30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Veranstaltungsdokumentation (Januar 2017)

Fachtagung Höhere Gewalt



"Fundamentalismus ist der selbstverschuldete Ausgang aus den Zumutungen des Selberdenkens". Diese Erklärung des Fundamentalismus, aufgestellt vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer, taucht in Beschreibungen des Phänomens immer wieder auf. Die Vielfalt an Entscheidungen und Möglichkeiten in einer sich immer schneller drehenden Welt wird eingetauscht gegen feste Strukturen und strikte Leitlinien - vorgegeben im Wort Gottes, nach dem sich zu richten gilt. Immer wieder tritt dieses fundamentalistische Denken in Konflikt mit der demokratischen Gesellschaftsstruktur, in der die Grundrechte Basis des Zusammenlebens sind.

Nicht zuletzt deswegen ist Fundamentalismus ein viel diskutiertes Thema - meist in Bezug auf den Dschihadismus des Islam. Doch ist dies nur eine mögliche Ausprägung des Fundamentalismus - im Christentum, im Judentum, selbst im Hinduismus und Buddhismus gibt es fundamentalistische Strömungen. Das Gewaltpotential und auch die Anzahl der Anhängerinnen und Anhänger sind allerdings höchst unterschiedlich. So oft der Begriff des Fundamentalismus in der Öffentlichkeit benutzt wird, so unscharf ist er in seiner Definition und wird mitunter vorschnell gezückt, wenn es um religiöse Strukturen geht. Was genau ist aber "fundamentalistisch"? Wo liegen die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten in den Ausprägungen der verschiedenen Religionen? Und vor allem: wie soll die Gesellschaft diesen Strömungen begegnen?

Die Tagung "Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie" am 23. Januar 2017 in Köln ging diesen Fragen nach.


Tagungsimpressionen



 Ankunft der ersten Gäste zur Fachtagung "Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie"... ...und Registrierung auf den Teilnehmerlisten. Hanne Wurzel eröffnet die Tagung "Fundamentalismus und Demokratie". Heinrich Wilhelm Schäfer von der Universität Bielefeld stellte einen formalen Fundamentalismusbegriff vor. Tagungsteilnehmende während Schäfers Auftaktvortrag "Fundamentalismus der westlichen Moderne". "Fundamentalistischen Akteuren par excellence" - Heinrich Schäfer über die Terroristen von Al-Qaida und des "Islamischen Staates". Viele Fragen hatte der Soziologe mit seinem Vortrag aufgeworfen. Einigen Teilnehmern war der von Schäfer definierte Begriff zu eng gefasst. "Unterschiedliche Stufen von religiös Verrückten" gäbe es, so eine weitere geäußerte Kritik aus  dem Plenum der Tagung. Dominic Musa Schmitz auf dem Podium der Fachtagung: für ihn auch Präventionsarbeit. Die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach führte durch das Gespräch mit Dominic Musa Schmitz über seine Erfahrungen im radikalen Salafismus in Deutschland. Mitschreibende Teilnehmer während der Fachtagung in Köln. Sechs Vertiefungsmodule standen am Nachmittag zur Auswahl... ... zwischen denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entscheiden konnten. Tilman Seidensticker von Friedrich-Schiller-Universität Jena und Gereon Flümann von der bpb führten durch das Vertiefungsmodul zu islamischem Fundamentalismus. Seit 1995 hält Tilman Seidensticker die Professur für Islamwissenschaft an der Universität Jena. Dieses Vertiefungsmodul stieß auf besonders großes Interesse bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung. ...wie sich an der folgenden Diskussion zeigte. Darf auf keiner Tagung fehlen: der bpb-Büchertisch. Als globales "Gegenkonzept" zum Fundamentalismus, nannte Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen die Moderne. Moderiert wurde das Vertiefungsmodul von Cornelius Strobel (bpb). Vernetzungsstrategien in der katholisch-fundamentalistischen Szene bestünden bis heute fort, das zeige sich auch an der Mitwirkung von Christen in der AfD, bei "Pegida", aber auch auf Portalen wie PI News, erklärte Sonja Angelika Strube von der Universität Osnabrück. Rechts im Bild Moderator Resa Mermania von der bpb. "Wir haben es nicht mit einer Bewegung zu tun, die losgelöst von der Mehrheitsgesellschaft existiert", Michael Ingber, von der Akademie für politische Bildung Tutzing über Fundamentalismus im Judentum. Gajendran Ayyathurai führte durch das Modul zu hinduistischem Fundamentalismus. Ayyathurai habilitierte an der Columbia University in New York und ist heute Postdoktorand am Centre for Modern Indian Studies der Universität Göttingen. Stella Covaci vom BAMF moderierte das Modul. Auch im gemeinhin für "durch und durch friedfertig" gehaltenen Buddhismus gibt es fundamentalistisches Denken. Dagmar Hellmann-Rajanayagam von der Ludwig-Maximilians-Universität München über Fundamentalismus im Buddhismus. Zwanzig Jahre verbrachte Robert Pleyer bei der Sekte "Die Zwölf Stämme", 2011 schaffte er den Ausstieg. Großes Interesse zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Robert Pleyers Lebensweg und seinem Ausstieg auf der Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme". Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus bei der bpb fasste zum Abschluss die Tagungsergebnisse zusammen und verabschiedetet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln