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17.1.2019

Vor 100 Jahren: Pariser Friedenskonferenz

Zwischen Revanchismus und Weltfrieden

Am 18. Januar 1919 begannen die Pariser Friedensverhandlungen. 32 Länder diskutierten dort die Friedensbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg. Verhandlungsergebnisse wie der Versailler Vertrag oder der Völkerbund sollten weltweit Frieden schaffen. Doch angesichts der schwierigen politischen Gemengelage hatte dies kaum Aussicht auf Erfolg.

Der sogenannte Rat der Vier in Versailles bei den Friedensverhandlungen mit Deutschland 1919 (von links nach rechts): Der britische Premierminister Lloyd George, der italienische Minister Vittorio Emanuele Orlando, der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau und der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson. 1919. (© picture alliance / Imagno)


Der 18. Januar hat in den deutsch-französischen Beziehungen eine besondere Bedeutung. An diesem Tag wurde im Jahr 1871 im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Und 48 Jahre später, ebenfalls am 18. Januar, begann im französischen Außenministerium die Pariser Friedenskonferenz. Vertreter aus insgesamt 32 Ländern verhandelten hier die Friedensbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg.

Am Ende der Pariser Friedenskonferenz stand der Versailler Vertrag - ein Dokument, das Europa und die Welt politisch und territorial neu zu ordnen versuchte. Gleichzeitig waren die Verhandlungen auch die Geburtsstunde des Völkerbundes, dem ersten Versuch, eine weltweite Friedensordnung zu schaffen. Basierend auf diesen Strukturen und Erfahrungen wurden später nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinten Nationen gegründet.

Der "Rat der Vier" bestimmt die Verhandlungen



Die vier Delegationsleiter der Siegermächte des Ersten Weltkriegs, also die USA, Frankreich, Großbritannien und Italien, dominierten die Verhandlungen in Paris. So tagte der "Rat der Vier" in 145 geschlossenen Sitzungen. Seine Beschlüsse wurden später von der Vollversammlung der Konferenz verabschiedet.

In Bezug auf die Mittelmächte – also Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich – , die nicht in die Friedenskonferenz eingebunden wurden, handelte der "Rat der Vier" entgegen der Grundidee des Völkerbundes, der zufolge alle Staaten an internationalen Entscheidungen gleichermaßen beteiligt werden sollten. Zudem blieb die Neuordnungspolitik weiterhin von kolonial-imperialistischen Interessen bestimmt. Dies wird von Historikern als Geburtsfehler der Nachkriegsordnung gewertet.

Der Entwurf des Versailler Vertrages wurde am 7. Mai 1919 einer deutschen Delegation vorgelegt. Deutschland sollte 13 Prozent seines Territoriums verlieren, darunter Elsass-Lothringen, Posen und Westpreußen. Ferner wurde das Saargebiet unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt, ebenso wie die deutschen Kolonien in Afrika und Asien. Über die Gebiete in Nordschleswig und Oberschlesien sollte es Volksabstimmungen zum Verbleib im Reich geben. Das Rheinland wurde auf 15 Jahre zum besetzten Gebiet erklärt. Die Größe der Reichswehr wurde auf 100.000 Soldaten beschränkt, außerdem sollte Deutschland Reparationszahlungen in noch nicht näher definierter Gesamthöhe zahlen. Allein bis 1921 wurde eine erste Rate von 20 Milliarden Goldmark gefordert. Artikel 231 des Friedensvertrags wies Deutschland außerdem die Alleinschuld für den Kriegsausbruch zu.

"Pariser Vorortverträge"



Wochenlang gab es heftige Kontroversen über die Annahme des Vertrags. Ministerpräsident Philipp Scheidemann (SPD) sagte damals: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt." Er trat am 12. Mai 1919 von seinem Amt zurück. Am 16. Juni stellten die Siegermächte den Deutschen ein Ultimatum: Sollten sie nicht binnen sieben Tagen den Vertrag ratifizieren, würden die Kriegshandlungen wieder aufgenommen werden. Am vorletzten Tag der Frist nahm die Nationalversammlung den Vertrag an. Am 28. Juni 1919 - auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Attentat in Sarajevo - wurde das Dokument unterzeichnet.

Der Vertrag von Versailles war der erste von insgesamt fünf so genannten Pariser Vorortverträgen, die den unterlegenen Staaten des Ersten Weltkriegs von den Siegermächten zur Unterschrift vorgelegt wurden. Sie alle wurden auf der Pariser Konferenz konzipiert. Der Vertrag von Sèvres mit dem Osmanischen Reich wurde im Jahr 1923 noch durch den Vertrag von Lausanne in Teilen zu Gunsten der neu zu gründenden Türkei revidiert.

In der Folge lösten sich die drei multiethnischen Imperien, die Österreichisch-Ungarische Monarchie, das Russische Reich und das Osmanische Reich auf. Staaten wie Polen oder Litauen erhielten nach dem Ersten Weltkrieg ihre Souveränität zurück und einige Nationen wie die Ukrainer, Weißrussen, Letten, Esten und Finnen erhielten ihren eigenen Nationalstaat. Auch entstand die erste Republik Österreich, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Ungarn, die Tschechoslowakei, die Republik Türkei und später die Sowjetunion.

Folgen bis heute sichtbar



Die Pariser Friedensverhandlungen hatten weitreichende Konsequenzen, die teilweise bis heute nachwirken. Während des Ersten Weltkriegs etwa hatten die Entente-Mächte aus strategischen Gründen die arabische Revolte gegen die Osmanische Herrschaft unterstützt und den Aufständischen Hoffnung auf einen panarabischen Nationalstaat gemacht. Doch in Paris wurde klar, dass Frankreich und Großbritannien sich den Nahen Osten gemäß des Sykes-Picot-Abkommens von 1916 in "Einflusssphären" aufteilen würden, die sie mittels eines Völkerbundmandats kontrollierten. Auf der Konferenz von San Remo im April 1920 wurde dieser Beschluss offiziell gefällt. Im Vertrag von Sèvres, mit dem am 10. August des gleichen Jahres die Mandatierung von Syrien, Palästina und Mesopotamien vorbereitet wurde, finden sich dann jene oft willkürlichen Grenzziehungen wieder, auf die sich heute viele Konflikte im Nahen und Mittleren Osten zurückführen lassen.


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