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29.4.2016

Leben die Alten auf Kosten der Jungen – ein drohender Generationenkonflikt?

Wird die ins Erwerbsleben nachrückende jüngere Generation in Zukunft überlastet, weil die Älteren einen immer größeren Anteil vom gesamtwirtschaftlichen Einkommen verlangen und kommt es dadurch zu einem "Generationenkonflikt"? Oder wird nur Angst geschürt, um die Legitimation der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) zu untergraben.

In der Wissenschaft wie in der Politik wird zunehmend betont, dass im demografischen Wandel nicht nur Risiken stecken, sondern auch Chancen. (© Iakov Filimonov/shutterstock.com )


Der demografische Wandel wirkt weit über das Rentensystem hinaus. Kein Lebens-/Politikbereich bleibt davon unberührt. Das gilt von veränderten Konsummustern bei einem höheren Anteil Älterer in der Bevölkerung (ähnlich: Wohnbedarfe, Infrastrukturbedarfe, Verkehrsverhalten etc.), reicht über ähnlich zum Rentenaspekt gelagerten Veränderungen in der Kranken- und Pflegeversicherung bis hin zu deutlichen Veränderungen bzw. Veränderungsnotwendigkeiten am Arbeitsmarkt und in den Betrieben.

In der Wissenschaft wie in der Politik wird zunehmend betont, dass im demografischen Wandel nicht nur Risiken und Probleme stecken, sondern auch Chancen. Gerade im vorliegenden Zusammenhang besteht demgegenüber eine große Gefahr darin, dass die Solidarität der Generationen und die im Prinzip hohe, aber fragile Akzeptanz, die das System der sozialen Sicherung und auch die Gesetzliche Rentenversicherung in allen Altersgruppen hat, leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird. So kann z. B. insgesamt "… festgestellt werden, dass von einer grundlegenden kulturellen Wende in der Bevölkerung, in der die Verantwortung des Einzelnen für die Absicherung sozialer Risiken höher geschätzt wird als die kollektive staatliche Daseinsvorsorge, nicht die Rede sein kann. Zwar wird "Eigenverantwortung" von weiten Teilen der Bevölkerung grundsätzlich akzeptiert, dies bedeutet aber nicht, dass die Zuständigkeit des Staates für die soziale Sicherung in Frage gestellt wird"[1].

Diese Zustimmung zum Generationenvertrag wird gefährdet, wenn z. B. ein völlig verzerrtes Bild von der in Wirklichkeit nicht schlechten, aber auch nicht berauschenden wirtschaftlichen und sozialen Situation "der" Älteren gezeichnet wird und der hohe Anteil von Beziehern niedriger Renten und Alterseinkommen (vgl. Alterseinkommen und Altersarmut, Aspekte der Lebenslagen Älterer) einfach ausgeklammert wird (vgl. Kasten). Gleichermaßen gefährlich ist es, wenn – ausgerechnet – so genannte Finanzberater einen Generationenkonflikt anzündeln und ihre Werbeschriften für die Drückerarbeit der privaten Alterssicherung mit Titeln versehen wie "Die gierige Generation. Wie die Alten auf Kosten der Jungen abkassieren"[2].

Gefährliche Zerrbilder der Wirklichkeit

"Noch partizipieren die Alten an der Fun-Gesellschaft. Heerscharen von Rentnern lassen sich, finanziert vom deutschen Umlagesystem, von Luxuslinern durch die Weltmeere schaukeln und von Jet-Clippern zu den entlegendsten Stränden dieser Erde transportieren. Das wohl großzügigste Rentensystem der gesamten Welt hat Deutschland zu Weltmeistern beim Tourismus gemacht und eine atemberaubende Infrastruktur mit Seebädern und Vergnügungsvierteln auf Mallorca, den Kanaren und vielen anderen Inseln der Welt geschaffen. Kaum irgendwo sonst wird den Aktiven so viel von ihrem Arbeitseinkommen weggenommen, wie es in Deutschland geschieht, um den Alten ein auskömmliches Transfereinkommen zu sichern".

Sinn (2005), S. 54.

Es muss also hinterfragt werden, ob die Diagnose eines neuen, am Generationenverhältnis festgemachten Verteilungskonfliktes tatsächlich zutreffend ist. Geht es den Älteren im Vergleich zu den Jungen zu gut? Leben auf längere Frist betrachtet die Alten auf Kosten der Jungen?

Generationen als Altersgruppen

Unter "Generationen" kann Unterschiedliches verstanden werden: Der Begriff der Generationen stellt zum einen auf das Wechselverhältnis von Altersgruppen ab, die durch die Leistungs- und Finanzierungsströme des Sozialstaats miteinander verbunden sind. Abgrenzungskriterium ist die am Lebenslauf festgemachte Beteiligung bzw. Nicht-Beteiligung am Arbeitsmarkt und die Bestreitung des Lebensunterhalts entweder durch Erwerbseinkommen oder durch sozialpolitische Transfers: Während die mittlere, im Arbeitsleben stehende und (hauptsächlich) von ihrem Erwerbseinkommen lebende Generation mit ihren Beiträgen für die Sozialsysteme aufkommt und dadurch eine entsprechende Minderung des verfügbaren Einkommens erfährt, aber durch die Beitragszahlung zugleich auch Ansprüche auf spätere Zahlungen erwirbt, zählt die ältere Generation, die die aktive Phase verlassen hat und sich im Ruhestand befindet, zu den Leistungsempfängern im Sozialstaat.

Am anderen Ende des Generationenverbundes steht die junge Generation: Kinder und Jugendliche gehören ebenfalls zu den Leistungsempfängern, wobei im Unterschied zu den Älteren ihr Lebensunterhalt vorrangig durch private, familiäre Übertragungen und erst ergänzend durch öffentliche Transfers (Kindergeld, Kinderfreibeträge, Ausbildungsförderung, Grundsicherung, Kinderzuschlag, Aufstockungen beim Arbeitslosengeld und Wohngeld, Waisenrenten usw. usf.) sichergestellt wird. Von größerer Bedeutung sind hier die Realtransfers wie Tagestätten für Kinder, Kinder- und Jugendhilfe und Bildungseinrichtungen aller Stufen. In der zeitlichen Abfolge übernimmt diese Generation, wenn sie ihre Ausbildung beendet hat und in den Arbeitsmarkt eintritt, die Aufgabe, die dann aus dem Erwerbsleben ausgeschiedene "neue" ältere Generation zu alimentieren. Dieser Zusammenhang wird in der deutschen Debatte als "Generationenvertrag" bezeichnet. Der nicht juristisch zu verstehende "Vertrag" zwischen den Generationen postuliert nicht allein eine Reziprozitätsnorm, sondern ist die zwingende Konsequenz einer umlagefinanzierten Alterssicherung, die zu einer intertemporalen Einkommensumschichtung zwischen den Generationen führt.

Allerdings begrenzt sich Sozialpolitik nicht auf diese Umverteilung, die - vermittelt über die Beteiligung am Arbeitsmarkt bzw. über den Ausstieg aus der Berufstätigkeit – das entscheidende Kriterium für die Bestimmung der Empfänger und Finanziers von Sozialleistungen darstellt. Leistungsempfänger sind gleichermaßen auch Personen bzw. Haushalte im Erwerbsalter. Die Bandbreite dieser interpersonellen und damit intragenerationalen Umverteilung wird deutlich, wenn man u.a. an die Leistungen der Krankenversicherung/des Gesundheitssystems, der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsmarktpolitik, der Grundsicherung (ALGI), besonderer Transfers (wie Kindergeld, Wohngeld, Elterngeld) denkt.

Allerdings sind die Grenzen zwischen Leistungsempfängern und Zahlenden nicht so eng, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Leistungsempfänger, und damit auch die Rentner, sind über die Verbrauchsteuern, die sie als Konsumenten zu zahlen haben, an der Finanzierung der (sozial)staatlichen Ausgaben mitbeteiligt. Zu berücksichtigen ist zudem, dass die Renten im Prinzip steuerpflichtig sind und durch Beiträge an die Kranken- und Pflegeversicherung belastet werden.

Analysiert man nun die Einkommenslagen der sozialstaatlichen Altersgruppen, zeigt sich, dass bei den 50- bis unter 65-Jährigen als auch in der älteren Generation der Kreis der Einkommensarmen in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen ist. Aus den Armutsanalysen wissen wir, dass das Risiko eines unzureichenden Einkommens bis hin zur Armut neben dem Familienstand vor allem abhängig ist von der Stellung im Erwerbsleben: Langzeitarbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Niedriglöhne, gesundheitsbelastende Arbeitsbedingungen, die zur Erwerbsminderung führen, diskontinuierliche Erwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit und Minijobs − all dies sind Faktoren und Konstellationen, die die Einkommenssituation kritisch werden lassen. Diese erwerbsbezogenen Risiken wirken sich in der Erwerbs- wie in der Altersphase aus, sie gefährden zunächst die Einkommensverhältnisse in der mittleren Generation und übertragen sich dann auch auf die Einkommenssituation im Alter. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, deren günstige Erwerbsposition sich zugleich in einem hohen Erwerbs- und späteren Alterseinkommen niederschlägt.

Diese Disproportionen weisen auf ein Verteilungsproblem innerhalb der Altersgruppen hin, das durch den Blick auf Unterschiede zwischen den Altersgruppen unbeachtet bleibt. Mit fehlender Gerechtigkeit zwischen den Generationen können die Spaltungen innerhalb der Generationen nicht begründet werden, denn der Verteilungskonflikt macht sich nicht an der Unterscheidung zwischen Jung und Alt, sondern an den "traditionellen" sozial-ökonomischen Scheidelinien fest. Beim Vergleich der Einkommensverhältnisse der älteren mit der mittleren Generation dürfen deshalb auch nicht "Äpfel und Birnen" einander gegenübergestellt werden, also beispielsweise die Altersrente eines zuvor gut verdienenden und langjährig versicherten Angestellten mit dem Arbeitsentgelt einer teilzeitbeschäftigten alleinerziehenden Mutter. Eine derartige Gegenüberstellung nährt den Eindruck, dass die Älteren die Jungen "ausplündern", ohne zu erwähnen, dass es auch bei den Alten schlecht gestellte und bei den Jungen gut gestellte Haushalte gibt und dass sich die Unterversorgungskonstellationen in der Altersphase aus den vorgelagerten schlechten Einkommensverhältnissen in der Erwerbsphase ableiten.

Sozialstaatliche Generationen als Kohorten

Die im Generationenvertrag angelegte und mit der Umlagefinanzierung zwingend verbundene Generationenfolge weist darauf hin, dass nicht nur ein Zeitpunkt analysiert werden kann, sondern auch der Zeitverlauf von Bedeutung ist. Wechselt man also von der statischen Querschnitt- in eine Längsschnittanalyse und überprüft, wie sich das Verhältnis der Generationenim Zeitverlauf entwickelt hat und − wichtiger noch − entwickeln wird, wechselt auch der Generationenbegriff. Statt der Altersgruppen kommen Kohorten bzw. Geburtsjahrgänge ins Blickfeld. Bei einer solchen Analyse über die Zeit hinweg interessiert das Problem, ob aufeinander folgende, historisch unterschiedlich situierte Jahrgangsgruppen durch die Sozialpolitik gleich behandelt werden, also eine vergleichbare sozialstaatliche Leistungsbilanz von Leistung und Gegenleistungen aufzuweisen haben. Oder aber sind − wie befürchtet − die Jahrgangsgruppen, die jetzt als Erwerbstätige Beiträge zahlen, gegenüber den Jahrgangsgruppen, die sich in der Altersphase befinden, benachteiligt? Müssen die zunehmend schwächer besetzten Kohorten, die in die Erwerbstätigkeit und Beitragspflicht nachrückenden, immer mehr zahlen, obwohl sie im späteren Alter dann weniger Rente erhalten als ihre Vorgängerkohorten?

Der Tatbestand, dass die nachrückenden Jahrgänge unter dem Druck der Verschiebung der Relation von Beitragszahlern und Leistungsempfängern (Rentnerquotient) stärker als die vorhergehenden Jahrgänge belastet werden, lässt sich nicht wegdiskutieren. So gesehen finden die jeweils jüngeren Geburtsjahrgänge schlechtere Bedingungen vor als ihre Vorgängerkohorten, ihre "Generationenbilanz" fällt ungünstiger aus. Dennoch ist es verfehlt, daraus eine Benachteiligung abzuleiten:
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Fußnoten

1.
Krömmelbein u. a. 2007, S. 95 f.
2.
Klöckner 2005.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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