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1.3.2012

Medizinische Versorgung im ländlichen Raum

In zahlreichen ländlich strukturierten Gebieten ist ein Ärztemangel festzustellen. Das betrifft vor allem die neuen Bundesländer, aber auch in den alten Bundesländern macht sich dieses Problem bereits bemerkbar. Insbesondere der Mangel an Hausärztinnen und -ärzten ist groß. In den kommenden Jahrzehnten dürfte sich die Situation aller Voraussicht nach weiter verschlechtern. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Soziodemografischer Wandel, Strukturschwächen des Gesundheitswesens und Mängel in der Steuerung des Versorgungssystems greifen ineinander.

Folgende Entwicklungen haben maßgeblich zu den Problemen beigetragen:
  1. In der Vergangenheit sind viele Menschen jüngeren und mittleren Alters aus ländlichen Gebieten abgewandert. Gleichzeitig rücken die geburtenstarken Jahrgänge nun in höhere Altersgruppen vor. Sinkende Bevölkerungszahlen, ein steigender Altenanteil und eine in der Folge rückläufige Geburtenrate führen in einem Teufelskreis zu einem weiteren Bevölkerungsrückgang. Dieser Prozess wird sich weiter fortsetzen.
  2. Der demografische Wandel macht sich nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Ärzteschaft bemerkbar. Knapp 20 Prozent der Vertragsärztinnen und -ärzte waren im Jahr 2009 60 Jahre oder älter, das Durchschnittsalter betrug 2012 laut Bundesärztekammer52,8 Jahre. Ein erheblicher Teil der Ärztinnen und Ärzte wird in den nächsten Jahren also aus dem Berufsleben ausscheiden. Überdurchschnittlich häufig betrifft dies Landärztinnen und -ärzte, bei denen der Altersdurchschnitt besonders hoch ist.
  3. Gleichzeitig ist in der Vergangenheit der Anteil der Medizinerinnen und Mediziner gesunken, die sich für eine Weiterbildung zur Fachärztin/zum Facharzt für Allgemeinmedizin und für eine Tätigkeit als Hausärztin beziehungsweise Hausarzt entscheiden. Gerade Hausärztinnen und Hausärzte sind für die Gewährleistung der Versorgung auf dem Land aber von besonderer Bedeutung.
  4. Für den Rückgang des Hausarztanteils gibt es unterschiedliche Gründe. Von besonderer Bedeutung sind die unterdurchschnittlichen Einkommen der Hausärztinnen und -ärzte. Dies gilt erst recht für Landärztinnen und -ärzte, denn diese haben wegen des geringen Anteils von Privatpatientinnen und -patienten auf dem Land weit geringere Möglichkeiten, ihre Einnahmen durch privatärztliche Tätigkeiten zu erhöhen. Zudem ist für viele junge Medizinerinnen und Mediziner das Leben auf dem Land wenig attraktiv.
  5. Die kassenärztliche Bedarfsplanung hat es nicht verstanden, eine regional ausgewogene Verteilung von Ärztinnen und Ärzten zu gewährleisten. Der im Zusammenhang mit den Versorgungsproblemen im ländlichen Raum häufig verwendete Begriff des "Ärztemangels" ist unzutreffend. Deutschland weist vielmehr eine im internationalen Vergleich sehr hohe Arztdichte auf. Es existiert ein Nebeneinander von Überversorgung in den städtischen Zentren und Unterversorgung in ländlichen Räumen.
Tipp

Künftige Bevölkerungsdynamik

Veränderung der Bevölkerungszahl 2005 bis 2025 in Prozent

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Ebenso vielschichtig wie die Ursachen sind die sich aus der entstandenen Situation ergebenden Probleme sowie die Ansatzpunkte zu ihrer Lösung. Mittlerweile existiert eine kaum noch zu überblickende Vielfalt an Initiativen, Vorschlägen und Maßnahmen, an denen Bund, Länder, Landkreise, Kommunen, Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen beteiligt sind.

Zum einen zielen eine Reihe von Maßnahmen darauf, formale Hürden für die ärztliche Tätigkeit in ländlichen Regionen zu beseitigen. So hat der Bundesgesetzgeber die 1992 beschlossene Altersgrenze für die vertragsärztliche Tätigkeit für Ärztinnen und Ärzte in unterversorgten Zulassungsbezirken aufgehoben und die Anstellung von Ärztinnen und Ärzten durch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen erleichtert.

Zum anderen versuchen Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen – zum Teil aber auch Kommunen und Länder –, finanzielle Anreize für die Aufnahme ärztlicher Tätigkeit in dünn besiedelten Regionen zu schaffen. Dabei gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. Kassenärztliche Vereinigungen versuchen, über den Honorarverteilungsmaßstab für eine verbesserte Vergütung von Landärztinnen und -ärzten zu sorgen, oder unterstützen – ebenso wie manche Kommunen – Ärztinnen und Ärzte finanziell bei der Praxisübernahme oder -einrichtung. Einzelne Länder (zum Beispiel Sachsen-Anhalt) oder Landkreise gewähren Studierenden der Medizin, die sich bereit erklären, später als Ärztin/Arzt dort tätig zu sein, ein Stipendium oder ein Darlehen zur Finanzierung des Studiums.

Allerdings sind derartigen Aktivitäten auch enge Grenzen gesetzt. Die Haushaltssituation bei Ländern und Kommunen lässt in der Regel ein größeres finanzielles Engagement nicht zu. Eine durchgreifende Anhebung der Landarzthonorare stößt auf den Widerstand anderer Arztgruppen.

Über die Wirksamkeit der bisher ergriffenen Maßnahmen ist bisher wenig bekannt, weil es an systematischen Evaluationen mangelt.
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