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26.4.2012

Rating-Agenturen

Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Finanzprodukten, Unternehmen und Staaten. Im Zuge von Subprime- und Staatsschuldenkrise sind sie massiv in die Kritik geraten. Insbesondere die "großen Drei": Standard & Poor's, Moody's und Fitch.

Teilnehmer einer Konferenz der amerikanischen Ratingagentur Fitch sitzen vor einer Präsentation, die die Ratings verschiedener europäischer Länder zeigt. (© picture-alliance/AP)


Definition und Funktion



Rating-Agenturen erstellen Kreditratings für Schuldinstrumente (zum Beispiel Anleihen) sowie für Emittenten solcher Instrumente. Sie sollen damit in der Theorie zur Transparenz des Kapitalsmarktes beitragen.

Eine wichtige Rolle bei der Berechnung von Eigenkapitalanforderungen für Banken spielen besondere Ratingagenturen: die External Credit Assessment Institutions (ECAIs) und in den USA die Nationally Recognized Statistical Rating Organizations (NRSRO), die von den jeweiligen Regulierungsbehörden einen besonderen Status verliehen bekommen haben. In den USA haben insgesamt neun Agenturen den NRSRO-Status.[1] Aus Sicht der Wirtschaftspolitik liegt hier ein Kartell mit einer erheblichen Machtballung vor. Die Praktiken der Ratingagenturen sind im Zuge der Subprime- und Finanzkrise sowie der Staatschuldenkrise in die Kritik geraten.

Hintergrund und Geschichte: U.S.-amerikanisches und kontinentaleuropäisches Wirtschaftssystem sowie Entstehung der Agenturen



Um die Funktion der Agenturen einordnen zu können, muss man sich mit ihrer Entstehungsgeschichte befassen. Dazu wiederum ist es notwendig, Grundzüge der traditionellen Unterschiede zwischen angelsächsischem und kontinentaleuropäischem Wirtschaftssystem zu verstehen. Das angelsächsische System ist traditionell kapitalmarkt-, investmentbanking und eigenkapitalorientiert. Das kontinentaleuropäische und dabei insbesondere das deutschsprachige System war traditionell bank- und kreditorientiert. Hier spielten seit dem 19. Jahrhundert die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken eine wichtige Rolle in der Wirtschaft.

Im kapitalmarktorientierten System investiert ein Investor direkt in ein Unternehmen oder kauft Anleihen. In einem kreditorientierten System geben viele Sparer ihr Geld der Bank, die es dann an Handels- und Industrieunternehmen verleiht. Das kreditorientierte System ist insofern langfristiger und nachhaltiger angelegt, als dass eine Bank mit dem Schicksal ihrer Kreditnehmer lange verknüpft bleibt. Im investmentbankingorientieren System betätigt sich die Investmentbank als Produktschöpfer oder Makler, übernimmt aber keine langfristige Verantwortung.

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radioWissen Podcast

Ratingagenturen – Heimliche Strippenzieher der Wirtschaft (02.02.2017)

Ratingagenturen haben maßgeblichen Einfluss darauf, zu welchen Konditionen sich Unternehmen oder Staaten verschulden können. Das macht sie zu mächtigen Institutionen auf dem Finanzmarkt. Hören Sie mehr zum Thema in einem Podcast des Bayerischen Rundfunks aus der Sendereihe radioWissen.

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Dieser Podcast ist eine Produktion des Bayerischen Rundfunks. Die bpb veröffentlicht ihn mit freundlicher Genehmigung als verlinktes Angebot.
© 2017 radioWissen, Bayerischer Rundfunk
Maike Brzoska

Eine klassische Bank nimmt Kundengelder entgegen und gibt dafür Kredite. Auf der Aktivseite seht die Mittelverwendung (welche Kredite gegeben wurden und welche Investments im eigenen Namen getätigt wurden), auf der Passivseite steht die Mittelherkunft (Kundengelder, aufgenommene Kredite, Eigenkapital). In diesem Sinne sind Investmentbanken keine Banken und sie investieren auch nicht.[2] Investmentbanken nehmen keine Kundengelder und vergeben kaum Kredite – lediglich kurzfristige Kredite zur Finanzierung einer Transaktion. Sie investieren auch nicht langfristig, wie es Investmentgesellschaften tun. Investmentbanken kreieren und verkaufen Finanzprodukte – sie sind Finanzingenieure und Makler.

Das bankorientierte System beruht daher wesentlich mehr auf langfristigen, vertrauensvollen Kreditbeziehungen; im Gegensatz zum investmentbankingbasierten System dass durch schnellere Geschäfte geprägt ist. Zur Entstehung der U.S.-amerikanischen Agenturen ist aber das Verständnis eines weiteren Faktors unerlässlich. Die Entstehungsgeschichte der Agenturen reicht buchstäblich bis in die Zeit des Wilden Westens zurück, als Lewis Tappans Mercantile Agency 1841 eröffnete.

Lug und Betrug sind in gewissem Maße Bestandteil jedes Wirtschaftssystems. Es kann aber kein Zweifel darüber bestehen, dass Lug, Betrug, Schwindel und Insolvenzen in der hoch mobilen, von Einwanderern geprägten Gesellschaft der Vereinigten Staaten wesentlich häufiger vorkamen, als in den statischen, durch Zünfte, Adel und feste Herrschaftsstrukturen geprägten Gesellschaften Mitteleuropas.[3] Vertrauen in den „ehrenwerten Kaufmann“ war – und ist – in der amerikanischen Gesellschaft deutlich weniger vorhanden als traditionell in Mitteleuropa. „Haben Sie jemals beobachtet, wie wenig Vertrauen es zwischen Mann und Mann gibt – speziell: zwischen Fremden und Fremden?“ schreibt Hermann Melville in seinem 1857 erschienen Buch Der Schwindler.[4] Auch Banken – die in den USA viel zahlreicher und oft kleiner waren als in Mitteleuropa – gingen häufig in die Insolvenz.

Diese Geschäftslücke nutzte als erstes Lewis Tappan mit seiner Mercantile Agency. Über ein System anonymer Informanten und Spitzel bot er an, Profile über jeden Geschäftsmann und jedes Geschäft zu erstellen. Die Agenten – Rechtsanwälte, Kassierer und andere – wurden nicht direkt vergütet, sondern erhielten einen Prozentsatz der eingetriebenen oder geretteten Forderungen. Die Geschäftsidee boomte. Bereits im Jahr 1857 beschäftigte die Commercial Agency über 2000 Agenten. Bald fanden sich Nachahmer: die alle zwei Jahre erscheinenden Bradstreet’s Commercial Reports deckten 1857 17.000 Unternehmen, 1862 bereits 200,000 Unternehmen in 6,400 Städten ab.[5] Standard & Poors wurde 1860 gegründet, Moody’s 1909 und Fitch 1913.

Es bleibt festzuhalten, dass der Ursprung der Ratingagenturen aus einem System des Misstrauens heraus entstand, um juristisches und gesellschaftliches Versagen zu kompensieren.

Wachstum und neue Aufgaben der Agenturen



Bereits mit dem Entstehen von Großkonzernen und der fortschreitenden massiven Industrialisierung im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts wuchsen den Agenturen neue Aufgaben zu. Mit den lateinamerikanischen Schuldenkrisen in den 1880er und 1890er Jahren sowie nach dem Großen Crash von 1932 rückte auch die Kreditwürdigkeitsprüfung ganzer Länder in den Fokus. 1975 ordnete die amerikanische Börsenaufsicht SEC gewisse Kapitalanforderungen für Wertpapierhändler (Broker und Dealer) an. Diese Anforderungen durften durch von der Aufsicht zugelassene und „besonders respektable“ Agenturen zertifiziert werden, was einen massiven Machtzuwachs dieser Agenturen gleichkommt. Seitdem ist der Begriff NRSRO in Gebrauch.

Im Zuge der durch Margaret Thatcher und Ronald Reagan eingeleiteten neoliberalen Revolution verloren staatliche Instanzen zunehmend an Einfluss. In diese Lücke stießen die Agenturen. Seit Ende der 80er Jahre dominieren sie –als eigentlich systemfremde Elemente – auch zunehmend das kontinentaleuropäische Wirtschaftsgeschehen.

Besonders großen Einfluss haben die Ratingagenturen über die Eigenkapitalvorschriften für Banken und Finanzinstitutionen – insbesondere die Regelwerke Basel II und Basel III – sowie die Anlagerichtlinien für viele Investmentgesellschaften und Versicherer gewonnen aufgrund von:

Kritik an den Agenturen



  1. Kartell: die Ratingagenturen bilden ein durch die „Drei Großen“ – Standard & Poors, Moody’s und Fitch – angeführtes angelsächsisches Kartell, dem angelsächsische Interessen im Zweifel näher sind als kontinentaleuropäische. Auch ist politische Einflussnahme nicht auszuschließen. Als Standard & Poors im Zuge der Diskussion um die Erhöhung des Schuldenlimits in amerikanischen Kongress das Rating der Vereinigten Staaten von AAA auf AA+ senkte (das Land hat auch AA+ bei einem Haushaltsdefizit von 10,8 Prozent keinesfalls verdient), musste wenige Wochen später der Chef von Standard & Poors seinen Hut nehmen. Seitdem ist S&P immer vorne mit dabei, wenn es darum geht, europäische Länder abzustufen, so zum Beispiel das – im Vergleich zu den USA – kerngesunde Österreich. Professor Frank Partnoy (University of San Diego) sieht in der Regulierung der Agenturen durch die Securities and Exchange Commission (SEC) und die FED eine Behinderung des Wettbewerbs und einen Schutz des Kartells.
  2. Zu späte und falsche Urteile: die Agenturen kommen mit ihren Urteil fast immer zu spät. So haben sie weder die Bilanzbetrüge im großen Stil bei Enron und Worldcom noch die Schieflage bei Freddie Mac vorausgesehen. Auch die Suprime-Krise und die Staatschuldenkrise in Europa haben sie nicht prognostiziert. Bei genauerer Überlegung ist dies absolut logisch: Ratingagenturen sind Bürokratien und legen bürokratisches Verhalten an den Tag. Es ist unerheblich, ob es private oder staatliche Bürokratien sind – Ratingagenturen stellen fest, „was ist“, nicht, was sein wird. Damit kommt es zu einer massiven Prozyklizität der Ratings – schlechte Schuldner werden herabgestuft und haben damit noch größere Probleme an Kredit zu kommen, was eine weitere Verschlechterung des Ratings nach sich zieht. So können Ratingagenturen ganze Länder in eine Abwärtsspirale reißen.
  3. Interessenkonflikte: verschärft wird die schädliche Wirkung der Agenturen durch massive Interessenkonflikte. So beraten Sie unter anderem gegen Honorar die Emittenten von Finanzprodukten, wie diese Produkte gestaltet werden müssen, damit sie ein gutes Rating erzielen. Zudem werden die Ratingagenturen von den Emittenten von privaten Papieren für ein Rating bezahlt – was institutionalisierten Interessenkonflikten gleichkommt. Vor der Subprime-Krise machten sie rund ein Drittel ihres Gewinns mit dem Rating von Subprime-Papieren, für das sie von Emittenten bezahlt wurden (!) Von Staaten hingegen werden sie nicht bezahlt; das Rating von Staatsanleihen läuft nebenbei als Service mit.
  4. Erpressung: Die Vorwüfe gehen bis dahin, dass die Ratingagenturen Unternehmen durch schlechte Ratings erpressen, um neues Geschäft zu erschließen. Moodys hat zum Beispiel ein schlechtes unaufgefordertes Rating von Hannover Re veröffentlicht und dem Unternehmen dann einen Brief gesandt, dass es dem Tag entgegensehen würde, wenn Hannover Re bezahlen würde.[6]


Reformvorschläge



Zur Reform der Ratingagenturen gibt es vielfältige Vorschläge. Die weit reichendsten wurden von EU-Kommissar Michel Barnier Ende 2011 vorgelegt. Allerdings setzte sich sehr schnell die Lobby der Agenturen und Investmentbanken durch, so dass das derzeitige bürokratische, kontraproduktive und ologopolistische System weitgehend erhalten bleibt.
  1. Transparenz: etliche Reformvorschläge zielen in Richtung größerer Transparenz des Handelns der Agenturen. Nun sollten gerade die Agenturen selber für Transparenz sorgen. Sie haben auf der ganzen Ebene ihren Zweck verfehlt. Laut EU-Kommission sollen die Agenturen nun einheitliche Rating-Skala erarbeiten, damit die Urteile vergleichbar werden. „Gefälligkeitsratings“ soll es nicht mehr geben. Das löst nach Ansicht des Verfassers jedoch nicht die bestehenden Probleme.
  2. Haftung: Ratingagenturen sollen für eventuelle Schäden besser haftbar gemacht werden. Dieser Vorschlag läuft aber letztlich ins Leere, da die Agenturen gar nicht mit genug Kapital ausgestattet sind, um für ihre Fehler wirklich zu haften. Außerdem könnte man sie nur für wirklich grobes Fehlverhalten im Einzelfall haftbar machen, nicht für systemisches Versagen. Es muss aber gerade das System geändert werden.
  3. Interessenkonflikte: Bislang war es so, dass Ratingagenturen von den Unternehmen, die sie bewerten, ihr Geld bekommen – ein großer Interessenkonflikt. Künftig soll ein Auftraggeber eine Ratingagentur nur noch maximal drei Jahre in Folge beauftragen dürfen. Für Staaten gilt dies nicht. Die Unternehmen müssen auch ihre Preispolitik offenlegen.
  4. Europäische Agentur: Barnier schlug auch eine europäische Ratingagentur vor. Diese wäre geeignet, das angelsächsische Kartell aufzubrechen, weshalb sie von der Lobby mit ganzer Macht verhindert wurde. Nun ruhen die Hoffnungen auf der chinesischen Ratinagentur Dagong, welche die USA von A+ auf A herabgestuft hat, ein in den Augen des Verfassers angemessenes Rating.
  5. Abschaffung der Ratingagenturen: Am besten wäre es nach Ansicht des Verfassers, die Ratingagenturen als systemfremde, kontraproduktive und bürokratische Instrumente ganz abzuschaffen oder nur noch für Nischenaufgaben zu verwenden. Dann müssten Finanzinstitutionen wieder ihre eigenen Analysen verfassen und selber die Haftung übernehmen. Eine verbesserte staatliche Aufsicht sowie eine bessere Eigenkapitalausstattung der Finanzmarktakteure würden diese Rückkehr zur Marktwirtschaft unterstützen.
  6. Aussetzen der Ratings für bestimmte Länder: eine Teillösung wäre das Aussetzen der Rating für bestimmte Länder in Krisensituationen, um eine Abwärtsspirale zu verhindert. Diesen Vorschlag machte ebenfalls Michel Barnier. Hier bleiben allerdings bezüglich der Umsetzbarkeit viele Fragen offen.
  7. Aussetzen der Ratings für bestimmte Akteure: Der Europaparlamentarier Sven Giegold von den Grünen hat vorgeschlagen, dass Akteure ab einer bestimmten Größenordnung, wie beispielsweise die Deutsche Bank, keine Ratings mehr nutzen dürfen, sondern wieder ihre eigenen Einschätzungen erstellen müssen. Prinzipiell wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung, um das Kartell der Großen aufzubrechen. Gerade deswegen wird der Vorschlag mit der gleichen Vehemenz bekämpft werden wie die Abschaffung der Agenturen.

Fußnoten

1.
Es handelt sich um die “drei Großen” aus den USA und England ("Big Three"), nämlich Standard & Poor's, Moody's Investors Service, Fitch Ratings, sowie Kroll Bond Rating Agency, A. M. Best Company, Dominion Bond Rating Service, Ltd, Japan Credit Rating Agency, Ltd., Egan-Jones Rating Company und Morningstar, Inc.
2.
Max Otte, Stoppt das Euro-Desaster, Berlin 2011.
3.
Alfred D. Chandler, Scale and Scope – the Dynamics of Industrial Capitalism, Cambridge 1994.
4.
Zitiert nach Scott A. Sandage, Born Losers – A History of Failure in America, Cambridge 2005, S. 122.
5.
ebd.
6.
Klein, Alec (24 November 2004). "Credit Raters' Power Leads to Abuses, Some Borrowers Say". The Washington Post. http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A8032-2004Nov23.html.

Prof. Dr. Max Otte

Prof. Dr. Max Otte

Prof. Dr. Max Otte ist Professor für quantitative und qualitative Unternehmensanalyse an der Karl-Franzens-Universität Graz. Er ist Gründer des Instituts für Vermögensentwicklung Köln und Advisor des PI Global Value Fonds (WKN: A0NE9G). Bekannt wurde er durch seine präzisen Voraussagen der Subprime-Krise bereits im Jahr 2006 und der Eurokrise, die er 1998 in einem Vortrag an der Boston University für 2008 ankündigte.


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