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2.4.2018

Debatte: Wer zahlt was? Eltern und Kinderlose in den Sozialversicherungssystemen

Die Rente in Deutschland basiert auf einem Generationenvertrag. Das heißt, die Beiträge der Jüngeren finanzieren die Renten der Älteren. In Zeiten sinkender Geburtenzahlen und steigender Lebenserwartung wird über das Rentensystem diskutiert. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie das Rentensystem in Zukunft funktionieren kann. Diskutiert wird auch, wie gerecht die Beiträge in den Sozialversicherungen zwischen Eltern und Kinderlosen verteilt sind. Ebenso ist die Forderung nach einer Bürgerversicherung Teil der Debatte. bpb.de hat vier Expertinnen und Experten nach ihrer Meinung gefragt.

Standpunkt Kerstin Herrnkind: Es gibt einen Systemfehler – und für den sollen die Kinderlosen jetzt haften



Kerstin Herrnkind, Journalistin und Sachbuchautorin

Es ist Bullshit, die Kinderlosen für den Zusammenbruch des Rentensystems verantwortlich zu machen. Es ist das System, das sich selbst zerstört, weil die deutsche Rentenversicherung nichts anderes ist als ein "sittenwidriges Schneeballsystem", wie der Historiker Götz Aly einmal treffend sagte. Tatsächlich funktioniert das Rentensystem im Prinzip so wie ein Schneeballsystem. Nur dass in diesem Land Teile der arbeitenden Bevölkerung in die Rentenkasse einzahlen müssen, während Beamte und Abgeordnete, die gerne Kinderlose für den drohenden Zusammenbruch des Rentensystems verantwortlich machen, keinen Cent einzahlen. Konrad Adenauer hat dafür gesorgt, dass das Geld, das der Staat jeden Monat von meinem Gehalt für die Rentenversicherung abzweigt, erstmal auf das Konto meiner Eltern und Großeltern geht. "Kinder kriegen die Leute immer", glaubte er. Und weil ich ihm das Spiel verdorben und keine Kinder gekriegt habe, die für mich einzahlen könnten, muss ich jetzt zwar zahlen, soll aber nichts rauskriegen. Wie beim Schneeballsystem. Kinderlose sollen die Zeche zahlen und für einen Systemfehler haften, den sie nicht zu verantworten haben. Oder Vögeln fürs Vaterland, damit die Kasse stimmt.

Standpunkt Jürgen Borchert: Vorsorge? Schleiertänze, die Salome vor Neid erblassen ließen!



Jürgen Borchert, Sozialrichter im Ruhestand. Autor des Buches "Sozialstaats-Dämmerung"

Nach dem 2. Weltkrieg herrschte Hunger bei den Alten. Erlöst wurden sie im Wahljahr 1957 durch den "Generationenvertrag". Ohne je einen Beitrag für das neue System gezahlt zu haben, wurden sie reiche Rentner, über Nacht. Bezahlt wurde das Sterntalermärchen allein von der Nachwuchsgeneration. Wie früher familiär, sorgen Kinder seit 1957 nun sozial für die Alten. Wären auch die Lasten der Kinder sozialisiert, wäre das gerecht. Tatsächlich erhalten Kinderlose ihre Altersvorsorge seitdem aber gratis – auf Kosten der Eltern! Verhüllt wird dieser soziale Skandal durch die Versicherungsterminologie, welche den Geldbeitrag für die Alten, also in Richtung Vergangenheit, als "Vorsorge" definiert: Schleiertänze, die Salome vor Neid erblassen ließen. Denn "versichern" kann man nur Ausnahmen von der sozialen Norm. Anders als bei Bismarcks Rentenversicherung ist das Erreichen des Rentenalters heute der Normalfall. Wer nun versucht, mit juristischen Fiktionen die Transferflüsse bergauf zu lenken, erlebt, dass in der Realität alles den Bach runtergeht. Denn weniger Geburten und Bildung, mitverursacht durch die doppelte Belastung von Eltern, bringen das Sozialsystem zum Einsturz.

Standpunkt Katharina Lotter: Kinder sind nicht Mittel zum Zweck



Katharina Lotter, Journalistin und Wirtschaftsjuristin (© Sarah-Esther Paulus)

1962 kamen sechs Erwerbstätige auf einen Altersrentner, 2015 waren es nur noch zwei. Unser Rentensystem passt nicht mehr in die Zeit. Und die naheliegende Lösung – "mehr Kinder braucht das Land" – ist in Wahrheit keine. Heute ist die Entscheidung für Kinder zutiefst privat, das Wohlergehen unseres Gemeinwesens ist keine Motivation zur Gründung einer Familie. Und das ist gut so. Denn Kinder sind nicht Mittel zum Zweck. Sie sind kleine Menschen mit dem Recht darauf, in Freiheit aufzuwachsen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. "Kinder kriegen die Leute immer" – dieser Satz Adenauers, mit dem er ein vermeintliches Naturgesetz des Sozialstaats definierte, stimmt eben nicht. Und deshalb dürfen wir das Wohl unserer Rentner auch nicht mehr an die Geburtenrate in unserem Land koppeln. "Wir ziehen schließlich die Rentenzahler von morgen groß" – dieser Satz bekommt eine immer größere Sprengkraft, je weniger Kinder in Deutschland zur Welt kommen. Er führt dazu, dass Eltern ein überholtes System legitimieren. Er verhindert, dass wir mutig über Alternativen – und nicht nur Anpassungen – diskutieren. Und er lässt die Last, die wir den nächsten Generationen aufbürden, weiter wachsen.

Standpunkt Martin Werding: Beitragszahlungen und Erziehungsleistungen in der Sozialversicherung neu austarieren



Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum

Wer Sozialbeiträge zahlt, sorgt für das Alter vor – juristisch stimmt das, ökonomisch nicht. Die Beiträge werden benötigt, und zwar dringend, um laufende Renten sowie höhere Gesundheitskosten und Pflege Älterer zu zahlen. Altersvorsorge besteht in Umlagesystemen darin, zukünftige Beitragszahler zu erziehen und möglichst gut auszubilden. Daran beteiligen sich in Deutschland zwar alle Bürger, aber die Lasten sind ungleich verteilt. Wer kein oder ein Kind erzieht, hat in der aktiven Lebensphase tendenziell einen höheren Lebensstandard und bekommt im Alter Leistungen, die ganz oder teilweise von den Kindern anderer finanziert werden. Erziehungszeiten bei der Rente anzurechnen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Meist schließt es aber nicht einmal die Lücken, die Erwerbspausen und Teilzeitarbeit in den Rentenbiographien von Erziehungspersonen erzeugen. Um solche Ungleichheiten zu verringern, müssen die Rollen von finanziellen Beiträgen und Kindererziehung in den Sozialversicherungen neu austariert werden. Das Problem entsteht in diesen Systemen und sollte auch dort gelöst werden, auch wenn oder gerade weil sie im demografischen Wandel vor weiteren großen Herausforderungen stehen.

Kerstin Herrnkind, Jürgen Borchert, Katharina Lotter, Martin Werding

Kerstin Herrnkind

Die Journalistin Kerstin Herrnkind ist seit 1999 Reporterin beim "Stern". 2016 wurde sie mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. 2017 erschien ihr Buch: "Vögeln fürs Vaterland? Nein danke! – Bekenntnisse einer Kinderlosen."


Jürgen Borchert

Jürgen Borchert, Sozialrichter im Ruhestand, streitet für Familiengerechtigkeit beim Bundesverfassungsgericht. Er ist Autor des Buches "Sozialstaats-Dämmerung" (Goldmann-Verlag, 2014).


Katharina Lotter

Katharina Lotter ist Diplom-Wirtschaftsjuristin (FH) und freie Journalistin. Im Krisenjahr 2008 kündigte sie ihren sicheren Job in einer Unternehmensberatung, um als Journalistin einem breiteren Publikum Lust auf Wirtschaft zu machen. Denn Ökonomie, findet sie, ist zu wichtig, um sie allein den Spezialisten zu überlassen.


Martin Werding

Martin Werding ist Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum.


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