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Prozess gegen Liberias Ex-Staatschef Taylor

Vor einem Sondertribunal in Den Haag hat am Montag das Verfahren gegen Liberias ehemaligen Präsidenten Charles Taylor begonnen. Ihm werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bürgerkriegs im benachbarten Sierra Leone vorgeworfen. Der Angeklagte erschien jedoch nicht zur Verhandlung.

Charles Taylor muss sich vor einem Sondertribunal in Den Haag verantworten. Foto: AP

In elf Punkten wird dem heute 59-Jährigen die Mittäterschaft an zahlreichen Verbrechen der Rebellengruppe "Revolutionäre Vereinigte Front" (RUF) zur Last gelegt, darunter Mord, Vergewaltigung, Sklaverei, Verstümmelung und die Rekrutierung von Kindersoldaten. Während des von 1991 bis 2002 andauernden Bürgerkrieges in Sierra Leone soll Taylor als damaliger Präsident Liberias die RUF für Rohdiamanten mit Waffen und Kämpfern versorgt haben. Die Verhandlung gilt als Präzedenzfall: Erstmals wird vor einem internationalen Gericht die Rekrutierung von unter 15-Jährigen Soldaten als Kriegsverbrechen verhandelt. Der Chefankläger des Sondergerichts, David Crane, verspricht sich ein Signal an alle Afrikaner: "Die Herrschaft des Rechts ist stärker als die Herrschaft der Gewehre."

Ermittlungen zufolge zettelte Taylor zuvor bereits 1989 in seinem eigenen Land Liberia einen blutigen Bürgerkrieg an, der erst 2003 ein Ende fand. Mindestens 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Anklage des Sondertribunals betrifft jedoch nur Taten, die von der RUF nach einem ersten Friedensabkommen zwischen ihr und der Regierung Liberias 1996 begangen wurden. Das Gericht wirft Taylor vor, den Bürgerkrieg bewusst forciert zu haben, um sich persönlich zu bereichern. Erst auf Druck von zwei Rebellengruppierungen musste der Diktator 2003 ins nigerianische Exil fliehen.

Bereits 2002 hatten die Vereinten Nationen und die Regierung Sierra Leones ein Sondertribunal gegen Taylor vereinbart, die Anklage wurde ein Jahr später erhoben. Die nigerianische Regierung lehnte jedoch zunächst seine Auslieferung ab. Erst im März 2006 erklärte sich der damalige Staatschef Olusegun Obasanjo bereit, Taylor auszuliefern. Doch noch immer fürchtet man Taylors Einfluss in der Region. Aus Sicherheitsgründen wurde daher der Prozess nach Den Haag verlegt.

Zum ersten Prozesstag erschien Taylor nicht. Sein Anwalt verlas zu Beginn des Verfahrens einen langen Brief, in dem Taylor erklärte, er habe kein Vertrauen, dass das Gericht "auf faire und unparteiische Weise" Recht spreche. Der Anwalt verließ im Anschluss entgegen der Proteste der Vorsitzenden Richterin den Saal. Das Verfahren, das rund 18 Monate dauern soll, wird von drei Richtern aus Uganda, Nordirland und Samoa geleitet. Die Todesstrafe darf der Gerichtshof nicht verhängen.


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