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20.2.2019

Führen im digitalen Zeitalter?

Oberstleutnant Christian Hilleke vom Zentrum Innere Führung setzte sich in seinem Vortrag mit der Frage auseinander, inwiefern Digitalisierung Führungsaufgaben verändert habe.

Gleich zu Beginn stellte Hilleke infrage, ob sich durch die zunehmende Digitalisierung im Bereich Führung tatsächlich sehr viel verändert habe.

Oberstleutnant Christian Hilleke referierte über den Einfluss der Digitalisierung auf Führungsprozesse. (© bpb/BILDKRAFTWERK/Zöhre Kurc)


In der Bundeswehr sei es üblich, sich auf immer neue Situationen einzustellen: Gegner, Waffen, Arten der Kriegsführung änderten sich immer wieder, die Entwicklung halte nicht an. Ähnlich wie in der Wirtschaft, gälten auch bei der Bundeswehr nicht nur straffe Hierarchien – es sei wichtig, dass jeder Einzelne wisse, was er an seiner Stelle zum Ganzen beitrage. In der Führung sei die Kommunikations- und Vernetzungsfähigkeit von großer Bedeutung, die Menschen stünden im Mittelpunkt, es gehe um Vertrauen und Transparenz – dies habe sich durch Digitalisierung nicht wirklich verändert.

Hierarchien



Der Aussage, Hierarchien passten nicht mehr zur digitalen Welt, stimmte Hilleke nicht zu. Jemand müsse schließlich Entscheidungen auf ethisch-moralischer Basis treffen. Künstliche Intelligenz sei bereits sehr weit, doch das könne sie nicht leisten. Dabei, Hierarchien möglichst flach und vor allem schmaler zu gestalten, könne Digitalisierung helfen – ebenso bei der Entbürokratisierung. Prozesse und Abläufe könnten mit digitalen Technologien verkürzt werden. Am Ende müsse jedoch stets eine menschliche Entscheidung stehen.

Führung als kreativer Prozess



Hilleke beschrieb Führung als einen kreativen Prozess. Es ginge dabei nicht darum, Hierarchien abzuschaffen sondern die Einsicht zu verfolgen, dass sie sinnhaft erlebt werde. Das Wichtigste für eine Führungskraft im Umgang sei, ehrlich zu sich selbst und zum Personal zu sein, Fehler zuzugeben und Fehler zu verzeihen. Man müsse berechenbar für die eigenen Leute, aber unberechenbar für den Gegner sein. "Mitarbeiter müssen mich gut genug kennen, um meine Entscheidungen nachvollziehen zu können", so Hilleke. Führungskräfte müssten zudem kreativ und offen für Neues sein: "Internet und Facebook werden nicht verschwinden, wir müssen uns darauf einlassen, Dinge für uns nutzen, auch die Fähigkeiten und Ideen der Mitarbeiter nutzen und Raum für Kritik geben", so Hilleke. Führungskräfte müssten entscheidungsfreudig sein auf Basis gelebter Werte. Man müsse sich dem Diskurs stellen, in sozialen Medien oder per E-Mail, idealerweise jedoch in der direkten Begegnung. Wichtig sei es, selbst etwas zu verkörpern, Grundsätze wie eine Zusammengehörigkeitskultur zu leben. Führungserfolg sei keine One-Man/Woman-Show, sie erfordere die Bereitschaft, geführt zu werden, so Hilleke.

Kommunikationsverhalten



Die Bereitschaft der Bundeswehrangehörigen, sich für den Staat und seine freiheitlich-demokratischen Werte zu engagieren, hänge von der Bereitschaft ab, sich in die Gemeinschaft zu integrieren und ihren Wert zu erkennen. Führungskräfte müssten gemeinschaftsstiftend sein. Eine Herausforderung sei die zunehmende Individualisierung und Diversifizierung des Kommunikationsverhaltens. Nicht nur könne jeder sich eine Meinung bilden – er kann sie mit den sozialen Medien auch jederzeit äußern und verbreiten, über den Fußballclub, Stammtisch und die Arbeitsstelle hinaus. Hilleke sieht soziale Medien als Familien-/Gemeinschaftsersatz mit dem Risiko der Abhängigkeit. Er plädierte dafür, die normale, direkte Kommunikation nicht zu vergessen.

Fragen/Diskussion

Hilleke schilderte die Personalgewinnung als große Herausforderung für die Bundeswehr. Die Möglichkeit, zeitweise im Homeoffice zu arbeiten, sieht er als großen Gewinn. Versetzungen führten zu Umzügen und langen Pendelwegen. Homeoffice könne die Belastungen, zum Beispiel bei Eltern jüngerer Kinder, verringern. Es sei dabei Aufgabe der Führungskraft, die Aufgaben gerecht zu verteilen.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob durch die Digitalisierung und schnelle Kommunikationswege die Gefahr bestehe, dass Führungsebenen ausgehebelt werden, dass höhere Ebenen und auch politische Ebenen eingreifen, antwortete Hilleke, dass dies durchaus möglich sei. Es sei jedoch mittelfristig ungünstig, könne zu Widerständen, gar zu Kündigungen in den unteren Führungsebenen führen. Es sei oftmals besser, nicht alles, was möglich sei, zu nutzen, sondern stattdessen kooperativ zu führen.

Ein Teilnehmer fragte Hilleke nach dem Umgang mit der politischen Seite der Führung, also damit, dass die Bundeswehr Entscheidungen der Politik ausführen müsse. Er antwortete, dass er nicht mit jeder Entscheidung einverstanden sein müsse. Es sei die Stärke eines demokratischen Systems und von Führung, dass man damit leben, es akzeptieren, weitergeben und erklären könne, womit man nicht einverstanden sei – im Rahmen des Wertesystems des Grundgesetzes und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Dokumentation: Katharina Reinhold
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