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30.5.2018

8. Der Blick nach vorne: Was man beim Essen über ein Land und seine Bewohner lernen kann

Datum: 23.02.2018

Beim Mittagessen im syrisch-armenischen Restaurant „Zeituna“ boten die Gastgeber einen der kulinarischen Höhepunkte der Reise und zeigten sich als interessante Gesprächspartner über die Lage Geflüchteter in Armenien an.

Zeituna (© Ingrid Schneider)


Als der Krieg nach Aleppo kommt, gibt es für sie dort kein Bleiben mehr. Nanor und ihre Familie geht dorthin zurück, wo Armenier nicht in der Diaspora, sondern in einem richtigen Staat zusammenleben. Sie gehen nach Jerewan, in die Hautstadt der Republik Armenien. So groß wie Belgien und geschätzte 2,5 bis 2,6 Millionen Einwohner stark, hat das Land seit dem Krieg in Syrien und dem Irak 17.000 Flüchtlingen armenischen Ursprungs Schutz geboten. Das Land rühmt sich, gemessen am Anteil zur Gesamtbevölkerung, die meisten Flüchtlingen in der Region aufgenommen zu haben. Nicht alle sind geblieben, manche sammeln in dem Land ihrer Vorfahren nur Kräfte, um weiterzuziehen nach Europa, Russland oder auf den amerikanischen Kontinent.

Nanor, die ausgebildete Flötistin, und ihr Mann, der KfZ-Mechatroniker ist, hingegen besinnen sich auf ihre Kochkünste – und beschließen, in Jerewan ein arabisches Restaurant aufzumachen. „Wir haben schon immer gerne gekocht in der Familie“, erklärt Nanor. „Zeituna – Home of food“, heißt das Restaurant in der Innenstadt. Ein echter Familienbetrieb ist das und der Mittelpunkt ihres neuen Lebens. Etwa 30 Gäste finden hier Platz, im Sommer, wenn man vor dem Restaurant sitzen kann, sind es vielleicht noch einmal so viel mehr.

Bei null haben sie vor sechs Jahren angefangen. „Wir haben kein Geld mitnehmen können“, sagt Nanor und schaut dennoch zuversichtlich. Es wirkt, als hätten sie in Jerewan wieder Fuß gefasst. Das Lokal, das natürlich eine Facebook-Seite hat, ist modern eingerichtet. Es ist auf Bleiben angelegt. Zurückkehren ist erstmal kein Thema. Irgendwie scheint auch bei Nanor und ihrer Familie der Gedanke zu verfangen, dass das Land der Väter und Mütter bei allen Problemen, auch ein guter Platz sein kann für Armenier.

In einer winzig kleinen Küche kochen sie, alle sind eingespannt. Ein Dutzend Familienangehörige und ein paar Angestellte schmeißen den Laden. Die Speisen spiegeln die Vielfalt des Landes und seiner Traditionen wieder. Natürlich gibt es das armenische Brot Lavsch und den Kichererbsenbrei Hummus, den sich so ziemlich jedes Land in der Region angeeignet hat. Es gibt Fallafel, Krautsalat, Käse-Blätterteig-Röllchen. Immer noch einen weiteren Teller bringt Sebju. Sie lächelt, während sie auf den vollen Tischen nach einem freien Platz sucht. „You are welcome“ sagt sie auf Englisch“ und „Ich lerne deutsch“ auf Deutsch.

Vor knapp zwei Jahren hat auch sie ihrer Heimatstadt Aleppo den Rücken gekehrt, um im Lokal ihres Onkels unterzukommen. Lang hat sie ausgehalten, hat für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in Unterkünften für die Ausgebombten und Geflüchteten gearbeitet. „Ich habe den Krieg mit meinen Augen gesehen“, sagt sie und dass er auch eine Art Gemeinschaftsgefühl gestiftet hat. Ohne religiöse Spannungen. Sie eilt wieder in die Küche. In Armenien will sie nicht bleiben. „Ich will nach Deutschland“, sagt sie. Oder in die USA. Ihr Ziel ist klar: „Ich will Astronomin werden.“

Hilke Lorenz

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