes" gegen die Mitglieder des "Schwarzen September" vor, bei denen auch Unschuldige sterben. Ausgelöst durch das Attentat 1972 und ein erneutes Attentat bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta, bei dem es zwei Tote und 111 Verletzte gibt, sind die Sicherheitsvorkehrungen bei Olympia immens gestiegen. Die Olympischen Sommerspiele in London 2012 werden zur größten britischen Militäroperation seit dem Koreakrieg.

Das Attentat und die Olympiade



Auch sportpolitisch ist der 5. September 1972 noch immer von Bedeutung. Die Angehörigen der ermordeten israelischen Sportler fordern seither vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine angemessene Erinnerung, etwa in Form einer Schweigeminute. Lange kommt das IOC dieser Forderung nicht nach. Bei den Olympischen Spielen in London im Juli 2012 lehnt IOC-Präsident Jacques Rogge eine offizielle Schweigeminute während der Eröffnungsfeier ab - mit der Begründung, dass dies nicht der richtige Rahmen sei. Stattdessen wird den Opfern in einer separaten Zeremonie im olympischen Dorf von London gedacht. Das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady begründet die ablehnende Haltung des Olympischen Komitees laut Medienberichten damit, dass eine Trauerminute "den Boykott einiger Länder begründen" - und damit der olympischen Einheit schaden könne. Erst mit den olympischen Spielen 2016 in Brasilien – 44 Jahre nach dem Attentat – wird mit einer Schweigeminute ein Ort der Trauer im Olympischen Dorf eingeweiht. Weltweit wird mit Erinnerungsorten und Denkmälern dem Attentat von Olympia 1972 heute gedacht. Die Bedeutung des Attentates für Israel und die Verankerung im kulturellen Gedächtnis des Landes wird durch die Vielzahl der Erinnerungsorte in Israel sichtbar. Neben Denkmälern und Mahnmalen sind mehrere Straßen nach verstorbenen Spielern benannt. Erinnerungsorte finden sich nicht nur in Israel und München, sondern auch in den USA, Australien und Großbritannien.

Bildergalerie: Erinnerungsorte weltweit
 In München wird noch 1972 eine erste Gedenktafel mit den Namen der ermordeten israelischen Sportler eingeweiht. Sie befindet sich an dem Haus, in dem die israelische Mannschaft während der Olympischen Spielen einquartiert war: Connollystraße 31. Da die Tafel allein als Erinnerung an das Attentat unzureichend scheint, werden in der Folge weitere Erinnerungsorte geschaffen. In den 1990er Jahren wird der Bildhauer Fritz König beauftragt, in München ein zweites Denkmal zu schaffen. 1995 wird der zehn Meter breite und 18 Tonnen schwere Granitbalken, der als Inschrift die Namen der ermordeten israelischen Sportler auf Hebräisch und den Namen des Polizeiobermeisters Anton Fliegerbauer auf Deutsch trägt, eingeweiht. Der Balken soll sich – so ein Grundgedanke – den Besucherströmen des Olympiaparks erinnernd und mahnend in den Weg stellen. Das zentrale Denkmal und der Ort der jährlich stattfindenden Großveranstaltung zur Erinnerung an die verstorbenen Sportler von 1972 ist die Skulptur des Künstlers Eli Ilan "War between the Sons of Light against the Sons of Darkness" an der Weizmann-Straße in Tel Aviv, Israel. Neben diesem zentral in der israelischen Hauptstadt gelegenen Ort, erinnert auch eine Skulptur im Wingate Institute for Physical Education and Sports in Netanja, an das Attentat von 1972. Das Denkmal wurde vom Bildhauer Naftali Israel gefertigt. Erinnerungsort im Ben Shemen Wald in der Nähe von Shelat in Israel. Die Namen der Verstorbenen sind in einen Stein eingemeißelt. Das Fußball-Stadion in Aschdod wurde im Gedenken an die elf Ermordeten Etztadion HaYudAlef genannt, wobei Yud Alef übersetzt elf heißt und als Begriff für die ermordeten Sportler im Sprachgebrauch gängig verwendet wird. Außerhalb Deutschlands und Israel gibt es zum Beispiel das Mahnmal im Zentrum des Olympia-Parks in der Homebush Bay in Sydney. Es besteht aus einer Stahlplatte mit den Namen der elf ermordeten israelischen Sportler und einer blauen Glasplatte mit hebräischen und biblischen Sinnsprüchen und wurde 1999 eingeweiht. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro in Brasilien wird im Olympischen Dorf ein Ort der Trauer eingeweiht. Er besteht aus einem Denkmal aus zwei Steinen aus dem antiken Olympia, die von Glas umschlossen sind. Zur Einweihung kommen auch Angehörige der ermordeten israelischen Sportler.


In München wird am 6. September 2017 ein weiterer Erinnerungsort geschaffen, der umfassend auch den Hintergrund und Verlauf des Attentats für Besucher darstellen soll. Der Ort der Erinnerung auf dem Lindenhügel im Olympiapark trägt den Namen "Einschnitt" und soll für den traumatischen Bruch stehen, den der Terrorakt während der friedlichen Atmosphäre der Olympischen Spiele 1972 in München ausgelöst hat. Dieser Bruch spiegelt sich auch in der Architektur des Raums wieder - er soll durch einen 2,5 Meter hohen Einschnitt in den Hügel entstehen, der mit Gras überdeckt wird. In dem Raum können Besucher auf einer elf Meter breiten Medienwand zehnminütige Filme zum Verlauf und zu Hintergründen des Attentats anschauen. Dabei geht es nicht nur um das Attentat an sich, sondern auch um die Geschichte Israels und Deutschlands und die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Eine von innen heraus leuchtende Dokumentationswand erzählt außerdem die Biografien der zwölf Opfer des Attentats.

Diese Computersimulation zeigt den Ort der Erinnerung auf dem Lindenhügel im Olympiapark in München. Er trägt den Namen "Einschnitt" und wird am 6. September 2017 eröffnet. (© Brückner & Brückner Architekten Tirschenreuth | Würzburg)




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