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23.1.2015

"Freier" Journalismus in der DDR

Karl-Heinz Baum wird für seine Tätigkeit als Westkorrespondent in der DDR in der Kategorie "Person" ausgezeichnet. Die Stasi hörte ihn ab und beschattete ihn, einschüchtern lassen hat er sich dadurch aber nicht. Vielmehr hat er schnell gelernt, die Behörde auszutricksen.

Karl-Heinz Baum, ehemaliger Korrespondent der Frankfurter Rundschau in der DDR (© bpb)


Karl-Heinz Baum hat viel zu erzählen. Wenn der langjährige Korrespondent der Frankfurter Rundschau auf seine Zeit in der DDR zu sprechen kommt, reihen sich die Abenteuergeschichten nur so aneinander. Eine kurze Kostprobe: Baum habe einmal bei einer Autofahrt bemerkt, dass er von einem anderen Wagen verfolgt wird. "Das war natürlich die Stasi. Und ich habe zwei Informanten in meinem Wagen, von denen die natürlich nichts wissen dürfen", erzählt der inzwischen 73-Jährige. "Ich bin auf einer vierspurigen Straße. Ja, was machst du da? Na umdrehen, mitten auf der Straße. Zweimal bin ich einfach im Kreis gefahren, und die immer hinter mir her. Und dann bin ich nochmal umgekehrt und dann waren sie weg." In der Stasi-Akte steht dazu: "Wir sind nicht ein drittes Mal hinterhergefahren, sonst hätte er uns bemerkt".

Heute erzählt Baum seine vielen Geschichten abgeklärt, fast schon jovial. Vielleicht darin begründet, dass der Mauerfall inzwischen 25 Jahre her ist. Vielleicht aber auch, weil Baum sich als Korrespondent in der DDR eine gewisse Routine angeeignet hatte im Umgang mit der Staatssicherheit - immerhin war er für die Rundschau von 1977 bis 1990 ununterbrochen in Ost-Berlin.

Korrespondenten waren für die SED Agenten des Klassenfeindes



Baum war einer der wenigen Westkorrespondenten in der DDR, denen es nach dem 1972 unterzeichneten Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR erlaubt war, aus Ostdeutschland zu berichten. Dieser "Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik", wie er offiziell lautet, war ein Briefwechsel zwischen den Staatssekretären Egon Bahr auf Seiten der Bundesrepublik und Michael Kohl auf Seiten der DDR. Formal behandelt dieser Briefwechsel, der dem Grundlagenvertrag angehängt ist, die Arbeitsmöglichkeiten von Journalisten im jeweils anderen deutschen Staat.

Im entscheidenden Passus des Briefwechsels gewährte die DDR den Journalisten aus der Bundesrepublik "im Rahmen ihrer geltenden Rechtsordnung (…) das Recht zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit und der freien Information der Berichterstattung". Ein Absatz, der sich in der Praxis als sehr vage herausstellte und darüber hinaus mehrmals von Seiten der DDR gebrochen wurde.

Denn für die SED waren die Westkorrespondenten nichts anderes als Agenten des Klassenfeinds. Weil sie den unterdrückten Oppositionskräften durch ihre Berichte eine Stimme gaben, setzten sie so wichtige Impulse in Ostdeutschland – was die Staatsführung jedoch um jeden Preis verhindern wollte. So mussten zum Beispiel alle Recherchen der Korrespondenten über staatliche Einrichtungen oder volkseigene Betriebe beim DDR-Außenministerium bekannt gegeben werden. Nicht selten lautete die Antwort: "Daran haben wir kein Interesse". Da musste er sich andere Quellen suchen.

Baums Chaos schafft es sogar in die Stasi-Akte



Darüber hinaus wurden die Korrespondenten in ihren Wohnungen und Büros permanent abgehört und oft beschattet. Was aber Karl-Heinz Baum zufolge allen bewusst war. "Dass sie mich überwachen, war ja klar. Sonst hätte ich gar nicht hierher gehen dürfen." Deswegen war es für ihn auch ein Spiel mit offenen Karten, mit dem er wusste umzugehen. So war es laut Baum für Westkorrespondenten Standard, ihre Informanten in allen Aufzeichnungen nur als ‚Gesprächspartner‘ zu betiteln. "Dann konnten sie sich einen aus den 16 Millionen DDR-Bürgern aussuchen."

Und wenn ein Phänomen typisch war für die DDR, habe er eine Geschichte auch schon mal von einer Stadt in die andere verlegt. "Dann habe ich mir gesagt: ‚Lass sie doch in Rostock suchen, wenn das in Gera passiert ist‘", sagt Baum weiter. "Das regt heute natürlich einige Historiker furchtbar auf."

Überhaupt war es eine Angewohnheit Baums, das Chaos für sich zu nutzen. Sein Durcheinander am Arbeitsplatz wurde sogar in seiner Stasi-Akte vermerkt, die er nach dem Mauerfall einsehen durfte. Die ständige Unordnung in seinem Büro war eine besondere Abwehrmaßnahme gegen konspirative Wohnungsdurchsuchungen. Baums Kommentar dazu: "Sie helfen mir nicht in meiner Arbeit, also wieso soll ich ihnen bei ihrer Arbeit helfen?"

Viel wichtiger war für ihn hingegen, nicht die Akkreditierung entzogen zu bekommen, wie es einigen seiner Kollegen passiert ist. Von den ohnehin nur 20 Akkreditierungen, die die DDR gleichzeitig zuließ, wurden allein bis 1978, also ein Jahr nachdem Baum seinen Job in Ost-Berlin antrat, schon wieder drei Journalisten aus der DDR ausgewiesen.

Baum: Keine Selbstzensur



Auch der Frankfurter Rundschau war dieses Risiko laut Baum bewusst. "Die einzige Vorgabe, die ich von meinem Chef bekam, war es, nicht die Akkreditierung zu verlieren", beschreibt der Journalist, der bis heute vor allem junge Leute über die wirklichen Lebensumstände in der DDR aufklärt. "Bevor ich in den Osten bin, hat mein Chef zu mir gesagt: ‚Eine gute Geschichte ist es nicht wert, ein komplettes Jahr nicht mehr aus Ost-Berlin berichten zu können‘", sagt Baum. So lange habe es nämlich mindestens gedauert, bis die Zeitung einen anderen Korrespondenten akkreditieren hätte können.

Den Vorwurf von Selbstzensur will Baum jedoch nicht gelten lassen. "Zu allererst bin ich natürlich nicht mit dem Messer im Mund durch die DDR gelaufen", sagt Baum "sondern ich habe versucht, mich ordentlich zu benehmen." Natürlich sei es oft spannend gewesen, weil man gut formulieren musste. "Aber ich habe die komplette Zeit über nicht einmal eine Verwarnung bekommen. Nur eine einzige Ermahnung."

Dennoch erinnert sich Baum an eine Geschichte, bei der er nicht gewusst habe, wie er sie hätte schreiben sollen, ohne ausgewiesen zu werden. "Da habe ich den Bischof Rogge um Rat gefragt", sagt Baum. "Und der hat mir den Tipp gegeben, das Gegenteil zu schreiben und anzufügen "Aber das Gegenteil ist wahr"". Das habe er dann häufiger gemacht, immer wenn es besonders heikel geworden wäre. "Sogar im DDR-Außenministerium waren meine ‚Fantasiereportagen‘ schon bekannt. Aber sie hatten keine Handhabe dagegen."

Sorge um Interviewpartner



So blieb die einzige Sorge Baums, dass seine Informanten auffliegen. Denn wenn das passiert wäre, das wusste Baum, hätten diese mit enormen Repressalien rechnen müssen. "Natürlich lag einem enorm daran, dass niemand mit mir in einem Auto durch die Stasi identifiziert werden konnte", gibt er zu. "Deswegen fuhr ich bei wichtigen Terminen fast ausschließlich mit der U-Bahn oder mit dem Zug, wenn es weitere Strecken waren."

Dazu bedurfte es lediglich eines kleinen Tricks. Wenn er sich unsicher war, ob er beschattet wurde, fuhr er mit dem Auto zu einem Platz, an dem wenig los war. "Dann hab ich mich dort auf eine Bank gesetzt und gewartet." Sobald er gemerkt habe, dass die Luft rein war, sei er anschließend zum Bahnhof gelaufen und in den entsprechenden Zug eingestiegen, jedoch ohne sich vorher eine Fahrkarte am Bahnhof zu kaufen. "Wenn man auf Nummer sicher gehen wollte, hat man beim Schaffner nachgelöst."

Zudem sei die Tätigkeit in Ost-Berlin aber alles in allem nicht so brisant gewesen, wie man vielleicht glauben möchte. "Die Stasi war gut, aber nicht sehr gut", sagte Baum zu DDR-Zeiten. Heute ergänzt er: "Nach Kenntnis der Stasi-Akten ist 3-minus schon eine gute Note". So seien in seiner Stasi-Akte auch seine Kontakte vermerkt gewesen. "Ich hatte in den zwölf Jahren bestimmt mit 500 Leuten zu tun", erklärt Baum. "In meiner Akte waren aber nur rund 150 aufgeführt – und die Hälfte der Namen, die da drin stehen, habe ich vorher noch nie in meinem Leben gehört."

Ergänzend: "Kein Indianerspiel"- Eine Reportage von Karl-Heinz Baum
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