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6.2.2018

Erfahrungen aus Afghanistan

Elke Gottschalk, Deutsche Welthungerhilfe e.V. und Dr. Anja Seiffert, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (© bpb)


Den Workshop eröffnete Dr. Anja Seiffert vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr mit der Vorstellung ihres Hauses, das die Auslandseinsätze der Bundeswehr seit Ende der 1990er Jahre begleitet. Ein Ziel sei es, die Binnenperspektive auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu ermöglichen. Darüber hinaus sollten Einstellungen und Werthaltungen sowie die Sicht der Soldatinnen und Soldaten auf Einsätze erkundet sowie die Folgen von Einsätzen für die Soldatinnen und Soldaten erforscht werden. Dem Afghanistan-Einsatz galt besondere Aufmerksamkeit. Die Befragung der Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, fand vor, während und direkt nach dem Einsatz und eine Zeitlang später statt. Seiffert erläuterte die Vorgehensweise der Befragung und stellte Befragungsergebnisse zu Einsatzrealitäten, unterschiedlichen Erfahrungswelten u.a. bei den Kontakten zur Bevölkerung vor. Besonders untersucht wurden die Folgen schwerwiegender Erfahrungen mit direkter und indirekter Gewalt. Ein Ergebnis der Befragung sei, dass die Soldatinnen und Soldaten positive Effekte ihres Handelns erwarten. Dies treffe, so Seiffert, den Identitäts- und Motivationskern der Soldatinnen und Soldaten. Drei Aspekte prägen aus Sicht der Referentin das Bild der Afghanistan-Mission der Soldatinnen und Soldaten: Multinationalität, fremdkulturelle Erfahrungen sowie Gewalterfahrungen. Hoch spannend war die These, dass ein Teil des Einsatzes in die eigene Identität adaptiert werde. So höre man von Soldatinnen und Soldaten oft die Aussprüche "Ein Teil von mir ist in Afghanistan geblieben" und "Inshallah". Auch sei, so Seiffert, eine Lernkurve im Hinblick auf die Sensibilität der Soldatinnen und Soldaten festzustellen. Sei sie am Anfang des Einsatzes eher normal, komme es im Verlauf des Einsatzes zum Absinken der Kurve. Drei Jahre nach dem Ende des jeweiligen Einsatzes werde eine höhere Kurve als zu Beginn des Einsatzes festgestellt. Elke Gottschalk, Regionaldirektorin bei der Deutschen Welthungerhilfe e.V., stellte sodann die Leitsätze der Welthungerhilfe vor und betonte, dass ihre Institution den Ansatz der vernetzen Sicherheit ablehne, was zu Erstaunen und teilweisem Unverständnis unter den Teilnehmenden führte. Als Grund nannte sie Sicherheitsrisiken und den dadurch erschwerten Zugang zur lokalen Bevölkerung. Gottschalk betonte, dass die Welthungerhilfe dort helfe, wo die Not am größten sei, um den Fokus dann auf Afghanistan zu richten, wo die Institution seit 1985 tätig ist. Sie erläuterte die Auswirkungen der Sicherheitslage auf die Arbeit in Afghanistan sowie die Strategie der Welthungerhilfe auf sich verändernde Lagen. Verschiedene Projekte der Welthungerhilfe in Afghanistan aus den Bereichen Agrar, Katastrophenschutz, erneuerbare Energien, Resilienz, urbane Projekte sowie Ressourcenmanagement wurden vorgestellt.

In der Diskussion äußerten viele Teilnehmende ihr Unverständnis für den Ansatz, dass die Welthungerhilfe die Hilfe der Bundeswehr zum Schutz von Projekten nicht beanspruche, andere zeigten Verständnis. Aus dem Plenum wurden Vorschläge für eine Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen und Bundeswehr formuliert, die nicht als Einmischung, sondern als Teamarbeit verstanden werden solle. Gottschalk betonte, dass die Stabilität aus Afghanistan selbst kommen müsse und man vor Ort Verhandlungen mit relevanten Akteuren führen müsse. Im Bereich von Naturkatastrophen sei für die Welthungerhilfe eine zivil-militärische Zusammenarbeit denkbar, die Institution werde jedoch niemals Teil militärischer Interventionen sein. Dies wurde mit einer grundsätzlichen Trennung von Militär und Entwicklungszusammenarbeit sowie der Ablehnung von Gewalt begründet. Teilnehmende bemerkten, dass diese selbstauferlegte Neutralität nicht funktioniere, da sich wichtige Akteure in Afghanistan an keinerlei Regeln hielten und die Welthungerhilfe als "Akteur des Westens" angesehen würde. In weiteren Diskussionsbeiträgen ging es u.a. um Projekte, die sich an Frauen und Mädchen richteten. Gefordert wurde, gegenüber der deutschen Bevölkerung ehrlich zu sein hinsichtlich der Tatsache, dass Einsätze durchaus 20-30 Jahre andauern können, um langfristigen Erfolg zu generieren. Auch müssten Diskurse über Gefallene geführt werden. Dazu gehörte die Akzeptanz, dass außenpolitische Verantwortung mit Opfern einhergehe.

Dokumentation: Philipp Wilhelmstrop
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