Politik

Hintergrund aktuell



50 Jahre Eichmann-Prozess

Am 15. Dezember 1961 endete der Prozess gegen Adolf Eichmann: der Organisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung wurde zum Tode verurteilt. Der Prozess erregte weltweit Aufmerksamkeit. In Israel markierte er den Anfangspunkt für eine kollektive Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Adolf Eichmann (© AP)

Als Leiter des "Judenreferats IV B 4" im "Reichssicherheitshauptamt" war Adolf Eichmann für die Deportation von über fünf Millionen Juden in die Konzentrationslager verantwortlich. Nach Kriegsende tauchte Eichmann zunächst in Deutschland unter. 1950 floh er mit Hilfe des Vatikans nach Argentinien, wo nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft viele NS-Kriegsverbrecher Zuflucht suchten. Dort lebte er unbehelligt zehn Jahre unter dem Namen Ricardo Klement in der Nähe von Buenos Aires – bis ihn 1960 der israelische Geheimdienst Mossad aufspürte und nach Israel entführte. Zwischen Israel und Argentinien existierte kein Auslieferungsabkommen, das eine völkerrechtlich legitimierte Überstellung Eichmanns geregelt hätte.

Rund ein Jahr später begann am 11. April in Israel der Prozess vor dem Jerusalemer Bezirksgericht. Chefankläger war der Generalstaatsanwalt Gideon Hausner. Rund 1.600 Dokumente lagen den Richtern als Beweismaterial vor. Zusätzlich wurden etwa 100 Zeugen gehört. Sie berichteten über die Gräueltaten der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern. Nach acht Monaten Prozess wurde Eichmann am 15. Dezember in allen fünfzehn Anklagepunkten für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Eichmann selbst bekannte sich im Sinne der Anklage für nicht schuldig. Er betonte immer wieder, nur auf Befehle anderer gehandelt zu haben. "Die Führerschicht, zu der ich nicht gehörte, hat die Befehle gegeben, sie hat, meines Erachtens, mit Recht Strafe verdient für die Gräuel." Am 1. Juni 1962 wurde Eichmann in Israel hingerichtet.

Der Prozess – übertragen in Radio und Fernsehen – sorgte international für Aufsehen. Die Zeugenaussagen von Überlebenden trugen das Thema Holocaust an die Öffentlichkeit. Auch für Israel markierte er einen Wendepunkt. Waren die Nürnberger Prozesse noch von den Alliierten durchgeführt worden, machte nun Israel selbst einem Hauptverbrecher des Nationalsozialismus den Prozess. Bisher wurde der Holocaust in dem jungen israelischen Staat tabuisiert. "Eltern sprachen nicht mit ihren Kindern darüber, die Kinder trauten sich nicht, Fragen zu stellen.", so der israelischen Historiker Tom Segev. Dies änderte sich mit dem Prozess. Laut Segev hatte er für die Israelis eine therapeutische Funktion und ermöglichte eine institutionalisierte, kollektive Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Auch in der deutschen Öffentlichkeit weckte der Eichmann-Prozess ein größeres Interesse an der Aufklärung der NS-Verbrechen: Die Zahl der Anklagen stieg in Westdeutschland deutlich. Zu einer kontroversen Diskussion trug auch die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt bei, die den Prozess als Pressekorrespondentin vor Ort verfolgte und ihre Beobachtungen in dem Buch "Eichmann in Jerusalem" veröffentlichte. Arendt polarisierte mit ihrer Charakterisierung der Verbrechen Eichmanns als "Banalität des Bösen". Mit ihrer Begriffsprägung wollte Arendt auf das Phänomen aufmerksam machen, dass "das Böse" Bestandteil einer unauffälligen Normalität sein kann: Ein Massenmörder konnte zugleich ordentlicher Beamter und liebender Vater sein.


Mehr zum Thema

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln