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30.8.2012

Industrialisierung der Produktion

Die Veränderung der Speichertechnik revolutionierte den Produktionsbetrieb und führte zu einem filmähnlichen Aufnahmeverfahren. Große Studiobetriebe, z. B. die Bavaria Atelierbetriebsgesellschaft, arbeiteten an der Kombination von Film- und Fernsehkameras, um die Vorteile der elektronischen Fernsehproduktion (lange, durchgespielte Szenen) und des Films (bessere Bildqualität) gleichermaßen zu nutzen.

Kurt Wilhelm prägte die Industrialisierung der Fernsehproduktion. (© picture-alliance)


Für die Zuschauer waren die technischen Veränderungen weitgehend unsichtbar, weil sich Konsequenzen in Produktionsweisen und Inszenierungsstilen erst langfristig durchsetzten. Regisseure wie Rudolf Noelte beklagten im Westen den angeblichen Verlust der Intensität des Spiels durch die Abkehr von Live-Übertragungen. Den Siegeszug der magnetischen Aufzeichnungstechnik konnten sie jedoch nicht verhindern. Ähnliche Diskussionen fanden im DDR-Fernsehen nicht statt.

Versuche, Fernsehkameras beweglicher zu machen, sie vom Studio zu entkoppeln, wurden in diesen Jahren nicht systematisch verfolgt. 1957 wurden in einem Bericht über die Bundesgartenschau in Köln drahtlose Bilder aus einem Luftschiff gesendet. Die Mobilität "fliegender Kameras" war allerdings sehr eingeschränkt, so dass sie nur begrenzt eingesetzt wurden.

Kurt Wilhelms "industrielle Produktionsweise"

Nichts kennzeichnet die Veränderung der Fernsehproduktion mehr als ein Musiktheaterprojekt von Kurt Wilhelm, der 1961 für das Deutsche Fernsehen zwölf Operetten in Wien produzierte. "Das Deutsche Fernsehen muss endlich auf Fabrikbetrieb umschalten", verkündete er. Die Produktion eines Stückes kostete statt der üblichen sechs nur fünf Millionen Mark. Er realisierte dadurch eine "industrielle Produktionsweise", dass er langfristig ein Atelier außerhalb der Saison mietete, Kulissen aus wieder verwendbaren Bauelementen herstellen ließ, in den Zwangspausen Programmfüller wie Kabarett-, Ballett- oder Musiksendungen produzierte und ein kombiniertes Double- und Playback-Verfahren nutzte. So kam er mit 15 statt der üblichen 25 Drehtage aus. Zwar erregte diese synthetische Produktion den Widerspruch der Kritik (der "Zauber des Menschlichen" ginge verloren), doch hatte die Rationalisierung gravierende Folgen für die weitere Fernsehproduktion. Sie gab entscheidende Impulse, die Produktionsabläufe neu zu konzipieren.
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