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30.8.2012

Live-Berichterstattung und der Aktualitätsbegriff

Live-Berichterstattung und der Aktualitätsbegriff

Von Bedeutung ist vor allem, dass sich im Verlauf der Fernsehentwicklung auch das Verständnis von Aktualität selbst entscheidend geändert hat. War mit "Aktualität" anfangs eine zeitunabhängige Relevanz für den Zuschauer gemeint, wurde darunter später eine zeitgebundene Nähe von Meldung und Ereignis verstanden. Das Fernsehen etablierte eine fast zeitgleich mit dem Geschehen selbst gesendete Information, weil die Live-Berichterstattung eine solche 'Gleichzeitigkeit' zuließ. Deutlich wurde und wird dies immer bei besonderen Ereignissen: So z. B. bei der Berichterstattung über den Fall der Mauer am Abend des 9.11.1989, als das Berliner Regionalfernsehen Bilder von den Menschen an der Mauer zeigte, oder am 11.9.2001, als die öffentlich-rechtlichen Sender tagsüber den Programmablauf geändert hatten und permanent live vom Einsturz des World Trade Center in New York City berichteten.

Neue Übertragungstechniken

Das Fernsehen hat auf diese Weise den Aktualitätsbegriff selbst verändert. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Live-Berichterstattung ebenso wie die elektronische Bildaufzeichnung ab 1958/59 eine unmittelbare Informationsübermittlung gestatteten. Die Satellitenverbindung, die seit den 1970er Jahren ausgebaut wurde, ermöglichte in den 1980er Jahren Live-Berichte rund um den Globus und ließ Schaltungen zwischen den Sendezentren in Hamburg oder Mainz und den Korrespondenten in Washington, Bagdad oder Moskau, z. B. im Rahmen der Kriegsberichterstattung, zu.

Dabei gibt es inzwischen vielfältige Kombinationsmöglichkeiten von 'live' und 'Film'. Die Live-Berichterstattung, zum Beispiel zu den Anschlägen auf das World Trade Center, lässt den Zuschauer die Betroffenheit hautnah spüren, die z. B. auch einen erfahrenen Anchorman wie Ulrich Wickert ergriffen hat. Der eingespielte 'Film' fasst dann knapp zusammen, was geschehen ist, wobei der 'Film' immer eine Aufzeichnung und narrative Komprimierung des Geschehens ist. Dieselbe Aufnahme – etwa wie das zweite Flugzeug in den Tower rast – kann damit sowohl am Anfang als auch am Ende des Filmberichts gezeigt werden (vgl. Hickethier 2003).

Informationen zum "hineinzappen"

Insgesamt müssen die Nachrichtensendungen als ein laufendes Band von Meldungen verstanden werden. In diese können sich die Zuschauer "hineinzappen" – mit der Vorstellung, dadurch an den Geschehnissen der Welt teilzuhaben. Zwar betreffen oft nur wenige Nachrichten das unmittelbare Lebensumfeld des Zuschauers, so dass die meisten Meldungen aufgrund mangelnder Relevanz schnell wieder vergessen werden. Doch bei besonderen Anlässen und herausragenden Ereignissen wird die Intensität der Berichterstattung in der Regel erhöht. Die Zuschauer können sich umfassend informieren und dieses Angebot annehmen, um mehr zu erfahren und den aktuellen Stand der Nachricht abzurufen. Deshalb steigt bei besonderen Ereignissen (Katastrophen, Kriegen, Finanzkrisen etc.) die Nachrichtennutzung deutlich an.
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