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1.3.2012

Zuzahlungen

Zuzahlungen sind von den Patientinnen und Patienten zu entrichtende Beteiligungen an den individuellen Behandlungskosten. Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Kostendämpfungspolitik und in dem Bestreben, die Arbeitgeber von Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung zu entlasten, nach und nach angehoben worden. Die heute geltenden Regelungen sind im Wesentlichen mit dem 2003 verabschiedeten GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) geschaffen worden.

Das GMG führte neue Zuzahlungen (Praxisgebühr, häusliche Krankenpflege) ein und erhöhte bestehende Zuzahlungen zum Teil drastisch. Die Zuzahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung orientieren sich nunmehr an dem Richtwert von zehn Prozent der Kosten, wobei für jede einzelne Leistung mindestens fünf Euro (aber maximal der jeweilige Preis) und höchstens zehn Euro zuzuzahlen sind.

Gesetzliche Sozial- und Überforderungsklauseln begrenzen in gewissem Maße die Höhe der individuellen Zuzahlungen: Die Versicherten haben das Erreichen der Belastungsgrenze gegenüber ihrer Krankenkasse durch das Einreichen der Zahlungsbelege nachzuweisen und die Zuzahlungsbefreiung zu beantragen. Sind die Voraussetzungen erfüllt, so hat die Krankenkasse der/dem Versicherten eine entsprechende Bescheinigung auszustellen. Chronisch Kranke müssen zudem die Dauerbehandlung gegenüber ihrer Krankenkasse jeweils spätestens nach dem Ablauf eines Kalenderjahres nachweisen.

Die Befreiungsregelungen des GMG stellten eine Verschlechterung gegenüber zuvor geltenden Regelungen dar. Zudem entfiel mit dem GMG die zuvor geltende vollständige Zuzahlungsbefreiung für sozial Schwache, also solche Personen, die eine bestimmte Bruttoeinkommensgrenze unterschreiten oder bestimmte staatliche Fürsorgeleistungen empfangen.

Befürworter von Zuzahlungen argumentieren, dass damit ein gesundheitsbewusstes Verhalten und eine verantwortungsvolle Inanspruchnahme von Leistungen gefördert würden. Dass Zuzahlungen einen solchen Effekt haben, konnte bisher empirisch nicht nachgewiesen werden. Der vorliegende Wissensbestand über die Einflussfaktoren auf das Gesundheitsverhalten spricht allerdings gegen diese Auffassung. Es deutet nichts daraufhin, dass gesundheitsschädliche Lebensgewohnheiten aus finanziellen Motiven aufgegeben werden, zumal das Eintreten einer Erkrankung als Folge solcher Handlungen ein lediglich mögliches Ereignis in der Zukunft ist.

Überdies unterliegt der vermutlich größte Teil der gesundheitsrelevanten Einflussfaktoren (Arbeits-, Umwelt- und soziale Lebensbedingungen) nicht oder kaum dem Einfluss der betroffenen Personen.

Die Gefahr, dass Versicherte, die individuell nicht an ihren Behandlungskosten beteiligt werden, zu einer übermäßigen Inanspruchnahme von Leistungen neigen ("moral hazard"), ist bei chronischen beziehungsweise schweren Erkrankungen oder risikoreichen Operationen ohnehin nicht gegeben. Allenfalls könnte man sie bei Bagatellerkrankungen vermuten, aber auch hier ist die Inanspruchnahme von Leistungen in aller Regel mit Eingriffen in den Tagesablauf und anderen Unannehmlichkeiten verbunden.

Zuzahlungen haben vor allem dann einen Einfluss auf die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, wenn sie für die Patientinnen und Patienten finanziell schmerzhaft spürbar sind. In diesem Fall treffen sie aber insbesondere sozial schwache Bevölkerungsschichten. Darüber hinaus bergen sie die Gefahr, dass medizinisch notwendige Behandlungen aus finanziellen Gründen unterbleiben oder verzögert werden. Schließlich werden durch Zuzahlungen Kranke und vor allem chronisch Kranke finanziell überproportional belasten.


Zuzahlungsregelungen: Infoblatt des Bundesministeriums für Gesundheit
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