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20.5.2009

Wahlforschung

Kanzler-Bonus, Elbe-Flut oder Wirtschaftskompetenz: Wie entscheiden Wählerinnen und Wähler eigentlich wirklich, wem sie ihre Stimme geben? Meinungsforschung ist aus der aus Politik nicht mehr wegzudenken - und ihre Ergebnisse sind längst selbst Faktor der Meinungsbildung geworden. Doch ihre Wirkung auf die Politik und den Ausgang von Wahlen ist umstritten.

Stimmzettel zur Bundestagswahl 2009 (© Susanne Müller)

Wie wählen die Deutschen? Wovon hängt die Höhe der Wahlbeteiligung ab? Warum geben sie ihre Stimme für eine bestimmte Partei ab? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die international vergleichende empirische Wahlforschung. Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen und des öffentlichen Interesses stehen daher – neben dem am Wahlabend auszählbaren Ergebnis – vor allem auch die vorausgegangenen Meinungsbildungsprozesse sowie die längerfristigen Verschiebungen auf dem Wählermarkt. Die Wahlforschung untersucht alle individuellen und gruppenspezifischen Faktoren, die nachweislich Einfluss auf die Herausbildung der Wahlentscheidung nehmen.


Da das jeweils geltende Wahlrecht eine direkte Beobachtung der persönlichen Stimmenabgabe ausschließt (geheime Wahl), ist die Wahlforschung methodisch auf das Instrumentarium des wissenschaftlichen Indizienbeweises angewiesen: Tragfähige theoretische Erklärungsmodelle leiten das jeweils konkrete Wahlergebnis aus einer Anzahl ursächlich vorgelagerter Faktoren ab. Nach mehreren Jahrzehnten intensiver Forschungsarbeit ist der internationale Kenntnisstand über die Faktoren von Wahlentscheidungen inzwischen recht hoch.

Im Wesentlichen lassen sich vier verschiedene Betrachtungs- und Untersuchungsperspektiven unterscheiden: Dieser erste Überblick verdeutlicht bereits grundlegende Unterschiede zwischen den vier Erklärungsansätzen. Der soziologische Ansatz konzentriert sich auf Einflüsse der Umwelt, der individualpsychologische stellt den individuellen Entscheidungsprozess in den Mittelpunkt der Analyse. Auf eher längerfristige oder emotional stabilere Beziehungen zwischen Parteien und ihrer Wählerschaft heben der soziologische und der individualpsychologische Ansatz ab, während das Modell des rationalen Wahlverhaltens besonders kurzfristige, situative Bestimmungsgründe und Imagekomponenten der Wahlentscheidung betont. Das Modell der sozialen Milieus konzentriert sich auf fundamentale Wertorientierungen.

Dass es verschiedene Vorgehens- und Betrachtungsweisen gibt, ist keineswegs ein besonderes oder gar ausschließliches Kennzeichen der Wahlforschung, es kann vielmehr generell als ein wesentliches Merkmal (sozial-)wissenschaftlicher Theoriebildung angesehen werden. Entsprechende Modelle beschränken sich grundsätzlich auf einen begrenzten, fest umrissenen Ausschnitt aus der mannigfaltigen Wirklichkeit. Die im Rahmen dieser Modelle theoretisch unterstellten Abhängigkeiten zwischen den Variablen lassen sich dann empirisch auf ihre Relevanz hin überprüfen. Auf diese Weise schließen sich die verschiedenen Erklärungsansätze des Wahlverhaltens auch gegenseitig nicht aus, sondern sie ergänzen sich vielmehr bei der Analyse der komplexen Wahlentscheidungsprozesse.

Prognosen, Hochrechnungen, Umfragen



Die empirische Wahlforschung hat eine Reihe von Methoden entwickelt, um die Wahlabsicht sowie die tatsächliche Wahl am Wahlsonntag kurzfristig ermitteln zu können. Zu unterscheiden sind hierbei erstens Umfragen vor dem Wahltermin, zweitens die Prognose am Wahlabend um 18 Uhr sowie drittens die Hochrechnungen des tatsächlichen Abstimmungsverhaltens.

Im Vorfeld überregionaler Wahlen geben bei den Meinungsforschungsinstituten u.a. Parteien und Medien Umfragen in Auftrag, um aktuelle Stimmungsbilder von den Wahlabsichten zu erhalten. Umfrageergebnisse beruhen je nach Kostenrahmen auf 1.000 bis 2.000 repräsentativ ausgewählten Befragten. Deren Auswahl erfolgt nach der Zufalls- oder (seltener) nach der Quotenauswahl. Die Befragten werden entweder telefonisch, persönlich ("face to face") oder schriftlich (durch Anschreiben) befragt. Für aktuelle Stimmungsbilder genügen etwa 800 bis 1.200 Personen, die telefonisch über ihre Wahlabsicht Auskunft geben.

Es ist wichtig, die methodischen Besonderheiten von Umfragen zu kennen. Sie messen immer nur aktuelle Verhaltensabsichten. Zudem unterliegen die Ergebnisse den statistischen Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Fehlertoleranz beträgt je nach Umfang und Methode der Erhebung etwa zwischen zwei und vier Prozent.

Die Wahlprognosen, die von den Meinungsforschungsinstituten mit der Schließung der Wahllokale um 18 Uhr im Fernsehen verkündet werden, beruhen auf exit polls, das heißt auf Befragungen, die während des gesamten Wahltags direkt vor repräsentativ ausgesuchten Wahllokalen durchgeführt werden.

Die Meinungsforschungsinstitute betreiben einen hohen Aufwand, um ihre Leistungsfähigkeit immer wieder öffentlich unter Beweis zu stellen. Die das Wahllokal verlassenden Personen bzw. ein zufällig ausgewählter Teil davon werden beim Wahlprognoseverfahren gebeten, noch einmal ihre Stimme für die Urne des Meinungsforschungsinstituts abzugeben. Zudem werden sozialstatistische Merkmale wie zum Beispiel Bildung, Geschlecht, Alter, Beruf und Konfession erfasst. Die Vorteile dieser exit polls liegen auf der Hand. Zunächst werden hierbei, anders als bei Bevölkerungsumfragen, nur tatsächliche Wählerinnen und Wähler befragt. Weiterhin liegen die Zeitpunkte von Wahl und Befragung nur wenige Minuten auseinander, die Befragten können sich also mit hoher Sicherheit noch richtig erinnern.

Darüber hinaus wird bei diesem Verfahren eine wesentlich größere Anzahl von Personen befragt (bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg 2008 befragte die Forschungsgruppe Wahlen 11.481 Wählerinnen und Wähler), was die Fehlertoleranz verkleinert.

Die Hochrechnungen des Wahlabends beruhen im Gegensatz zu den Meinungsbildern der vorangegangenen Tage und auch der Prognose um 18 Uhr auf dem tatsächlichen Wahlverhalten. Hierbei werden die Ergebnisse repräsentativ ausgewählter Stimmbezirke (also einzelner Wahlurnen) hochgerechnet. Die Stimmbezirke sind so ausgewählt, dass sie in ihrer Gesamtheit das Ergebnis der vorangegangenen Wahl exakt abbilden. Es bleiben allerdings auch nach den ersten Hochrechnungen noch Unsicherheiten, die aber bei zunehmender Verbreiterung der Basis abnehmen.

Wenn der Stimmenanteil einer Partei jedoch sehr nahe an der Fünfprozenthürde liegt (etwa in Hamburg 2008 die FDP) oder zwei Parteien sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern (SPD und CDU bei der Bundestagswahl 2002), so muss trotz aller ausgefeilten Hochrechnungstechniken die vollständige Auszählung abgewartet werden. Ergebnisse können statistisch immer nur mit einer möglicherweise durchaus geringen Fehlertoleranz vorhergesagt werden. Wenn die politisch entscheidenden Unterschiede jedoch innerhalb dieser wahrscheinlichkeitstheoretischen Toleranzen liegen, hilft auch die Mathematik nicht weiter.



Datenbasis der Wahlforschung



Unabhängig von diesen kurzfristigen Analysen ist die Wahlforschung an langfristigen Trends im Wahlverhalten interessiert. Erklärungen dazu basieren ganz wesentlich auf Daten, zumal wenn sie einem wissenschaftlichen Anspruch genügen wollen.

Die Wahlforschung kann hierzu auf hauptsächlich drei verschiedene Datentypen zurückgreifen. Sie haben Vor- und Nachteile, die es jeweils zu berücksichtigen gilt. Zunächst einmal lassen sich die Bestände der verschiedenen Statistischen Ämter für diese Forschung benutzen. Deren Zeitreihen etwa über die jeweilige Bevölkerungsstruktur beziehen sich typischerweise immer auf Gebietseinheiten, im Falle der Wahlforschung üblicherweise auf Wahlkreise. Diese Aggregatdaten beinhalten also lediglich Informationen über die Gesamtheit der Bevölkerung in fest umrissenen Gebieten, keineswegs jedoch Informationen über Individuen.

Die Daten sind in hohem Maße vertrauenswürdig, da sie hauptsächlich aus amtlichen Erhebungen und entsprechenden Fortschreibungen stammen. Die Wahlforschung gewinnt hieraus wichtige und interessante Erkenntnisse über das Wahlverhalten, indem die Ergebnisse der verschiedenen Parteien in den Wahlkreisen systematisch mit den wirtschaftlichen und den sozialen Strukturmerkmalen dieser Gebietseinheiten in Beziehung gesetzt werden. Berücksichtigt werden hierbei beispielsweise Angaben über die Beschäftigungsstruktur nach landwirtschaftlichem, Dienstleistungs- und industriellem Sektor, die soziale Schichtung der Bevölkerung sowie die Konfessionsverteilung, die Bevölkerungsdichte oder aber auch Mobilitätskennziffern.

Auf diese Weise erschließen sich gesellschaftliche Zusammenhänge, in die das Wahlverhalten eingebettet ist. Deutlich werden bei dieser Betrachtungsweise also die jeweiligen Milieus und sozialstrukturellen Gruppen, auf die sich die verschiedenen Parteien jeweils in besonderer Weise stützen können.

Allerdings gestattet dieser Datentyp keinerlei Rückschlüsse auf das individuelle Verhalten einzelner Wählerinnen und Wähler und ihre Beweggründe. Insbesondere für die historische Wahlforschung sind Aggregatdaten dennoch nahezu die einzige Möglichkeit, entsprechende Erklärungsmuster empirisch zu untersuchen.

Einen ganz anderen Typus stellen die seit den fünfziger Jahren in wachsender Anzahl verfügbaren Umfragedaten dar, wie sie bereits bei den Methoden der kurzfristigen Ermittlung der Wählerabsicht erläutert wurden. Sie resultieren aus der Befragung von Personen, die repräsentativ ausgewählt wurden.

Nahezu unabhängig von der Größe der Gesamtbevölkerung genügt für repräsentative Aussagen je nach ihrer Güteklasse ein Stichprobenumfang von 1.000 bis 2.000 Befragten. Die Befragungen enthalten neben den bevölkerungsstatistischen Merkmalen der Befragten ihre politischen Einschätzungen und Verhaltensabsichten. Abgefragt werden hierbei etwa die Einstellungen zu Parteien und kandidierenden Personen, zu aktuellen politischen Sachfragen und Problemen sowie die momentane Wahlabsicht und frühere Wahlentscheidungen. Auch bei diesem Datentyp gilt es, seine spezifischen Besonderheiten zu erkennen.

So ermitteln Umfragen keineswegs tatsächliches Verhalten, sondern in erster Linie entsprechende Absichten. Zudem ist die Möglichkeit der bewussten oder der unbewussten Falschaussage der Befragten nie auszuschließen. Weiterhin ist es erforderlich, die mathematischen Gesetze der Stichprobentheorie einzuhalten, um zu repräsentativen Aussagen zu gelangen.

Als ganz spezifisch deutsches Charakteristikum kann die Existenz der repräsentativen Wahlstatistik angesehen werden, die von 1953 bis 1990 bei allen Bundestags- und den meisten Landtagswahlen aufgrund gesetzlicher Anordnung erhoben wurde. Ihre Ergebnisse beruhen auf der Auszählung besonderer Stimmzettel, die vor der Wahl nach Altersgruppen und Geschlecht gekennzeichnet wurden. Auf dieser Basis lassen sich exakte Aussagen über das tatsächliche Abstimmungsverhalten nach den Merkmalen Alter und Geschlecht treffen. Allerdings bedürfen diese zwar präzise ermittelten, im Allgemeinen aber keineswegs verhaltensrelevanten Kategorien jedoch noch der theoretischen Aufladung, um für tragfähige Erklärungsmuster des Wahlverhaltens von Nutzen zu sein. Die Erhebung der Repräsentativen Wahlstatistik war bei den Bundestagswahlen 1994 und 1998 aufgrund von Verfahrensproblemen ausgesetzt, wurde 2002 aber wieder aufgenommen.

Auszug aus: Karl-Rudolf Korte: Wahlen in Deutschland, Zeitbilder. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009

Karl-Rudolf Korte

Zur Person

Karl-Rudolf Korte

Dr. rer. pol. habil., Dr. phil, geb. 1958; Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und Direktor der NRW School of Governance, Lotharstraße 53, 47057 Duisburg.
E-Mail: krkorte@uni-duisburg-essen.de


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