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11.12.2017

Debatte: Arbeitsmarkt versus Familienwohl

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Eltern genauso wie für pflegende Familienangehörige eine Herausforderung. Als Antwort darauf wird zum Beispiel das Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche immer weiter ausgebaut – von der Betreuung der unter 3-Jährigen bis zur Ganztagsschule. Aber welche Bedürfnisse haben Familien – vor allem Kinder? Wie lassen sich Arbeit und Familienzeit verbinden? Welche Forderungen kommen aus der Wirtschaft? Zu diesem strittigen Thema hat bpb.de vier Meinungen eingeholt.

Standpunkt Britta Sembach und Susanne Garsoffky: Erwerbsarbeit und intensive Familienzeiten sinnvoll über ein ganzes Leben verteilen



Susanne Garsoffky, Geschäftsführerin der Produktionsfirma Elternhaus Media, und Britta Sembach, Redakteurin, Reporterin und Autorin, zurzeit als Korrespondentin in New York (© Gudrun Senge)

Beim Thema "Vereinbarkeit" fragt nie jemand danach, was eigentlich die Kinder wollen. Sicher, wir haben es mit dem Credo "kleine-Kinder-brauchen-die-Mutter" lange vor allem im Westen des Landes übertrieben. Aber fast genauso extrem ist die heute hoffähig gewordene Maxime: Kinder brauchen nur Betreuung, am besten rund um die Uhr und von wem ist eigentlich egal – Hauptsache, es ist nicht die eigene Mutter. Denn ihre Arbeitskraft und ihre Beiträge in die Sozialkassen werden dringend gebraucht.

Alle Extrempositionen in dieser Debatte führen zu schlechten Ergebnissen. Dabei könnten wir alles haben: Wir könnten Erwerbsarbeit und intensive Familienzeiten viel sinnvoller auf ein ganzes Leben verteilen. Wir müssen endlich anerkennen, dass Care-Arbeit nicht disqualifiziert. Der reine Blick auf ununterbrochenen Erwerb wertet diese wichtige gesellschaftliche Arbeit extrem ab – ein Unding. Auch partnerschaftliche Arrangements helfen in Zeiten, in denen viele Mütter alleinerziehend sind, wenig.

Wir müssen Familienarbeit aufwerten, absichern und flexible Lebensverläufe, Stichwort "späte Karrieren", unterstützen. Eine Politik, die mehr Wirtschafts- denn Familienpolitik ist, ist dabei wenig hilfreich.

Standpunkt Sebastian Heimann: Wir brauchen familiengerechte Arbeitswelten



Sebastian Heimann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbands e.V. (DFV) (© Photo und Design Studio Klam)

Familienleben bedeutet Liebe, Verantwortung, wenig Zeit, Glück und knappe Kasse. Den familiären und beruflichen Ansprüchen gerecht zu werden, ist heute für Viele unmöglich. Während Kinder oder pflegebedürftige Eltern Zeit und Zuwendung brauchen, setzt die Arbeitswelt auf Unverbindlichkeit und Flexibilität. Familie stört da eher.

Wir brauchen dringend familiengerechte Arbeitswelten! Familienarbeit steht Erwerbstätigkeit in nichts nach! Denn für Menschen zu sorgen, kommt der gesamten Gemeinschaft zugute. Unser Sozialversicherungssystem verlässt sich zwar gern auf Nachwuchs, doch Zeit und Geld kosten darf er nicht. Die doppelte Beitragslast tragen allein die Eltern – und obwohl sie Leistungsträger sind, werden sie wie Bittsteller behandelt.

Auch der Ausbau von Krippen und Kitas ist wichtig – doch er darf nicht dazu führen, dass Eltern bei der Betreuung keine Wahl haben. Priorität hat das Kindeswohl, nicht das Bedürfnis des Arbeitsmarktes. Familien sind die Säulen unserer Gemeinschaft und gehören wieder in den Fokus der Politik! Familien verdienen Anerkennung, finanzielle Sicherheit und Arbeitsbedingungen, die einen guten Rahmen bilden und ihnen nicht die Luft abschnüren!

Standpunkt Michael Hüther: Kein Zwang, wo kein Zwang nötig ist



Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Familienbezogene Arbeitszeitwünsche von Mitarbeitern sind den Unternehmen in Deutschland von großer Wichtigkeit – eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit ist an der Tagesordnung. Vorschläge aus der Politik, Regelungen zur Arbeitszeit gerade für Familien per Gesetz zu flexibilisieren, gehören daher grundsätzlich auf den Prüfstand.

Gerade die Umsetzung der 32-Stunden-Woche geht an der wirtschaftlichen Realität vorbei. Allein in der Metall- und Elektroindustrie etwa müssten durch die Veränderungen über 100.000 Vollzeitstellen geschaffen werden. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels schlicht nicht praktikabel. Würden keine entsprechenden Arbeitnehmer gefunden, käme es allein in der Metall- und Elektroindustrie zu einem wirtschaftlichen Schaden von rund 7,5 Milliarden Euro. Das kann nicht das Ziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik sein.

Bundesmittel sollten daher besser in die schlechte Betreuungsinfrastruktur investiert werden, die es jungen Eltern derzeit nicht ermöglicht, in (Vollzeit-)Beschäftigung zurückzukehren. Für unter Dreijährige fehlen beispielsweise noch immer 200.000 Betreuungsplätze. Ein vermehrtes Engagement an dieser Stelle hilft allen und straft niemanden.

Standpunkt Helmut Rainer: Mehr Investitionen für eine qualitative und bedarfsgerechte Bildung



Seit Anfang der 2000-er Jahre verfolgt die deutsche Familienpolitik vier Zielsetzungen: die Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität der Familien, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die frühe Förderung von Kindern und die Erfüllung von Kinderwünschen. Dabei zeigt sich, dass monetäre familienpolitische Leistungen und infrastrukturelle Maßnahmen konträre Wirkungen entfalten. Investitionen in die Kinderbetreuungsinfrastruktur unterstützen die Erfüllung von Erwerbswünschen von Müttern und verbessern damit die wirtschaftliche Situation von Familien. Sie erleichtern die Realisierung von Kinderwünschen und können die Entwicklung von Kindern – vor allem auch benachteiligter – fördern.

Dem widersprechen rein monetäre Leistungen – wie das Kinder- oder das Betreuungsgeld – eher. Sie tragen nicht zur Erfüllung von Erwerbswünschen bei. Stattdessen können sie zu einer Reduktion der Erwerbstätigkeit von Müttern führen, was die Transferleistungen des Staates wieder wettmacht.

Vorhandene finanzielle Mittel sollten in infrastrukturelle Leistungen mit einem höheren Zielerreichungsgrad investiert werden, zum Beispiel in qualitative und bedarfsgerechte Kitaplätze sowie Ganztagsschulen.

Susanne Garsoffky, Britta Sembach, Sebastian Heimann, Michael Hüther, Helmut Rainer

Susanne Garsoffky

Susanne Garsoffky studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Sie war Reporterin bei der Berliner Morgenpost, dann Autorin und Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk, wo sie unter anderem das frauenpolitische Magazin "frauTV" mitgestaltete. Sie ist Geschäftsführerin der Produktionsfirma Elternhaus Media, die unter anderem das Internetprojekt "family unplugged" betreibt. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen.


Britta Sembach

Britta Sembach studierte Politikwissenschaft, Geografie und Portugiesisch. Sie arbeitete als Redakteurin, Reporterin und Autorin für die Nachrichtenagentur Reuters, diverse Printmedien und TV-Sender, darunter WDR und Deutsche Welle. Zurzeit ist sie als Korrespondentin in New York für mehrere deutsche Zeitungen tätig. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Gemeinsam mit Susanne Garsoffky schrieb sie 2014 "Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind" (Pantheon). Im September 2017 erschien das neue Buch der beiden Autorinnen "Der Tiefe Riss. Wie Politik und Wirtschaft Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen" (Pantheon).


Sebastian Heimann

Sebastian Heimann ist Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbands e.V. (DFV). Der gemeinnützige Verband versteht sich als Lobbyorganisation für Familien.


Michael Hüther

Prof. Dr. Michael Hüther ist Wirtschaftsforscher und Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Das Wirtschaftsforschungsinstitut ist ein eingetragener Verein, dessen Mitglieder sich aus Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft zusammensetzt. Zuletzt erschien von dem Autor der Aufsatz "Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in ordnungspolitischer Perspektive" in "Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in Deutschland. Ein Kompendium zur Erschließung eines sich entwickelnden Themenfelds", herausgegeben von Holger Backhaus-Maul, Martin Kunze, Stefan Nährlich, 2018.


Helmut Rainer

Der Familienökonom Helmut Rainer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Außerdem ist er Leiter des ifo Zentrums für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik.


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