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4.7.2014

25 Jahre deutsche Einheit: Annäherungen und verbliebene Unterschiede zwischen West und Ost

Das politische Ziel der Angleichung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Ost und West bleibt oberste Priorität allen staatlichen und privaten Handelns, mag es auch noch lange dauern. Bald 25 Jahre des Vereinigungsprozesses haben große Fortschritte gebracht, vor allem wenn man die relativ zum Westen schwierige bis desolate Ausgangslage bedenkt. Ist Westniveau überhaupt der angemessene Maßstab oder genügte ein sich selbst tragendes Wirtschafts- und Sozialsystem, das seine Ausgaben aus eigenen Steuern und Abgaben finanziert, also unabhängig von Sondertransfers ist?

Giebelhäuser am Alten Markt in Stralsund. (© AP)



Immerhin werden die Ost-Transfers bisher auf brutto 2 Billionen, netto nach Abzug der in den Westen zurückgeflossenen Mittel auf gut 1,6 Billionen Euro veranschlagt. Auch zwischen den westlichen Ländern bestehen erhebliche Unterschiede im Wohlstand, in der Beschäftigung, in der sozialen Lage und bei der Arbeitslosigkeit. Geht es um Annäherung mit Wandel, um Transformation in die bewährte soziale Marktwirtschaft unter Sozialstaatsbedingungen? Oder geht es um Angleichung, gar Konvergenz zu einer Westwirtschaft, die sich selbst meist rascher fortentwickelt?

Zwanzig Jahre nach der deutschen Vereinigung wurden viele Bilanzen des bisher gelungenen Angleichungsprozesses und der verbleibenden Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland vorgelegt. Allerdings ist eine Betrachtung beider Landesteile statistisch immer schwieriger, da viele Statistiken und Studien die regionale Unterscheidung nicht mehr machen.

Ausgangsposition



Einen Grundstein für den Aufbau Ost hat die Treuhandanstalt (THA) unter der Rechts- und Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums gelegt. Der THA waren am Gründungstag zum 1. Juli 1990 etwa 8.500 Gesellschaften mit gut 4 Millionen Beschäftigten in rd. 45.000 Betriebsstätten unterstellt. Ihrem Eigenmotto "schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen" folgend beendete sie ihre Tätigkeit Ende 1994 mit einem finanziellen Fehlbedarf von 450 Milliarden DM. Spezielle Aufbauprogramme, Verkehrsprojekte "Deutsche Einheit" zwei Solidarpakte und die Milliardentransfers aus den westdeutschen Sozialversicherungen erbrachten beachtliche Transformationsleistungen und Reindustrialisierungen. Die von der DDR einst vernachlässigte bis marode Infrastruktur und Bausubstanz wurde weitgehend modernisiert. Der Umweltschutz wurde verbessert. Wohnungen und langlebige Verbrauchsgüter gibt es in ordentlicher Qualität. Lohneinkommen und Renten sind kräftig gestiegen. Die Sozialunion bei Arbeitsmarktpolitik, Arbeitslosengeld und Renten hat den sozialen Frieden bewahren helfen. Die Diskussion, ob aktive und passive Leistungen der Arbeitsmarktpolitik, die einigungsbedingt seit 1990 stark ausgeweitet worden waren, besser steuer- statt beitragsfinanziert worden wären, bewegt nur die Experten. Allerdings wurden und werden im Osten entstehende Defizite der Sozialversicherungen stets auch aus Bundesmitteln mit ausgeglichen. Die Grundsicherung für Arbeitsfähige finanzierte z.B. aus Steuermitteln nach SGB II in den Anfangsjahren 2005/06 im Osten fast eine Million Arbeitslose, im Westen 1,8 Millionen. Bis Februar 2009 sank die Arbeitslosenzahl nach SGB II im Osten auf 813.000, und dann um weitere gut 21% auf 638.000 im Februar 2014. In Westdeutschland war die Abnahme in derselben Zeit viel geringer: über 1,44 Millionen auf knapp 1,4 Millionen Arbeitslose im Februar 2014.

SGB II-Quoten* der Personen in Bedarfsgemeinschaften im März 2014 in % (PDF-Icon Grafik zum Download 56 KB) (© bpb)

So erfreulich der stärkere Rückgang auch war, bezogen auf die Einwohnerzahl zeigen die Ergebnisse vor allem die relativ höhere Bedeutung dieser Grundsicherung im Bundesgebiet Ost. Im Februar 2014 befanden sich in ganz Deutschland mit 6,12 Millionen Menschen 7,6% aller Einwohner im Leistungssystem des SGB II[1]. Doch waren es in den ostdeutschen Flächenländern gut jeder zehnte (10,3%), in den westdeutschen lediglich 6,4%. Nur in den Stadtstaaten war der Anteil Hilfebedürftiger mit 14,8% noch höher als im Osten. Übrigens entsprechen diese Anteile recht gut den damaligen Ost-West-Unterschieden in der Arbeitslosenquote von 11% und 6,4%. Allerdings gab es in den neuen Ländern einen überproportionalen und stetigen Rückgang der Hilfebedürftigkeit. Der Deutsche Landkreistag kann sich dies nicht recht erklären. Er vermutet wegen der im Osten anteilig doppelt so hohen Erwerbstätigkeit von SGB II-Leistungsberechtigten, dass der Ausbau einer bestehenden Beschäftigung ein erster wichtiger Schritt zur Überwindung der Hilfebedürftigkeit sei.

Aufholprozess



Das allgemeinste und gängigste Wohlstandsmaß ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung, das im Osten 2009 rd. 73% des Westniveaus erreichte. Um die Jahrtausendwende hatte der Wert erst gut zwei Drittel betragen und ist seither auf rd. vier Fünftel gestiegen, ein nennenswerter Aufholprozess. Nach Überwindung der Krise von 2009 stagnierte die Angleichung, aber niemand sagt verlässlich voraus, ob es so weitergeht und wann Wohlstandseinheit oder gar -gleichheit erreicht ist.

Eine Kernursache wird im Ost-Rückstand der Arbeitsproduktivität gesehen, der 2009 je geleistete Arbeitsstunde auf 75%, je Erwerbstätigen auf 78% des Westwertes veranschlagt wird. Andere, auf betrieblichen Angaben zu Umsatz und Beschäftigung gestützte Berechnungen mit dem IAB-Betriebspanel kommen für das Jahr 2009 auf einen Produktivitätsrückstand von 74%. Bis 2013 waren immerhin achtzig Prozent des westdeutschen Wertes erreicht. Die Arbeitsproduktivität ist allerdings neben einem Angleichungsmaß die entscheidende Bestimmungsgröße des Verteilungsspielraums für höhere Reallöhne und kürzere Arbeitszeiten zum einen, und für die Entwicklung der Lohnstückkosten zum anderen. Die wiederum entscheiden über die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Ohnehin betrugen 1998 die tarifliche wöchentliche Arbeitszeit in der gewerblichen Wirtschaft und im öffentlichen Dienst im Osten mit 39,4 Stunden rd. zwei Stunden mehr als im Westen mit 37,4 Sunden. Während die Wochenarbeitszeit im Westen in den letzten 15 Jahren sogar geringfügig auf 37,5 Stunden stieg, ging sie in den neuen Ländern um fast eine Stunde zurück, sodass sich der Abstand halbierte. Die Jahresarbeitszeit lag 2013 mit 1704 Stunden noch 3,5% über dem Westwert. Die Teilzeitquoten unterscheiden sich kaum mehr: 20% im Osten und 19% im Westen. Allerdings umfasst Teilzeit in den neuen Ländern mehr Stunden pro Woche. Die Ursachen für den beträchtlichen, wenn auch schrumpfenden Produktivitätsrückstand sind vielfältig.

Geringeres Produktivitätsniveau in Ostdeutschland

Der relativ kleine industrielle Sektor, die geringe Anzahl von Großbetrieben, die Dominanz von Produktionsstätten ohne höherwertige Unternehmensfunktionen, das Defizit von wissensintensiven Unternehmensdienstleistungen, die schwächere Exportorientierung, der Rückstand bei FuE-Aktivitäten und ein geringer Anteil von Beschäftigten in hochproduktiven Bereichen führen trotz einer nicht zu vernachlässigenden Anpassung nach wie vor zu einem geringeren Produktivitätsniveau in Ostdeutschland.

Rückstände



Bei allen Angleichungen bleiben charakteristische Unterschiede zwischen beiden Landesteilen: Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Niedriglöhne und weit verbreitet tariflose Zustände kein Standortvorteil waren, sondern die "Lohn- und Produktivitätspeitsche", die im Westen seit Jahrzehnten über permanente Rationalisierung und Innovationen die Produktivität vorwärts trieb, im Ergebnis kaum funktionierte und so die Produktivitätslücke mit verursachte. Plötzlich verlangt der Osten hohe Löhne, Flächentarifverträge, die Rückkehr vieler Unternehmen in den Tarifverband und Sozialpartnerschaft. In ein Billiglohnland kämen die Abgewanderten nicht zurück, gute Fachkräfte und Hochschulabsolventen seien nicht zu halten. Nachwuchsprobleme drohen, denn seit der Wende sind die Geburtenzahlen so stark gesunken, dass sich die Schulabgängerzahlen inzwischen halbiert haben. Die anhaltende Produktivitätsschwäche ist auch ein gesamtdeutsches Problem.

Nach der Vereinigung ging im Osten rd. jeder dritte Arbeitsplatz verloren. Dadurch stieg nur rechnerisch die Produktivität je Erwerbstätigen. Aufschwungphasen wie nach 1998 brachten wenig zusätzliche Arbeitsplätze, öffentlich geförderte Beschäftigung musste kräftig aushelfen. Von 2005-2008 stieg dann die Zahl der Erwerbstätigen um 280.000 insgesamt, und die Krise 2009 ließ die Beschäftigung fast unberührt. Von genau fünf Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2006 stieg sie um eine halbe Million auf 5,5 Millionen in 2013. In dieser Zeit nahm die ausschließlich geringfügige Beschäftigung um 30 000 auf 645 000 Personen ab. Und die Zahl der Arbeitsgelegenheiten nach SGB II fiel um fast 100.000 auf noch 60.000 im Jahr 2013.

Trotz aller Erfolge durch Aufbau Ost sowie Aufschwung und Beschäftigung schaffende Arbeitsmarktpolitik blieb die Arbeitslosenquote in den neuen Ländern lange fast doppelt so hoch wie im Westen: Im Februar 2011 12,7% Arbeitslosigkeit im Osten zu 6,7% im Westen. Im Februar 2014 betrug das Verhältnis 11% zu 6,4%. Nach Agenturbezirken liegen einzelne Regionen mit der Arbeitslosenquote noch viel weiter auseinander.

Atypische Beschäftigungsformen und Flexibilisierungsgrad in Ostdeutschland 1996-2010 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)



Eine große Gemeinsamkeit zwischen Ost und West besteht in der starken Verbreitung und zunehmenden Vielfalt atypischer Beschäftigungsformen (Abbildung). Der Flexibilisierungsgrad eines Beschäftigungssystems wird vom Institut Sozialökonomische Strukturanalysen (SÖSTRA) als prozentualer Anteil atypischer Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung definiert. Er stieg seit der ersten Messung im Jahr 1996 von 20% auf 38% im Jahr 2013 stark an. Diese Entwicklung vollzog sich in Ost- und Westdeutschland fast gleich stark. Wenn sich der Flexibilisierungsgrad eines Beschäftigungssystems binnen 17 Jahren fast verdoppelt, stellen sich schwerwiegende Fragen nach guter Erwerbsarbeit, auskömmlichen Einkommen, beruflicher Weiterbildung und sozialer Sicherung.

Nachwuchsprobleme können sich aus der Tatsache ergeben, dass die Zahl der Schulabgänger im Jahr 2010 etwa halb so groß ausfiel wie Anfang der 2000er Jahre. Nach Projektionen der Kultusministerkonferenz werden diese Zahlen bis zum Jahr 2020 ungefähr auf dem heutigen niedrigen Niveau verharren. Demgegenüber steigt die Beschäftigung über 63-Jähriger in den beiden Jahrzehnten kräftig an, so dass in vielen Betrieben steigende Altersabgänge in die Rente anstehen. Wenn deshalb frei werdende Arbeitsplätze wieder besetzt werden sollen, müssen Betriebe bei knappem Nachwuchs unter Arbeitslosen, Auspendlern und Arbeitsmarktreserven suchen oder vor allem Fachkräfte von anderen Betrieben abwerben. Die Mobilitätsanforderungen steigen ebenso wie die nötige Kompromissbereitschaft der Betriebe. Werden bislang konjunkturell wechselnde und partielle Fachkräfteknappheiten zu einem strukturellen Fachkräfteproblem mit Mangelerscheinungen? Während die einen, z.B. das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, zwar in Teilen der neuen Länder Knappheiten und Engpässe im Angebot an Arbeitskräften einräumen, aber keinen generellen Mangel feststellen, sehen die anderen im Osten ein Steigen der Löhne und eine rasche Lohnangleichung an das Westniveau wegen eines allgemeinen Fachkräftemangels. Bei Einstellungen würden höhere Löhne als für die Stammbelegschaften gezahlt werden. Und wegen des Fachkräftemangels entstehe ein erhebliches Krisenpotential, möglicherweise drohe eine weitere Welle von Deindustrialisierung.

Bald fünfundzwanzig Jahre nach der Vereinigung beider deutscher Staaten ist eine getrennte Betrachtung beider Teile weiterhin angebracht. Allerdings verzichtet die amtliche Statistik immer mehr auf eine entsprechend untergliederte Berichterstattung. Vorbildlich bleibt die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit, die ausführlich beide Landesteile darstellt. So werden auch Ländervergleiche möglich. Eine gute Daten- und Ergebnisquelle bietet auch das IAB-Betriebspanel, eine seit 1996 in West und Ost mit einheitlichem Fragebogen, Auswertungskonzept und methodischem Instrumentarium jedes Jahr durchgeführte Befragung von inzwischen 16.000 Betrieben aller Branchen und Betriebsgrößen. Alle Länder (mit Ausnahme Hamburgs) sind daran mit eigenen Berichten beteiligt. Vergleichende Analysen bieten auch die "West-Ost-Berichte" des IAB in Kooperation mit SÖSTRA und TNS Infratest Sozialforschung. Das Bundesinnenministerium lässt jährlich "Ostberichte" auf der Basis des IAB-Betriebspanels veröffentlichen.

Solidarpakt II

Der Solidarpakt II soll es ermöglichen, dass die ostdeutschen Länder ihre Infrastruktur an das westdeutsche Niveau anpassen und die - auch nach dem Länderfinanzausgleich - unterproportionale Finanzkraft ihrer Kommunen aufstocken können. Darüber hinaus soll –unter anderem durch Investitions- und Innovationsförderung – die Wirtschaftskraft so gestärkt werden, dass die neuen Länder wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen und ohne besondere Hilfen auskommen, wenn die Vereinbarung 2019 ausläuft. Darin sind sich Bund und Länder einig.

Mit Blick auf das Auslaufen des gegenwärtigen Solidarpakts II im Jahre 2019 resümiert die Bundesregierung in ihrem Jahresbericht 2010 zur deutschen Einheit: Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung seit dem Jahr 2000 zeige, dass unter der Voraussetzung einer Fortsetzung der Wachstumstrends die Möglichkeit besteht, dass sich die Wirtschaftskraft je Einwohner in den ostdeutschen Ländern bis zum Jahr 2019 an die vergleichbarer westdeutscher Länder weitgehend annähern könnte und dass gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland erreicht werden können. Dieser Prozess werde von der Bundesregierung auch künftig unterstützt und gefördert.

Messbare und gefühlte Fortschritte und Rückstände auf dem Weg zu gleichwertigen Lebensverhältnissen



Bald ein viertel Jahrhundert nach Mauerfall und deutscher Einigung am 3. Oktober 1990 sind Fortschritte bei der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse sichtbar. So vorsichtig resümierte die Bundesregierung in ihrem Jahresbericht 2013 zum Stand der Deutschen Einheit bereits im November 2013. Der materielle Wohlstand sei deutlich verbessert, die Lebensqualität gut, die Abwanderung gestoppt, Geburtenziffer und Lebenserwartung seien auf Westniveau. Dank moderner Infrastruktur, guter Verkehrswege, leistungsfähiger Energienetze und einer anerkannten Hochschul-, Wissenschafts- und Forschungslandschaft sei eine zunehmend auch wettbewerbsfähige Wirtschaft entstanden. In allen neuen Ländern habe der Aufbau der Industrie besonderes Gewicht, stark gefördert durch Unternehmen und unternehmensnahe Dienstleistungen, und sie seien innovationsfreudig für neue Perspektiven in Wertschöpfung und Beschäftigung. Auch der nicht-materielle Wohlstand in Bildung und Gesundheit, Freiheit und Mobilität, im Naturschutz und in der demokratischen Teilhabe habe sich deutlich verbessert. Eine andere Sichtweise betont, der Aufbau Ost sei vorbei, sogar eine Erfolgsgeschichte, aber im Ergebnis keine sich selbst tragende Entwicklungsdynamik. Arbeits- und Lebensbedingungen, Löhne und Renten, Arbeitslosigkeit und Daseinsvorsorge seien auch nach so vielen Aufbaujahren nicht auf dem gebotenen gleichwertigen Stand. Der sei mit Pilotprojekten und Modellvorhaben allein auch nicht zu erreichen. Allerdings sei die regionale Differenzierung nach guten und schlechten Lebensverhältnissen vergleichbar mit der in Westdeutschland. An die Stelle des Ost-West-Vergleichs soll immer mehr die Angleichung von vergleichbaren Regionen treten.

In vieler Hinsicht lässt die volle Angleichung an das Westniveau auf sich warten, und die Unterschiede verschwinden langsamer als gedacht, der Anpassungsprozess geriet ins Stocken, der Nachholbedarf besteht fort. War Westdeutschland zu lange Maßstab der Angleichung, gar nicht der richtige, jedenfalls aktuell nicht mehr der gültige? Wo bleiben unerlässliche Differenzierungen nach Lebenslagen, jungen und alten Menschen, nach prosperierenden Ballungszentren, überlebenswilligen Mittelstädten und ländlichen Räumen zwischen Entvölkerung und Naturverbundenheit? Offizielle und wissenschaftliche Vergleiche verwenden nach wie vor quantitative Maßstäbe. Doch unterscheiden sie sich immer mehr: Mal ist es Westdeutschland, mal ganz Deutschland, mal ein EU-Durchschnittswert, mal ein westdeutsches Flächenland, mal werden die neuen Länder einschließlich Berlin, mal ohne die Hauptstadt verglichen.

Nach dem Jahresbericht 2013 zur Deutschen Einheit spricht die Bundesregierung von den neuen Ländern als einer entwickelten Wirtschaftsregion in Europa mit dessen durchschnittlicher Wirtschaftskraft und als einer wissensbasierten Industrieregion mit zunehmend wettbewerbsfähigen Unternehmen. Das Wohlstandsmaß Bruttoinlandsprodukt pro Kopf habe 95% des EU-Durchschnitts erreicht. Sogar darüber liege der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung, vor etwa Frankreich oder Großbritannien. Mit 24% liege der Anteil im Westen aber über den 18% im Osten. Die Re-Industrialisierung ermöglicht ein starkes Wirtschaftswachstum. Mit 2,5% des BIP wird im Osten gut in Forschung und Entwicklung investiert, mit einem Verhältnis 40:60 bleibe der privatwirtschaftliche aber hinter dem öffentlichen Beitrag zurück und erreiche lediglich den halben westdeutschen Wert. Die Entwicklung industrieller Kerne und neuer erfolgreicher Wirtschaftscluster zum einen und funktionsfähige Netzwerke zwischen Wirtschaft, Hochschulen und Forschungsinstituten zu anderen tragen die Gesamtwirtschaft. Gleichwohl resümiert der genannte Jahresbericht: "Trotz dieser in der Gesamtbetrachtung positiven Entwicklung bleibt in puncto Wirtschaftskraft ein deutlicher Abstand zu Westdeutschland bestehen. Die Konvergenzlücke ist zu einem großen Teil durch wirtschafts- und siedlungsstrukturelle Faktoren bedingt." Der Bericht verweist auf die kleinteiligen Betriebsgrößen, das weitgehende Fehlen von Konzernzentralen und von Unternehmen mit eigener Forschung und Entwicklung sowie die Zuliefererrolle vieler Betriebe.

Der Blick auf die harten ökonomischen Fakten offenbart, wie weit der Angleichungsprozess vorangekommen ist und welcher Weg noch zugehen ist:

Durchschnittliche Bruttolöhne und -gehälter nach Bundesländern, 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 55 KB)


Wie weiter im vereinten Deutschland?



Trotz beachtlicher, unbestreitbarer Fortschritte in den neuen Ländern selbst und auch im Angleichungsprozess, Unterschiede bestehen fort, und die gibt es auch im Westen. Die wirtschaftlichen Erfolge sind gerade trotz der nachhaltigen Strukturschwächen eindrucksvoll. Es macht auch wenig Sinn, wenn die einen den genannten und anderen Fakten verdächtig positive Bewertungen geben, die anderen die eklatanten Nachteile herausstellen. Versprach der Koalitionsvertrag von 2009 noch, die Lebensverhältnisse in Deutschland bis 2019 weitgehend anzugleichen, so findet sich im Vertrag von 2013 keine solche Verheißung mehr. Vielmehr sollen die speziellen Förderungen für die neuen Länder nach und nach in ein gesamtdeutsches System zur Förderung strukturschwacher Regionen überführt werden, in dem auch verbliebene Differenzen zwischen Ost und West beseitigt oder wenigstens angepackt werden. Der fortbestehende Nachholbedarf der neuen Länder soll mit der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" angemessen berücksichtigt, deren Mittel wieder auf das Ausmaß von 2009 angehoben werden. Der Finanzausgleich und andere Transfersysteme werden die strukturelle Unterfinanzierung des Ostens beheben müssen. Eine "Strategie 2030 für die neuen Länder" wird angemahnt, in der bis zu einer Billion Euro aufzuwenden wären, davon vier Fünftel für die Sicherung des status quo und ein Fünftel für weitere Aufholprozesse, insbesondere durch private Investitionen und verstärkte Forschungsanstrengungen. Schon eine Halbierung der Einkommenskluft zum Westen könnte die nötigen Transfers sehr stark senken. Nach Artikel 72 des Grundgesetzes sind gleichwertige Lebensverhältnisse Aufgabe staatlicher Politik, einheitlich oder gar gleich sollen sie nicht werden. Die Bundesbeauftragte für die neuen Länder, Iris Gleicke, betont, "die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland ist politisches Handlungsziel und Grundanliegen für die Arbeit der Bundesregierung." Neuerdings melden sich Stimmen, die eher ein "Nord-Süd-Gefälle" als ein "Ost-West- Gefälle" sehen. Der Süden, zu dem auch Thüringen und Sachsen gezählt werden, sei dem Rest der Republik davongeeilt, uneinholbar?

Strategie "Zukunft Ost"

Eine Überwindung der Kluft in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zwischen Ost und West liegt daher im wohlverstandenen Interesse aller Bundesländer. Wenn es gelingt, in einer gemeinsamen Strategie aller Länder eine zukunftsorientierte Strategie "Zukunft Ost" zu vereinbaren, dann ist es realistisch, dass 40 Jahre nach der deutschen Einheit - im Jahr 2030 - der Aufholprozess abgeschlossen sein kann.

Literatur und Links zum Weiterlesen



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Bechmann, Sebastian; Dahms, Vera; Fischer, Agnes; Frei, Marek; Leber, Ute (2010): 20 Jahre deutsche Einheit- Ein Vergleich der west- und ostdeutschen Betriebslandschaft im Krisenjahr 2009, IAB-Forschungsbericht 6, Nürnberg

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Brenke, Karl; Zimmermann,Klaus F. (2009): Ostdeutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall: Was war und ist heute mit der Wirtschaft?, DIW-Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 32-62

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Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (2014): Jahreswirtschaftsbericht 2014. Soziale Marktwirtschaft heute – Impulse für Wachstum und Zusammenhalt, Januar, Berlin

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Hrsg.) (2009): Wirtschaftsdaten Neue Bundesländer, November Bundesregierung (2010): Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit, Berlin

Bundesregierung (2010): 20 Jahre Deutsche Einheit

Deutscher Landkreistag (2014): Pressemitteilung vom 27.2.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2010): 20 Jahre Mauerfall. Eine ökonomische Bilanz, Hintergrundinformationen, Berlin

Frese, Alfons (2010): Der Osten braucht hohe Löhne, Der Tagesspiegel Nr. 20776 vom 23. Oktober IAB-Betriebspanel (jährlich)

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2009): Reifegrad. Der deutsche Arbeitsmarkt 20 Jahre nach dem Mauerfall. Geht die Saat auf? , IAB-Forum 2, Nürnberg

Kloß, M.; Lehmann, R.; Ragnitz, J.; Untiedt, G. /2012): Auswirkungen veränderter Transferzahlungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der ostdeutschen Länder, ifo-Dresden-Studien Nr. 63

Länderberichte der ostdeutschen Länder auf Basis des IAB-Betriebspanels jedes Jahr seit 1996

Leber, F. (2014): Ost und West? Nord und Süd!, Der Tagesspiegel vom 25.4.2014

Lutz,B.,Grünert, H., Ketzmerick, Th., Wiekert, I. (2010): Fachkräftemangel in Ostdeutschland – Konsequenzen für Beschäftigung und Interessenvertretung, Frankfurt/Main, Arbeitsheft 65 der Otto-Brenner-Stiftung

Ragnitz, J. (2009): Ostdeutschland heute: Viel erreicht, viel zu tun. Ifo-Schnelldienst Heft 18, 3 ff. Scheufele, R.,

Ludwig, U. (2009): Der lange Weg der Konvergenz, IWH Halle Wirtschaft im Wandel, 20 Jahre deutsche Einheit, Teil 1, Heft 10

Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie (2012): Zukunft Ost. Analysen, Trends, Handlungsempfehlungen, Studie der Roland Berger Strategy Consultants GmbH, August, Erfurt WSI-Tarifarchiv (2013): Tarifarchiv

Fußnoten

1.
Die SGB II-Quote errechnet sich aus dem Bestand an Personen in Bedarfsgemeinschaften (erwerbsfähige Leistungsberechtigte und nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte) bezogen auf die Bevölkerung im Alter von unter 65 Jahren (Quelle Statistisches Bundesamt). Ab Juli 2013 sind die Quoten vorläufig und beziehen sich auf die Bevölkerungsvorausberechnung zum 31.12.2013.

Jürgen Kühl

Zur Person

Jürgen Kühl

Jürgen Kühl ist Diplom-Volkswirt. Von 1969-1997 war er Mitarbeiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, zuletzt im Bereich Konzept und Aufbau des IAB-Betriebspanels; von 1997-2004 war er Abteilungsleiter im Bereich Arbeit und berufliche Bildung erst im Thüringer Sozial-, dann im Wirtschaftsministerium in Erfurt.


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