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23.4.2018

Vor fünf Jahren: Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch eingestürzt

Am 24. April 2013 starben bei dem bisher größten Unfall in der internationalen Textilindustrie mehr als tausend Menschen. Industrie und Regierung haben seitdem höhere Sicherheitsstandards in Bangladesch durchgesetzt. Der Preiskampf in der Modebranche verhindert aber globale Verbesserungen.

Nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza suchen Menschen in den Trümmern nach Opfern und Überlenden. (© picture-alliance/AP)


Am Morgen des 24. April 2013 stürzte in einem Vorort von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, der achtstöckige Fabrikkomplex Rana Plaza ein und begrub tausende Menschen unter sich. Mehr als 5.000 Arbeiterinnen und Arbeiter befanden sich in den zahlreichen Textilwerkstätten, die in dem Gebäude neben Geschäften und einer Bank untergebracht waren. 1.136 von ihnen starben in Folge des verheerenden Unfalls, über 2.000 wurden verletzt. Schon am Tag vor dem Unglück wurden Risse in dem Gebäude entdeckt, viele Menschen wurden jedoch gezwungen, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie hatten hauptsächlich Kleidung für den Export produziert, unter anderem für europäische Modefirmen wie Primark, Benetton, Mango, C&A und auch deutsche Unternehmen wie KiK oder Adler beziehungsweise deren Zulieferer.

Es verloren nicht nur viele Menschen ihr Leben; tausende Familien standen plötzlich vor dem wirtschaftlichen Abgrund, da die verunglückten Näherinnen oft Alleinverdienerinnen waren. Absicherungen, wie etwa Versicherungen gegen die Folgen von Arbeitsunfällen, existierten zu diesem Zeitpunkt in Bangladesch nicht.

Beginn einer weltweiten Debatte über Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie

Obwohl dieser Unfall nicht der erste in einer Textilfabrik für internationale Massenfertigung war, lenkten die Umstände und Ausmaße des Unglücks den Blick vieler Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Produktion ihrer Kleidung und lösten eine umfangreiche Debatte über die Missstände in der globalen Textilindustrie aus: unterdurchschnittliche Löhne, zu lange Arbeitstage und kaum Freizeit, ungeschützter Umgang mit Chemikalien und fehlende Brandschutzbestimmungen sind nur einige der Probleme in dem Industriezweig. Infolge des Unglücks und unter Druck der Öffentlichkeit zahlten viele der betroffenen Unternehmen Geld in einen Entschädigungsfonds ein, der vom Rana-Plaza-Koordinationskomitee unter Vorsitz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) koordiniert wurde. Mehr als 30 Millionen US-Dollar wurden bis Mitte 2015 gesammelt, um an die rund 2.800 Antragsteller ausgezahlt zu werden. Gleichzeitig erklärten sich viele westliche Textilunternehmen bereit, arbeitsrechtliche Standards in Produktionsketten besser zu überwachen. Dazu zählt die Sicherheit am Arbeitsplatz genauso wie ein fairer Lohn oder das Recht auf eine Gewerkschaft oder Arbeitnehmervertretung.

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Internationale Textilindustrie

Mehr als 70 Prozent aller Textilien und Kleider, die in die EU importiert werden, kommen aus Asien. Die Textilproduktion ist nicht nur in Bangladesch, sondern etwa auch Pakistan, China, Indien, Vietnam, Kambodsch, Indonesien und auch der Türkei von großer Bedeutung. Sie gilt in manchen dieser Länder als Katalysator für Entwicklung und Industrialisierung. So können sich dank der Devisen, die so ins Land kommen, auch andere Wirtschaftszweige entwickeln. In Bangladesch erwirtschaftet der Textilsektor derzeit zum Beispiel 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und stellt 80 Prozent aller Exporte.


Mehr Kontrolle durch Industrie und Regierung

Seit dem Rana-Plaza-Unglück haben sich insbesondere in Bangladesch dank verschiedener Initiativen die Arbeitsbedingungen verbessert. Heute sind dort alle Besitzer von Textilwerkstätten dazu verpflichtet, bestimmte Sicherheits- und Gesundheitsstandards umzusetzen. Dass diese Vorgaben auch eingehalten werden, sollen regelmäßig unabhängige Beobachter kontrollieren.

Über 200 Textilunternehmen aus über 20 Ländern unterzeichneten im Mai 2013 ein Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch (Accord on Fire and Building Sagety in Bangladesh), das mehr als 1.600 Fabriken und 2 Millionen Angestellte betrifft. Zudem wurde vornehmlich von US-amerikanischen Firmen eine Allianz für Arbeitssicherheit in Bangladesch gegründet. Die damalige Regierung von Bangladesch erarbeitete unter der Führung von Premierministerin Sheikh Hasina Wajed in Zusammenarbeit mit der ILO einen nationalen Handlungsplan. So wurden im Rahmen dieser drei Initiativen bis 2015 alle Fabriken, die in Bangladesch dem internationalen Modesektor zuliefern (damals 3.632) inspiziert. 39 Werkstätten mussten wegen großer Sicherheitsmängel sofort schließen, da sie eine Gefahr für die Arbeitenden darstellten. 38 weitere Fabriken mussten Teilbereiche stilllegen.

Zusätzlich zur Gebäudesicherheit wurden die Arbeitsbedingungen auch auf anderen Ebenen verbessert. Die ILO bildete über 200 Inspekteure aus, die neue Sicherheitsstandards überwachen. Außerdem erhielten bis 2017 800.000 Arbeiterinnen und Arbeiter Schulungen zur Gesundheit am Arbeitsplatz, 2.700 wurden als Gewerkschafter geschult. In der Praxis stößt diese Maßnahme jedoch an Grenzen: Trotz der Gewerkschafterausbildungen und obwohl die Regierung das Recht auf Versammlungsfreiheit gestärkt hat, kommt es weiterhin zu Entlassungen nach Demonstrationen und Streiks. Der Mindestlohn wurde zwar ebenfalls erhöht – er liegt nun für Näherinnen bei knapp 60 Euro monatlich – ist jedoch gemessen am nationalen Durchschnittseinkommen und auch im Vergleich zum Lohnniveau in anderen süd- und ostasiatischen Ländern weiterhin niedrig.

Wettbewerb verhindert globale Verbesserungen

Obwohl nach dem Unglück in Bangladesch die gesamte Textilindustrie in die Kritik geriet und mehr Menschen durch Medienberichterstattung und verschiedene Initiativen für die Folgen weltweiter Massenproduktion sensibilisiert wurden, haben sich positive Entwicklungen in der Branche nicht global durchgesetzt. Verbesserte Arbeitsbedingungen und höhere Löhne führen zu erhöhten Produktionskosten, die sich auch in höheren Produktpreisen niederschlagen können. Da auf dem Textilmarkt der Preis oft ein zentrales Kaufkriterium ist, und die Maximierung des Gewinns ein zentraler Teil zahlreicher Unternehmensstrategien, versuchen viele Firmen weiter, möglichst günstig zu produzieren.

Infolge können lokal begrenzte Arbeitsstandards wie in Bangladesch dazu führen, dass Firmen abwandern und ihre Produktion in anderen Ländern fortsetzen. Für europäische Firmen ist Osteuropa nicht nur aufgrund der kurzen Transportwege attraktiv, sondern auch weil die dortigen Löhne sehr niedrig sind. Laut der Kampagne für saubere Kleidung (CCC) beträgt der Mindestlohn in der Textilbranche beispielsweise in der Ukraine 80 Euro, in Rumänien 133 Euro und in Bulgarien 139 Euro – und deckt damit nur einen geringen Teil des geschätzten Basis-Existenzlohns ab. Auch die Arbeitsbedingungen sind oft mangelhaft: Überstunden weit über gesetzliche Vorgaben hinaus und gewerkschaftsfeindliches Vorgehen der Arbeitgeber ist auch hier präsent. Auch afrikanische Länder sind derzeit weniger im Fokus bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen – und somit schlichtweg für Produzenten in der Textilbranche günstiger.

Solange nur in einzelnen Ländern höhere Arbeitsstandards durchgesetzt werden, bleiben die verschiedenen Probleme der globalen Textilindustrie bestehen. Sie verlagert sich nur.

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