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28.10.2016

Touch Down. Die Geschichte des Down-Syndroms (28.10.2016, Bonn)

Pressekonferenz zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle

Lieber Rein Wolfs,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

"Ich habe Down-Syndrom, aber ich stehe dazu und ich bin kein Alien, denn ich bin so, wie ich bin, und jeder soll es verstehen und mich respektieren." Das schreibt Svenja Giesler, eine Autorin des heute hier vorzustellenden Buches. Für mich fasst dieser Satz perfekt die wichtigsten Ziele dieses ungewöhnlichen Buch-Projektes zusammen: "Ich bin so, wie ich bin und jeder soll es verstehen". Das Begleitbuch, das in unserer Reihe „Zeitbilder“ erscheint, informiert umfassend über den Gendefekt und geht der Frage nach, was er in der Vergangenheit bedeutete und heute für die Menschen bedeutet. Dabei können Sie erstaunliche Dinge entdecken - Dinge, nach denen offenbar noch niemand gesucht hat.

"Jeder soll mich respektieren". Menschen mit Down-Syndrom sind keine "Aliens". Sie passen jedoch nicht in das Bild einer Leistungsgesellschaft, die zunehmend den "perfekten" Menschen anstrebt; genormt, getrimmt und fit. „Selbstoptimierung“ ist das Schlagwort unserer Zeit, Selbstverbesserung also, mit allerlei auch digitalen Hilfsmitteln. Wer vom "Üblichen" abweicht, erfährt häufig eine geringere Wertschätzung. Menschen mit Behinderung stoßen in der Schule, am Arbeitsmarkt und in der Politik noch immer auf Barrieren.

Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion als Menschenrecht definiert, hat Deutschland in Sachen Teilhabe noch erheblichen Nachholbedarf. Hier sieht die Bundeszentrale für politische Bildung eine wichtige Aufgabe. Wir fördern ein respektvolles Miteinander, das auf Chancengleichheit und Gerechtigkeit basiert. Um Werte wie Pluralismus und Toleranz im Bewusstsein der Bevölkerung zu festigen, haben wir unser Angebot zum Thema "Behinderung", besser: Inklusion, in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut: Bücher unserer Schriftenreihe informieren über die UN-Behindertenrechtskonvention, Inklusion in der Praxis und die sogenannte Euthanasie im Nationalsozialismus. Und die Publikationsreihe „einfach Politik“: informiert in einfacher und Leichter Sprache über das Grundgesetz, Flucht und Asyl und Flucht und Europa. Auf unserem Onlineportal bpb.de, das auch ein großes Angebot in Leichter Sprache beinhaltet, finden Sie die Video-Reihe "Politisches einfach erklärt": Darin bringen Menschen mit Down-Syndrom komplexe Themen wie Mitbestimmung oder die Europäische Union für alle verständlich auf den Punkt. Und in meinem persönlichen Lieblingsvideo erklären Mitglieder der Ohrenkuss Redaktion, was "Die Giraffe und das Grundgesetz" miteinander zu tun haben.

Auch das heute hier vorzustellende Zeitbild "Touchdown. Die Geschichte des Down-Syndroms" ist von Menschen mit und ohne Trisomie 21 erarbeitet worden. Genauso vielfältig wie die Autorinnen und Autoren sollen auch die Lesenden sein: Es ist ein Buch für alle. Wir sehen hier, wie Teilhabe in unserer vielfältigen Gesellschaft funktionieren kann: Menschen mit Down-Syndrom haben in diesem Buch ein Sprachrohr, um als Expertinnen und Experten in eigener Sache ihre Kompetenzen und Erfahrungen einzubringen. Das liest sich manchmal mitreißend fröhlich, ja komisch, häufig macht es nachdenklich und betroffen.

Die Beiträge erschöpfen sich nicht in der zu selten beachteten Perspektive der angeblich „Betroffenen“. Als Autorinnen und als evaluierende Redaktionsmitglieder haben sie dafür gesorgt, dass eine weitgehend barrierefreie Publikation entstanden ist: einerseits durch "klare Sprache", andererseits durch eine auch inhaltlich leicht zugängliche Art der Vermittlung. Aber entdecken Sie selbst die einzigartige Komposition dieses prächtigen Bandes, der die Ausstellung hier in der Bundeskunsthalle begleiten soll. Einen solchen Band werden Sie auf dem Buchmarkt kein zweites Mal finden!

Für diese großartige Leistung möchte ich mich im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung bedanken: zuallererst bei den Kolleginnen und Kollegen der "Ohrenkuss"-Redaktion und den übrigen Autorinnen und Autoren. Für die Konzeption des Buches verantwortlich waren Katja de Bragança, Heinz Greuling, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Henriette Pleiger. Ihnen gebührt ein großes Lob, ebenso wie Anne Leichtfuß als Übersetzerin in "klare Sprache" und Vincent Burmeister, dem Zeichner der "Second Mission". Nicht zu vergessen die beiden Lektorinnen: Dorothee Dziewas und Yvonne Paris und die Grafikagentur Leitwerk, die dem Motto gerecht wurden: "Unter Druck entstehen Diamanten". Ganz besonders danke ich meinem Team in der Bundeszentrale, der Projektleiterin Hildegard Bremer sowie Marie Schreier und Simon Lengemann: Sie haben dieses wunderbare Projekt in Rekordzeit und gewissermaßen "on top" zu all den anderen, längst geplanten Dingen gestemmt – rasch griff in der Buchredaktion der bpb Enthusiasmus um sich...

Stellvertretend für die Bundeskunsthalle danke ich Rein Wolfs: Wir sind sehr froh darüber, zusammen mit Ihnen als Kooperationspartner diesen "Touchdown" gelandet zu haben. Das Projekt wäre für unser Haus nicht denkbar gewesen ohne Ihre Netzwerke und Arbeiten für die heute zu eröffnende Ausstellung. Dennoch war es beiden Parteien wichtig, das Zeitbild "Touchdown" nicht als Katalog zur hiesigen Schau zu entwerfen: es kann und soll unabhängig davon gelesen werden, überall und zu jeder Zeit.

Wie alle Bücher der Reihe "Zeitbilder" ist "Touchdown" keine Bleiwüste, sondern durch die Vielzahl von Illustrationen, Bildern, Dokumenten und Fotos anschauliche politische Bildung. Durch die Bereitstellungspauschale von nur sieben Euro sollen auch finanziell so wenige Menschen wie möglich ausgeschlossen werden. Interessierte finden das Buch in unseren Medienzentren in Bonn und Berlin, im online-Shop auf bpb.de, sowie natürlich auch hier in der Bundeskunsthalle.

Ich wünsche der Ausstellung „Touchdown“ viele Besucherinnen und Besucher und dem Zeitbild reißenden Absatz. Schließen möchte ich möchte mit einem Wunsch für unsere so dynamische und sich stets verändernde Gesellschaft. Formuliert hat ihn das Beiratsmitglied Julia Bertmann in diesem Buch so: "Ich stell mir das in der Zukunft so vor, dass alle nicht-behinderten Menschen mich so akzeptieren, wie ich bin. Deswegen ist mein Lieblingsspruch: I am what I am."

- Es gilt das gesprochene Wort -
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