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Editorial

Respekt ist keine Sache, nichts Festes. Ihn zu empfangen und zu geben ist Teil der Mikropolitiken des Alltags, in denen wir unsere eigenen sozialen Verhältnisse erfahren und gestalten. Für jeden Menschen ist es wichtig, Beachtung zu erfahren und Anerkennung zu geben. Selbstachtung ist dabei immer auch ein Taktgeber für unsere persönliche Respektskultur. Die durch die Verfassung garantierte Vielfalt dieser Kulturen ist selbst ein historisch junges Phänomen, gewachsen aus der Wirklichkeit liberaler Gesellschaften und ihren Befreiungen von autoritärem Konformismus, wo der ererbte Stand, das Amt und die Macht den Personen und Institutionen automatisch Respekt verschafft hatte. In den letzten Jahren ist viel geschehen, um neue Kulturen und Sensibilitäten der Anerkennung zu entwickeln, zum Beispiel für Menschen mit Behinderungen oder für die Durchsetzung der Frauenrechte. Die konkreten Ergebnisse dieser in öffentlichen Debatten ausgehandelten Regeln sind ein Gradmesser für die reale Balance zwischen Freiheit und Ordnung, den gelebten Reichtum an sozialen Möglichkeiten in unserer Gesellschaft. Aber die Spannungen sind in jüngster Zeit unübersehbar geworden. Antisemitismus, Forderungen nach nationalistischer Revision der Geschichte, Islamfeindlichkeit, Gewalt gegen Flüchtlinge beherrschen die Schlagzeilen immer wieder. Die Versuchungen von autoritären, homogenen Gruppen werden für viele wieder attraktiv. Darin gibt es Respekt nur für die eigenen Gruppenmitglieder in einer mehr oder weniger strengen hierarchischen Ordnung. Nach außen herrscht Abgrenzung bis hin zu offener gewaltbereiter Feindschaft. Es ist oft einfacher sich zu befeinden als die Widersprüche auszuhalten. Die sozialen Medienplattformen machen es leicht, Hass zu säen und dafür Ruhm und Anerkennung einzufahren. Der Widerstand dagegen ist für die freiheitliche Gesellschaft überlebenswichtig. Die Erfahrungen im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und zur Überwindung des Patriarchats müssen neu gemacht werden. Feindbilder zu bekämpfen ist keine einfache Sache. Allein schon solche Gewalt im eigenen Alltag, zum Beispiel in der Schule, als Problem zu sehen und offen anzugehen, ist schwierig geworden. Deutschland ist seit Jahrzehnten eine Einwanderungsgesellschaft, wird sich dessen aber erst seit einigen Jahren wirklich und öffentlich bewusst. Die damit einhergehenden Konflikte verlangen in der globalisierten Welt einen neuen und sensiblen Realismus. Die Gruppe derer, die hier mitreden und an der Aushandlung von Regeln beteiligt werden wollen, ist größer denn je. Diese Unübersichtlichkeit kann ein Gewinn werden. Dazu müssen wir offen Kritik formulieren können und die eigenen Routinen verlassen, uns auf andere einlassen. Wir müssen so aufs Neue klären, was gelten soll, und wo die Toleranz aufhört. Respekt ist das Gegenteil von Ignoranz. Ich bin auch für das mitverantwortlich, was, wie der deutsche Kolonialismus, lange zurück liegt. Oder was bei der Herstellung meiner Konsumgüter sehr weit weg entfernt geschieht. Respekt gibt es nicht als Flatrate, es ist ein Tanz der immer neu beginnt.


Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Seiten: 50, Erscheinungsdatum: 17.12.2018, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5869

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