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Editorial

Früher galt auch in Deutschland: Land ist, wo Landwirtschaft ist. Die Dörfer und Regionen waren um die Eigentumsverhältnisse, die Notwendigkeiten und Rhythmen der arbeitsintensiven Landwirtschaft herum organisiert. Seit der Industrialisierung hat sich die ganze gesellschaftliche Struktur des ländlichen Raums radikal verändert. Ein Umbruch, der immer noch anhält.

Die Landwirtschaft selbst ist inzwischen ein integraler Teil des globalisierten Kapitalismus. Auch hier zeigt sich dessen Janusköpfigkeit – enorme Dynamik, Produktivitätsschübe und gleichzeitig Folgekosten, die an die Substanz und bei der Landwirtschaft eben auch an die natürlichen Lebensgrundlagen gehen. Die Marktpreise für konventionell hergestellte Erzeugnisse sind niedrig, auch weil die ökologischen und Klimakosten nicht enthalten sind. Die massenhafte Nachfrage kommt aus den Städten und von einer Lebensweise, die sich den verschwenderischen und zerstörerischen Umgang mit Ressourcen leistet. Die allerdings immer mehr infrage gestellt wird. Längst ist der Bioanbau aus der Nische herausgekommen. Die großen Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit, Artenvielfalt, Tierethik, Klimaschutz sind ohne die Neubestimmung der Landwirtschaft nicht lösbar. Auch auf dem Land werden diese Debatten geführt, oft bis in die Familien hinein.

Wer aufs Land geht und sich umschaut, kann viel entdecken, die Unterschiede sind enorm. Neben prosperierenden Dörfern und Kleinstädten, in denen Traditionen lebendig sind und die Wirtschaft brummt, gibt es Gegenden, die die Umbrüche der Zeit viel härter getroffen haben. Abwanderung, Höfesterben, Alterung, Verfall der Infrastrukturen sind hier die Schlagwörter zur Lage des Dorfes. Die Politik von Bund und Ländern hat dazu über die Jahrzehnte beigetragen und die kommunalpolitische Verödung vieler Orte zugelassen – ein Raubbau an bürgerschaftlicher Verantwortung, der nur mühsam korrigiert werden kann.

Und trotzdem: Das Land lebt. Es gibt Beispiele, wie selbst bei widriger Ausgangslage Dörfer und Regionen sich neu bestimmen können. Es liegt oft an der Initiative Einzelner, die die Gemeinschaft mitreißen, oder wie im Wendland auch an hartnäckigen Bürgerbewegungen, die streitbar bleiben, aber eben auch neue Chancen erobern. Das Leben in den Dörfern ist etwas anders als in den Großstädten. Es ist näher an der Natur, folgt anderen Zeitläufen, Nachbarschaft und persönliche Begegnungen sind Alltag. Vom Land lässt sich einiges lernen, eine Neubesinnung auf das Gemeinsame, Kommunale zum Beispiel. Die soziale Kontrolle und die Ausgrenzung können hier aber auch härter, unmittelbarer sein. Was nah ist, kann eng werden. Gehen oder bleiben ist deshalb immer wieder eine Frage, gerade für die Jugend. Inmitten unserer gewohnten Routinen nehmen grundlegende Umbrüche an Fahrt auf: Digitalisierung, neue Biotechnologien und der Klimawandel fordern Entscheidungen von enormer Tragweite. Kann es dabei eine Wiederentdeckung, gar eine Renaissance des Landes geben?


Herausgeber: bpb, Seiten: 50, Erscheinungsdatum: 18.06.2018, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5867

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