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1.3.2012

Hausarztzentrierte Versorgung

Die hausarztzentrierte Versorgung ist eine Form der medizinischen Versorgung, in der eine Hausärztin/ein Hausarzt als erste Anlaufstelle der Patientin/des Patienten dient und als Lotse der Patientin/des Patienten alle weiteren Behandlungsschritte koordiniert. Auf diese Weise soll die Qualität der Versorgung verbessert werden, und es sollen möglichst auch medizinische Behandlungskosten gespart werden. Diese Koordinierungstätigkeit ist umso notwendiger, als die Zahl der Spezialistinnen und Spezialisten, die an der Versorgung eines Kranken beteiligt sind, aufgrund der Ausdifferenzierung medizinischen Wissens steigt und angesichts des demografischen Wandels die Anzahl der multimorbiden Menschen zunehmen dürfte.

Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz verpflichtete der Gesetzgeber die Krankenkassen, "zur Sicherstellung der hausarztzentrierten Versorgung mit besonders qualifizierten Hausärzten Verträge zu schließen" (§ 73b Abs. 2 SGB V). Die Qualität der hausarztzentrierten Versorgung soll noch über die allgemeine hausärztliche Versorgung hinausgehen. Zu den Anforderungen zählen zum Beispiel die Teilnahme von Ärztinnen und Ärzten an strukturierten Qualitätszirkeln zur Arzneimitteltherapie, die Behandlung nach evidenzbasierten, praxiserprobten Leitlinien und der Aufbau eines auf die besonderen Bedingungen einer Hausarztpraxis zugeschnittenen einrichtungsinternen Qualitätsmanagements.

Während der Abschluss von Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung für Krankenkassen verpflichtend ist, ist die Beteiligung an diesem Versorgungstyp für die Versicherten freiwillig. Wenn sie sich für die Teilnahme entscheiden, so müssen sie dies schriftlich gegenüber ihrer Krankenkasse erklären. Eine Teilnahme bedeutet für sie, dass ambulante fachärztliche Leistungen nur nach Überweisung durch eine Hausärztin/einen Hausarzt in Anspruch genommen werden können (§ 73b Abs. 1 SGB V). Die Versicherte/der Versicherte ist an diese Verpflichtung und an die Wahl seiner Hausärztin/seines Hausarztes für ein Jahr gebunden. Die Krankenkasse kann für Versicherte, die sich an der hausarztzentrierten Versorgung beteiligen, die Beitragssätze oder die Zuzahlungen reduzieren. Dabei müssen diese Boni mittelfristig durch Einsparungen oder Effizienzsteigerungen refinanziert werden (§ 65a Abs. 2 und 4 SGB V). Für Hausärztinnen und Hausärzte besteht der Anreiz zur Teilnahme an der hausarztzentrierten Versorgung darin, dass sie für ihre Leistungen eine höhere Vergütung erhalten. Die Bestimmungen zur hausarztzentrierten Versorgung sind Teil des Versuchs, die hausärztliche Versorgung, die in Deutschland seit vielen Jahren durch einen schleichenden Bedeutungsverlust gekennzeichnet ist, zu stärken.

Weil zahlreiche Krankenkassen Hausarztverträge ablehnen, hat der Gesetzgeber die Krankenkassen ausdrücklich verpflichtet, bis zum 30. Juni 2009 solche Verträge abzuschließen. Vertragspartner der Krankenkassen können die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs), Gemeinschaften von Hausärztinnen und Hausärzten oder auch einzelne Hausärztinnen und Hausärzte sein. Dabei müssen Verträge mit einer Gemeinschaft von Hausärztinnen und Hausärzten geschlossen werden, die mehr als die Hälfte der Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin in einer KV-Region vertritt. Für den Fall der Nichteinigung zwischen Krankenkassen und Ärzteschaft hat der Gesetzgeber die Anrufung von Schiedsämtern ermöglicht. Auf diese Weise können die betreffenden Ärztegemeinschaften einen Vertrag mit einer Krankenkasse erzwingen. Diese Bestimmungen haben dazu geführt, dass der Deutsche Hausärzteverband e. V. als Vertragspartner erheblich gestärkt wurde und für Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung erhebliche Honorarsteigerungen für die Hausärztinnen und Hausärzte durchsetzen konnte. An diesen hohen Vergütungen stören sich zahlreiche Krankenkassen. Sie wurden zum Anknüpfungspunkt für Einsparbemühungen in der Debatte um die Gesundheitsreform 2011.

Hausarztzentrierte Versorgungsverträge werden kontrovers beurteilt. Während die einen den Nutzen für die Patientinnen und Patienten hervorheben und die hohen Kosten kritisieren, betonen die anderen den Qualitätsgewinn und die Rationalisierungspotenziale der hausarztzentrierten Versorgung.

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