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26.6.2018

Workshop 1: Geben und Nehmen

Wie steht es um die gesellschaftliche Teilhabe der einzelnen russischsprachigen Gruppen in Deutschland?

Panelteilnehmer und- teilnehmerinnen:

Moderation: Anna Flack, Universität Osnabrück

Anna Flack moderiert den Workshop I. Geben und Nehmen Wie steht es um die gesellschaftliche Teilhabe der einzelnen russischsprachigen Gruppen in Deutschland? (© Lars Welding)


Die Struktur des Workshops eröffnete den Teilnehmern einen guten Einblick in das gesellschaftliche Engagement russischsprachiger Gruppen in Deutschland. Dafür hatten die Organisatoren der Konferenz bei der Einladung der Referenten eine Mischung gefunden, die dieses Engagement in seiner Vielfalt und Breite auf verschiedenen Ebenen widerspiegelt.

Gründer des lokalen Internet-Portals "Chorweiler-Panorama.de" ist Alexander Litzenberger. Er leitet sein Projekt als Kölner Stadtteil-Initiative. Auf Landesebene bewegt sich Katharina Martin-Virolainen in ihrem Amt als Landesvorsitzende der Jugend der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Bundesweit agiert Galina Ortmann, die Mitglied des Bundeszuwanderungs- und integrationsrates ist und als Vertreter einer religiösen Gemeinschaft ist Eugen Schwarzmann für den Vorstand der jüdischen Gemeinde Köln aktiv.

Die Moderatorin des Workshops, Anna Flack, Migrationforscherin von der Universität Osnabrück, stellte die vier Referenten sowie ihre Tätigkeiten vor und konkretisierte in ihrer Einführung das Spektrum der folgenden Vorträge: "Es geht um die Best-Practice des Vereinslebens und die Motivation zu gesellschaftlicher Teilhabe." Und so teilten die Referenten ihre Vorträge in zwei Berichtsstränge auf. Im ersten gingen sie auf ihren persönlichen Werdegang und die Motivation ein, warum sie sich gesellschaftlich beteiligen. Im zweiten stellten die ihr jeweiliges Tätigkeitsfeld vor. Gemeinsam war ihren Berichten, dass sich das Gefühl sich gesellschaftlich engagieren zu wollen erst in Deutschland und nicht direkt einstellte. Im Kern gehe es darum, "zu gestalten" (Litzenberger), "Teil von etwas zu sein" (Martin-Virolainen), "gleiche Chancen zu schaffen" (Ortmann) und gleichzeitig "etwas zu bewahren" (Schwarzmann).

"Nach einigen Jahren, die ich brauchte, um mich in der neuen Heimat zurecht zu finden, privat und beruflich anzukommen und Fuß zu fassen, wollte ich mich einbringen", resümierte Litzenberger. Sein Wohnort, der Kölner Stadtbezirk Chorweiler, genieße bundesweit den Ruf ein Bezirk mit vielen Problemem zu sein. Die Bewohner würden laut Umfragen aber gerne dort leben. Dieser Diskrepanz von Fremd- und Selbstwahrnehmung wolle er entgegenwirken, um "das Bild gerade zu rücken." Dazu werden auf "Chorweiler-Panorama.de" journalistische Artikel mit lokalem Bezug, Texte zu politischen Ereignissen, Kulturveranstaltungen aber auch persönliche Geschichten publiziert.

Katharina Martin-Virolainen war zwar als baden-württembergische Landesvorsitzende der Jugend der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland eingeladen, berichtete jedoch aus Perspektive ihrer Tanzpgruppe in Eppingen. Auf diese Weise unterstrich sie ihre Position, bei öffentlichem Engagement den Weg der kleinen Schritte zu gehen. Niederschwellige Angebote hätten ihrer Erfahrung nach die besten Chancen einen integrativen Prozess zur Bürgerbeteiligung anzustoßen. Sie selbst sei mit elf Jahren nach Deutschland gekommen und hatte bereits in der Schule das Gefühl "mitmischen" zu wollen. Als Teil ihrer Tanzgruppe, die Auftritte bei Stadtfesten absolvierte, hätte sie gesehen, dass die russlanddeutsche Eltern-Generation zu diesen Festen erschien, um die Kinder auf der Bühne zu sehen. Dadurch hätte sich in Eppingen erstmals ein Forum des Anschlusses und Austauschs ergeben.

Als Mitglied des Bundeszuwanderungs- und integrationsrates repräsentierte Galina Ortmann ein Gremium, das strukturelle und politische Ansätze in den Vordergrund der Arbeit stellt. Demgemäß entwickelte sie in ihrem Vortrag ein Panorama, das nicht den sehr pragmatischen Intentionen ihrer Vorredner entsprach, sondern demokratietheoretisch motiviert war. Sie präsentierte Zahlen, um das politische Engagement von Zuwanderern zu dokumentieren. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte seien mit nur acht Prozent im Bundestag vertreten. Auf Landesebene und in den Kommunen seien es sogar jeweils nur knapp vier Prozent. Wenn man dem gegenüberstelle, dass nur 30 Prozent Frauen 2017 in den Bundestag gewählt wurden, dränge sich folgender Schluss auf: "Eine Frau mit Migrationshintergrund ist doppelt benachteiligt, wenn sie sich politisch engagieren möchte." Deshalb setzt sich Ortmann für eine grundsätzliche Frauenquote für politische Gremien als Übergangslösung ein.

Eugen Schwarzmanns Perspektive ist die der jüdischen Gemeinde Köln. Zwar kam er bereits 1981 nach Deutschland, jedoch begann auch er erst später damit sich für die jüdische Gemeinde zu interessieren. Sein Engagement begann 1992 in einem Zeitraum, in dem es Auseinandersetzungen mit Zugewanderten in der Gemeinde gegeben hätte. "Zuvor war die Gemeinde klein und relativ inaktiv", meint Schwarzmann. Zwar seien die meisten jüdischen Zuwanderer "säkular" gewesen, dennoch habe die Zuwanderung die Gemeinde in Köln verändert. Mittlerweile verfügt Schwarzmanns Gemeinde über Kita, Grundschule, Altersheim und zwei Begegnungsstätten in Köln. Er investiere 20 Stunden pro Woche in die Vorstandsarbeit, wovon 50 Prozent für die Verwaltung benötigt würden. Persönlich ginge es ihm bei seiner Arbeit nicht nur um die Integration der Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft. Dies sei bereits gut gelungen. Es gehe ihm darum, die Zuwanderer in die jüdische Welt zu integrieren, da dies 70 Jahre lang vernachlässigt worden sei.

Die Einschätzung, dass die russischsprachigen Gruppen in Deutschland gesellschaftlich gut integriert seien, teilten fast alle Referenten des Workshops, nur Frau Ortmann bewertete den Fortschritt in ihrem Vortrag nicht. Die von ihr präsentierten Zahlen legten jedoch nahe, dass die politische Teilhabe im Sinne eines politischen Engagements erst am Anfang steht.

In der folgenden Diskussion erfuhren die Referenten zunächst viel Lob für ihre Projekte und dafür, dass die Teilhabe auf lokaler Ebene anhand der Darstellung ihrer Praxisbeispiele gut nachvollziehbar sei. Zur Sprache kam auch, dass die Teilhabe russischsprachiger Gruppen in Deutschland in kontrovers diskutierten Bereichen öffentlich wahrgenommen werde. Hierbei wurden antisemitische/antimuslimische Äußerungen in Migrationsräten, russlanddeutsche Beteiligung an populistischen Parteien und die Proteste im "Fall Lisa" als Beispiele genannt. Auch wenn dieses Engagement nicht immer positiv werde, sei es trotzdem ein grundsätzliches Zeichen politischer Teilhabe. Des Weiteren wurden einige Hürden und Probleme deutlich, die erschweren, dass gesellschaftliche Teilhabe zustande kommt. Zunächst ist das Ehrenamt eine Spende von Freizeit, die in prekären Arbeitsverhältnissen schwierig oder unmöglich ist. Zweitens bestehen Zweifel daran, dass das eigene Angebot von der Zielgruppe nicht angenommen wird. Und schließlich erscheinen die Anforderungen für die Gründung und Aufrechterhaltung eines Vereins hoch. Dies spiegelte sich auch in der geäußerten Kritik am Inhalt des Workshops. So hatten sich manche Teilnehmer praktische Tipps für die tagtägliche Vereinsarbeit und Strategien für die Arbeit in der Öffentlichkeit erhofft.

Die Vortragenden nutzten die Diskussion, um nochmals zu betonen, dass Öffnung und Eigenengagement Grundvoraussetzung für eine gelungene Teilhabe sei. Dies gelte aber für alle, nicht nur für die Russlanddeutschen. Moderatorin Flack zog bezüglich des Status der Teilhabe russischsprachiger Gruppen eine zwiespältige Bilanz: Die Teilhabe im Bereich des gesellschaftlichen Engagements kann auf lokaler Ebene durchaus wahrgenommen werden, verzeichnet Erfolge und konzentriert sich dabei nicht nur auf die Arbeit von Russlanddeutschen für Russlanddeutsche. Im Gegensatz dazu erscheint die politische Teilhabe für Zuwanderer weniger gangbar und inhaltlich an eine minoritäre Interessenvertretung geknüpft.

Benjamin Reeve

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