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3.2.2020

Alles so schön glatt hier…!

Eine Wohnsiedlung in Balaschicha. Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Svetlov Artem / Wikimedia Commons)


Ach, wie niedlich… denke ich, als wir die Eingangshalle passieren und im ersten Stock der Schule in Balaschicha empfangen werden. Ein Mädchen mit blonden Zöpfen und ein Junge in Hemd und Weste halten mit Erde befüllte Plastikbecher und Blumensamen für uns bereit, die später ausgepflanzt werden sollen. Als hätte er nur auf die Frage gewartet, was denn das für Samen seien, antwortet der Junge beflissen: Phlox! Wow, denke ich. Spontan fällt mir zuhause kein einziger Junge im Alter von zehn, elf Jahren ein, der diese Staudenpflanze kennen würde.

Zugegeben, ich bin ein bisschen beeindruckt…. Balaschicha ist ein Vorort von Moskau, nicht besonders schön. Viel Grau und die Hochhaus-Plattenbau-Siedlungen erinnern mich sehr an Städte des ehemaligen Ostblocks. Mittendrin ein Schulbau, der auf den ersten Blick moderner nicht sein könnte. Ich war sehr gespannt auf den Programmpunkt in der Schule, denn im Job sind meine Themen vor allem Bildung und Wissenschaft.

Gibt es hier Schülerbeteiligung und wenn ja, wie sieht sie aus? Wie funktioniert das russische Bildungssystem? Das waren nur einige Fragen, die ich mir im Vorfeld gestellt habe.

Wir betreten einen großen Raum, der Landrat hält dort heute seine turnusgemäße Sitzung ab. Nach einer kurzen Begrüßung erklärt man uns, Schüler/-innen würden hier schon von Anfang an beteiligt. Jede/-r könne sich Projekte aussuchen, in die er sich dann einbringe. Was folgt, sind zwei Beispiele aus dem russischen Bildungslehrbuch.

Ein Mädchen und ein Junge aus der Mittestufe – beide auch herausgeputzt - halten nacheinander Referate oder besser gesagt lesen Texte vor, die kein Mittelstufenschüler allein verfasst haben kann. Das Mädchen hält ihren Vortrag über ein Rollstuhlprojekt – man will offenbar zeigen, wie behindertenfreundlich die Schule in Balaschicha ist. Das Kind, für das man die Wege rollstuhlgerecht geschaffen haben will, lernen wir nicht kennen. Der Junge referiert über einen Schulgarten, den er mit Mitschüler/-innen angelegt haben will. Ja, Grün und Klima wollen hier auch angekommen sein. Bilder von dem Garten sehen wir keine. Mit Stolz hingeführt werden wir – obwohl erst Nachmittag - auch nicht. Seine offenbar pflanzbegeisterten Mitschüler/-innen stecken wohl noch im Unterricht oder sind schon nach Hause gegangen…

Nach ihren Vorträgen huschen die beiden schnell aus dem Raum an uns vorbei, nicht ohne ihren Lehrer/-innen oder Mentor/-innen einen lobheischenden Blick zuzuwerfen. Wir interessieren sie gar nicht. Fragen? Nicht erlaubt bzw. keine vorgesehen. Die Kinder sehen wir nicht mehr wieder, auch hinterher bei Plätzchen und Tee sind sie nicht dabei. Für einen Termin in einer Schule kommen wir erstaunlich wenig mit denen in Kontakt, um die es eigentlich gehen sollte: mit den Kindern! Stattdessen nur auf Linie getrimmte Lehrer/-innen und Funktionäre, die uns vormachen wollen, wie "beteiligt" man hier ist.

Und spätestens als ich auf die Toilette gehe, weiß ich, dass es sich hier um eine Vorführung handeln muss: alles tip top sauber, keine Klobürste und die Schüsseln klinisch rein. Wer je auf einer Schultoilette in Deutschland war, weiß, so kann es nicht aussehen. Es sei denn, man wollte es so.

Mein anfänglicher Eindruck hat sich bestätigt: Alles so schön glatt hier. Zu glatt!

Gabriela Mirkovic

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